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Aus: Ausgabe vom 12.10.2020, Seite 6 / Ausland
Syrien

Nur das Notwendigste

Der Wirtschaftskrieg der USA und der EU gegen Syrien hindert das Land am Wiederaufbau. Die Coronakrise erschwert diesen weiter
Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Junge mit einem Paket des Welternähungsprogramms in der syrischen Stadt Aleppo am 10. April 2019

»Ob es Erkrankungen mit dem Coronavirus gibt? In Damaskus gibt es nur sechs Labore, wo man sich testen lassen kann. Die Tests sind teuer, also lassen sich nur die testen, die es müssen, weil sie reisen wollen, und die genug Geld dafür haben.«

Joseph B. ist es gewohnt, konkret Auskunft auf Fragen von ausländischen Journalisten zu geben. Während des Krieges hat der Mann vom Bab Tuma, dem Thomastor in der Damaszener Altstadt, unzählige Journalisten durch Syrien begleitet. Selbst als der Krieg vor den Toren der syrischen Hauptstadt stand, war er immer zur Stelle. Doch mit der Coronapandemie sind die Grenzen nach Syrien geschlossen und Joseph B. hat keine Arbeit. Ausländische Journalisten sind seit Monaten nicht mehr ins Land gekommen, das Geschäft liegt brach. Die Autorin selber durfte als akkreditierte Journalistin in Syrien nur mit einer Sondergenehmigung einreisen.

Er gehe davon aus, dass das Virus ernsthafte Erkrankungen auslöse, so Joseph B. Seine Familie und er seien im August krank gewesen, erzählt er und holt sein Coronatagebuch hervor: »Die ersten vier Tage waren hart, wir hatten hohes Fieber, Kopfschmerzen, schweren Durchfall. Wir hatten keinen Hunger und hätten sowieso kein Essen bei uns behalten können. Am fünften Tag hatte ich keinen Geschmacks- und Geruchssinn mehr, und ich hatte enormen Bluthochdruck. Wir riefen einen Arzt, der uns sagte, wir sollten zu Hause bleiben, viel trinken und möglichst viel schlafen. Am neunten Tag ging es mir besser, und als der Arzt am zehnten Tag noch einmal kam, sagte er nur: Glückwunsch! Ihr seid stark, ihr habt Corona besiegt!« Seine Frau und die Kinder seien weniger stark betroffen gewesen, doch in der Nachbarschaft seien in dieser Zeit viele Menschen gestorben: »Manchmal fünf an einem Tag. Das war zu viel!«

Seit Beginn der Covid-19-Pandemie haben Regierungen weltweit begonnen, drastische Maßnahmen zu ergreifen, um das Coronavirus einzudämmen. In Syrien ließ sich allerdings nur wenige Wochen ein Lockdown des gesellschaftlichen Lebens durchsetzen. Viele Menschen sind Tagelöhner und haben nichts zu essen, wenn sie nicht arbeiten, sagt Anas M., ein Freund von Joseph B. Das Leben sei ohnehin schon schwer genug. Jetzt würden die Menschen versuchen Abstand zu halten, und manche trügen Masken. Doch die meisten lebten wie eh und je, sie hätten auch keine andere Wahl.

Die Grenzen zwischen Syrien, dem Libanon und Jordanien seien geschlossen, erzählt Anas M. Er hat ein Importunternehmen für Medikamente und Rohstoffe zu ihrer Herstellung. Waren könnten nur mit Sondergenehmigung passieren. Das syrische Wirtschaftsministerium habe kürzlich die Einfuhrbestimmungen verschärft, was Kleinunternehmer wie ihn in die Knie zwinge. Geschäftsleute sollten bei Importen aus dem Ausland jeweils eigene Container mieten und sie nicht mehr mit anderen teilen, erklärt Anas M. Das sei sehr teuer und die meisten könnten sich das gar nicht leisten.

Die Sanktionen der Europäischen Union und der USA bedeuten für viele Syrer einen Wirtschaftskrieg. Die Einschränkungen wegen Corona tun ihr übriges. Die Menschen können ihre Unternehmen nicht wieder aufbauen, weil sie keine Ersatzteile oder Rohstoffe importieren können. Und selbst wenn sie sich auf halblegale oder illegale Wege des Imports und Exports einlassen, können sie nicht mit US-Dollar bezahlen. Die internationale Handelswährung ist wegen umfangreicher Finanzsanktionen gegen Syrien knapp und teuer geworden. Die Wirtschaftskrise im Nachbarland Libanon und die Zerstörung des Hafens von Beirut verschärfen die Lage. Knappheit an Öl und Benzin – verursacht durch die US-amerikanische Besetzung der syrischen Öl- und Gasfelder im Nordosten des Landes in Hasaka und Deir Al-Sor – erschwert die Stromerzeugung und verteuert den Transport. Die syrische Bevölkerung hat schon lange keine Möglichkeit mehr, anderes als das Notwendigste für den Alltag einzukaufen.

Die vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) verteilte Nothilfe an Inlandsvertriebene sei ein zweischneidiges Schwert, sagt Anas M. »Vielleicht ist es genug zum Überleben, aber Menschen brauchen keine Nothilfe, sie brauchen Arbeit.« Er als Kleinunternehmer könnte zwei bis drei Leute beschäftigen, wenn ihn die wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen des Auslands nicht behinderten. Große Unternehmen und der Staat würden noch mehr als er durch die von der EU und den USA verhängten Sanktionen daran gehindert, ihr Geschäft wieder aufzubauen und Arbeitsplätze für die Menschen zu schaffen. »Wer arbeitet, ernährt mindestens eine Familie von fünf Personen«, rechnet Anas M. vor. »Menschen, die Arbeit haben, brauchen keine Essenspakete vom Welternährungsprogramm oder sonst irgend jemandem. Und Menschen, die arbeiten, können in Häusern leben, nicht in Zelten!« Das aber sei von den USA und der EU nicht gewollt, so Anas M.: »Sie wollen Syrien zerstören.«

Die BRD und die USA sind die größten Geber für das Welternährungsprogramm, das am Freitag für seine Nothilfeprogramme mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Mag das Programm manches Leid lindern, dient es in Syrien seinen Geldgebern vor allem als Instrument, um die Folgen der einseitig verhängten wirtschaftlichen Strafmaßnahmen, die Syrien am Wiederaufbau hindern, abzufedern.

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