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Aus: Ausgabe vom 10.10.2020, Seite 15 / Geschichte
Geschichte der Arbeiterbewegung

Tumulte im Volkspark

Vor 100 Jahren entschied sich auf einem Parteitag in Halle eine Mehrheit der USPD für den Anschluss an die Kommunistische Internationale
Von Leo Schwarz
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Zehn Jahre nach dem Parteitag in Halle gut gelaunt zurück in der SPD: Wilhelm Dittmann (links) und Artur Crispien (Berlin, 18.7.1930)

Der Vorwärts hatte es kommen sehen: Bereits in der Abendausgabe vom 12. Oktober 1920, als in Halle der außerordentliche Parteitag der USPD gerade eröffnet worden war, der nach monatelangen Auseinandersetzungen abschließend über den Beitritt der Partei zur 1919 gegründeten Kommunistischen Internationale (KI) entscheiden sollte, warnte das SPD-Zentralorgan in einem »eigenen Drahtbericht« vor einer »starken Mehrheit der Moskowiter«. Einer »Kommunistenmehrheit« von 220 Delegierten stünden nur 158 sichere Gegner eines Beitritts gegenüber. Auch sonst zeigte sich der Vorwärts-Korres­pondent orientiert: Es gebe Gerüchte, wonach der rechte Flügel, sollte er bei der entscheidenden Abstimmung unterliegen, den Parteitag sprengen und sich »an einem anderen Orte« neu konstituieren wolle.

Im Volkspark zu Halle (das Gebäude – eines der größten der vor dem Ersten Weltkrieg mit Arbeitergroschen errichteten Volkshäuser – gibt es noch) ging es in jenen Oktobertagen um viel: Nicht nur um die Schaffung einer kommunistischen Massenpartei in Deutschland, sondern ganz grundsätzlich um die Attraktivität, Handlungsfähigkeit und Konsolidierung der Kommunistischen Internationale in den kapitalistischen Zentren des »Westens«. Von hier ging eine Signalwirkung insbesondere für Frankreich und Italien aus, wo ähnliche Entscheidungen unmittelbar bevorstanden: Nach dem II. Weltkongress der KI im Sommer 1920 (siehe jW-Thema vom 7.8.2020) war in diesen drei Ländern der Prozess der Trennung der kommunistischen Strömung der Arbeiterbewegung von den zentristischen Organisationen und Führern in die entscheidende Phase eingetreten.

An der Wegscheide

Die Arbeiterbewegung in Deutschland stand im Herbst 1920 an einer Wegscheide. Die USPD war, obwohl vollkommen zerstritten, auf dem Weg, zur Mehrheitspartei der Arbeiterbewegung zu werden. Vor dem Parteitag von Halle zählte sie nach einer Phase stürmischen Wachstums knapp 900.000 Mitglieder. Die Partei gab rund 60 Tageszeitungen heraus. Bei der Reichstagswahl im Juni 1920 hatte sie knapp fünf Millionen Stimmen erhalten – sie lag damit in Schlagdistanz zur SPD. In den Gewerkschaften besaß die Partei großen Einfluss. Obwohl die Aktionsfähigkeit der USPD aufgrund der Verwerfungen der Parteispaltung von 1916/17 auch 1920 noch nicht überall gewährleistet war, zeichnete sich doch eine Tendenz ab: Während sich die USPD zur Mehrheitspartei des »geschulten«, überwiegend schon vor 1914 politisch aktiven Teils der Arbeiterklasse vor allem in den urbanen und industriellen Zentren entwickelte, hatte sich der Schwerpunkt der Mitglieder- und Wählerbasis der SPD – abgesehen von einem wachsenden Angestelltenelement in den Mittel- und Großstädten – in Richtung »rückständiger«, häufig kleinstädtischer, meist erst mit der Revolution von 1918/19 politisierter Arbeiterschichten verlagert.

Anfang Dezember 1919 hatte der Leipziger USPD-Parteitag gezeigt, dass der linke, revolutionär-sozialistische Flügel der Partei inzwischen die Mehrheit der Mitglieder hinter sich hatte. Der Parteitag hatte ein linksradikales Aktionsprogramm beschlossen, jede Einigung mit den »Noske-Sozialisten« abgelehnt und insbesondere eine weitere Beteiligung der USPD an den Bemühungen zur Reorganisation der 1914 zusammengebrochenen II. Internationale verworfen. Nur durch eine geschickte Regie war es der zentristischen Führungsgruppe um Artur Crispien und Wilhelm Dittmann gelungen, im Sattel zu bleiben und die Delegiertenmehrheit davon abzuhalten, einem von Walter Stoecker eingebrachten Antrag auf einen sofortigen und bedingungslosen Beitritt der USPD zur Kommunistischen Internationale zuzustimmen – in einer »Kompromissresolution« hatte sie sich freilich darauf festlegen müssen, Verhandlungen mit dem Ziel eines späteren Beitritts aufzunehmen.

