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Aus: Ausgabe vom 12.10.2020, Seite 5 / Inland
Serie

Vorsorge ohne Pharmalobby

In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verlorenging Teil 2: Poliklinik statt Chefarztbehandlung
Von Unentdecktes Land
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Alles was nötig war: Zahnstation in der Betriebspoliklinik des Kombinats Schwarze Pumpe 1972

Auferstanden aus Ruinen und untergegangen durch den Anschluss. Was machte die DDR einzigartig? Dieser Frage widmet sich unsere Artikelreihe, die soziale Errungenschaften in den Blick nimmt, die für die Menschen im sozialistischen deutschen Staat selbstverständlich waren. Die siebenteilige Serie erscheint als Kooperation des Vereins Unentdecktes Land (unentdecktes-land.org), der Internationalen Forschungsstelle DDR (ifddr.org) und der Tageszeitung junge Welt.

Eine Umfrage der Friedrich-Naumann-Stiftung kommt 2015 zum Ergebnis: »Jeder zweite Deutsche wünscht sich das DDR-Gesundheitssystem zurück.« Das, aber vor allem seine Zerstörung nach Plan und 30 Jahre erlebte Planlosigkeit des heutigen Gesundheitssystems, sind Grund genug für einen Blick zurück in die Zukunft – auf das andere deutsche Gesundheitswesen.

Schon 1945 werden in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) Forderungen linker Ärzte der Weimarer Republik für ein sozial gerechtes und allgemein zugängliches Gesundheitssystem richtungsweisend. In den »Sozialpolitischen Richtlinien« der SED finden sich bereits 1946 die wesentlichen Grundlagen des Gesundheitswesens der DDR: staatlich, geplant, allgemein zugänglich, unentgeltlich, unter Ausschluss privatwirtschaftlicher Interessen, prophylaktisch orientiert, wissenschaftlich. Das zeigt: Ein sozialrevolutionärer Wandel setzte lange vor der Gründung der DDR ein.

Im Westen hingegen werden solche progressiven Ideen nicht zur Praxis. Stattdessen sitzen ehemalige Nazikader ärztlicher Standespolitik an den Schalthebeln. Leute wie Karl Haedenkamp (vor 1945 Beauftragter für die »Ausschaltung jüdischer und sozialistischer Ärzte«) prägen die dortige Entwicklung, althergebracht und standesgemäß.

Auf Grundlage der poliklinischen Idee entsteht in der SBZ/DDR unter Beachtung des Zusammenhangs von Prophylaxe, Diagnostik, Therapie und Nachsorge, die die Sicht auf die »biosoziale Einheit« des Menschen ermöglicht, ein dichtes Netz ambulanter Einrichtungen, eng verbunden mit dem stationären Bereich – neben der Eigentumsfrage die entscheidende Voraussetzung für Integration zwischen ambulanter und stationärer Betreuung. Eine dem Bedarf entsprechende Arbeitsteilung sowie dem Patienten dienliche Gemeinschaftsarbeit wird damit befördert. Ambulante Mediziner arbeiten im kollegialen Austausch mit den Fachleuten im Krankenhaus zusammen, anstatt als »Geschäftskonkurrenten« gegeneinander: Doppelbehandlung und Fehldiagnose werden vermieden. So bleibt dem Patienten ein gewaltiger Mehraufwand an Zeit und Mühe und dem System die Verschwendung von Mitteln erspart.

Umgesetzt wird dies vor allem in den 625 Polikliniken. Jede von ihnen verzahnt mindestens fünf ärztliche Abteilungen. Zusätzlich stehen 1989 den Arbeitern und ihren Familien 518 Betriebspolikliniken bzw. -ambulatorien zur Verfügung. Das Betriebsgesundheitswesen komplettiert und verdichtet die Versorgung – Credo: Dort, wo ich meine Kraft hintrage und den Körper nicht schone, dort gehe ich auch zum Arzt. Damals normal, heißt es heute: Ärztliche Behandlung contra Arbeitsplatz, was tausendfach für das Ausbleiben medizinischer Betreuung sorgt. Im Zuge des Anschlusses der DDR wird dieser Bereich der DDR-Medizin nahezu ausgelöscht.

Die Gesundheitsversorgung ist bis in den letzten Winkel der Republik garantiert. Neben den Polikliniken existieren in der DDR 539 Krankenhäuser, 1.020 Ambulatorien, 1.635 staatliche Arztpraxen und 5.585 Gemeindeschwesterstationen. 1989 kommt statistisch ein Arzt auf 400 Einwohner. Ein international beachtlicher Betreuungsschlüssel und eine Höchstleistung, bedenkt man, dass von Anfang an Ärzte fehlten. Viele verließen wegen der Entnazifizierung die SBZ; eine ganze Ärztegeneration musste neu ausgebildet werden. Aber auch wegen des besseren Verdienstes im Westen kehrten zahlreiche Mediziner der DDR den Rücken.

Die, die bleiben, setzen Maßstäbe. Gesundheitliche Vorsorge wird zum Markenzeichen der DDR. 50 Prozent aller finanziellen Aufwendungen des Gesundheitswesens entfallen auf die Prophylaxe: vorbeugende Untersuchungen in Krippe, Schule und am Arbeitsplatz. Systematische Früherkennung von Krebs und die regelmäßige Röntgenuntersuchung der Lunge sind Pflicht.

Eine Pflicht zum Impfen gibt es nicht, trotzdem machen es nahezu alle. Der erforderliche Immunisierungsgrad wird ohne Schwierigkeiten erreicht. Besonders in den Aufbaujahren beweist sich das System als sehr leistungsfähig. Für viele wichtige Indikatoren des Gesundheitszustands der Bevölkerung werden günstige Werte erreicht. So reduziert die DDR die Säuglings- und die Müttersterblichkeit drastisch. Dies, aber auch das entwickelte Dispensaire-System der DDR, oder ihr weltweit einzigartiges Krebsregister bringen das Gesundheitswesen in vielen Kategorien auf internationale Spitzenplätze. 1973 beschließt die 26. Weltgesundheitsversammlung einstimmig die Aufnahme der DDR in die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Die DDR lässt sich ihr Gesundheitswesen, in dem von der Zahnprothese bis zur »Pille« alles kostenfrei und Zuzahlungen in Praxis und Apotheke unbekannt sind, einiges kosten: jährlich etwa 4,5 Milliarden Euro. Kein Geld gibt es für Esoterik, Homöopathie oder die Absatzsicherung von Pharmakonzernen. Das spart Mittel. Doch am meisten spart die DDR, indem sie den Verwaltungs-GAU Hunderter konkurrierender Krankenkassen vermeidet. Während für die Verwaltung des DDR-Gesundheitswesens 0,73 Prozent der staatlichen Zuschüsse draufgegangen sind, sind es in der BRD fünf Prozent. 2018 kostet allein die Verwaltung der gesetzlichen Krankenversicherung die BRD über acht Milliarden Euro – wie marode ist das denn?

Unverzichtbar!

»Ich schätze die junge Welt wegen ihrer solidarischen Haltung und Berichterstattung zu Kuba. Dabei deckt sie Fake-News auf und schreibt über sonst totgeschwiegene Themen.« Samuel Wanitsch, Mitglied der nationalen Koordination der Vereinigung Schweiz-Kuba

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

In der Serie In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verloren ging:

In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verloren ging

Auferstanden aus Ruinen und untergegangen durch den Anschluss. Was machte die DDR einzigartig? Dieser Frage widmet sich unsere Artikelreihe, die soziale Errungenschaften in den Blick nimmt, die für die Menschen im sozialistischen deutschen Staat selbstverständlich waren. Die Serie erscheint als Kooperation des Vereins Unentdecktes Land, der Internationalen Forschungsstelle DDR und der Tageszeitung junge Welt.

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