Nach Leipzig war die USPD-Spitze, angetrieben vor allem von Rudolf Hilferding, damals Chefredakteur der Berliner USPD-Zeitung Freiheit, mit Manövern beschäftigt, mit denen sie einen KI-Beitritt der Partei entweder ganz verhindern oder aber, wenn es unter dem Druck der Mehrheit der Parteimitglieder nicht anders ging, zu »Sonderbedingungen« durchsetzen wollte. Ein Brief des Exekutivkomitees der KI an die USPD-Führung, den diese zunächst vor der Partei geheim hielt, durchkreuzte im April diese Bestrebungen: Darin wurden die »Hauptfehler« der USPD kritisiert und die »rechten Führer der Unabhängigen« beschuldigt, die »Bewegung zurück in den Sumpf der gelben II. Internationale ziehen« zu wollen. Damit war klar gesagt, dass die KI nicht bereit war, die USPD ohne eine tiefgreifende Veränderung ihrer politischen Ausrichtung und Zusammensetzung zu integrieren. Die »Leitsätze über die Bedingungen der Aufnahme in die Kommunistische Internationale«, die der II. Weltkongress der KI wenig später billigte, führten im Detail aus, wie das gemeint war.

Diese »21 Bedingungen« boten Crispien, Dittmann, Hilferding und ihren Anhängern allerdings die Chance, sich neu zu maskieren: Ihre Linie bestand nun darin, nicht den Beitritt zur KI als solchen, sondern »nur« diese Bedingungen abzulehnen. So gelang es ihnen, sich auch die Unterstützung des einflussreichen Parteilinken Georg Ledebour zu sichern. Bei einer Reichskonferenz Anfang September 1920 trafen die beiden Lager in offener und heftiger Konfrontation aufeinander.

Die Zentristen agierten durchaus klug, indem sie die Frage der inneren Organisation und der Autonomie der USPD gegenüber der Internationale in den Vordergrund stellten. In der USPD agierten die einzelnen Kreise und lokalen Leitungen beinahe unabhängig von den Bezirksleitungen, die wiederum gegenüber dem Zentralkomitee politisch selbständig waren. Auch die Redaktionen der Parteizeitungen arbeiteten autonom. Obwohl dieser Politikstil zu einem Höchstmaß an Uneinheitlichkeit in der Aktion und der Propaganda führte, wollten ihn viele USPD-Mitglieder, die sich noch an die »Diktatur« der »Instanzen« und der Reichstagsfraktion in der SPD erinnerten, nicht aufgeben. In den »21 Bedingungen« war aber eine strikte Unterordnung der Parteiorganisationen und der Parteipresse unter die politische Linie des Zentralkomitees und der Gesamtpartei unter die Beschlüsse der Internationale gefordert worden.

Schnelle Entscheidung

Die Parteispitze ahnte indes, dass das eine vorübergehende Stimmung war, die kaum hinreichen würde, um die Partei dauerhaft auf Distanz zu »Moskau« zu halten. Nach der Reichskonferenz bemühte sie sich deshalb, eine schnelle Entscheidung herbeizuführen. Unter dem Protest des linken Flügels brach sie die Parteidebatte ab und zog den außerordentlichen Parteitag um mehrere Wochen vor. Sie begann nun auch – was bis dahin in der USPD (sieht man von dem isolierten Karl Kautsky ab) nicht üblich war – mit offenen Angriffen auf die Bolschewiki, die russische Revolution und das »asiatische« Russland, in dem keiner der analphabetischen Bauern und kein Arbeiter eine richtige Vorstellung davon habe, was der Kommunismus sei. Das war eine folgenreiche Entwicklung – Karl Radek hielt diese Polemiken von »links« für weitaus wirkungsvoller als die dreijährige Kampagne der bürgerlichen Presse gegen die Revolution.

In Halle wurde in der Debatte über den politischen Bericht des Zentralkomitees schnell klar, dass der Bruch bevorstand: Sprecher des linken Flügels wie Stoecker und Richard Müller warfen der Mehrheit des Zentralkomitees vor, fortwährend die Beschlüsse des Leipziger Parteitages sabotiert und während des Kapp-Putsches versagt zu haben. Crispien wiederum bezeichnete die führenden Linken als »unfertige Genossen«, die »noch nicht einmal das ABC der Politik begriffen haben«. Die KPD kanzelte er als »Gemisch von allen möglichen putschistischen unklaren Ansichten« ab.

Am dritten Beratungstag sprach der Komintern-Vorsitzende Grigori Sinowjew vier Stunden lang zu den Delegierten und zahlreichen interessierten Zuhörern in dem übervollen Saal. Unter anderem mit der Bemerkung, dass die reformistischen Gewerkschaften gefährlicher seien als »weiße« konterrevolutionäre Organisationen, löste er bei den rechten Delegierten Tumulte aus. Am 16. Oktober stimmten 237 Delegierte (darunter der spätere KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann) für und 156 (darunter der spätere DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl) gegen den Anschluss der USPD an die KI nach Maßgabe der »21 Bedingungen«. Unmittelbar nach der Abstimmung erhob sich Crispien und erklärte, die Versammlung sei kein Parteitag der USPD mehr. »Zur Vermeidung eines etwaigen Kampfes um das Lokal« forderte er seine Anhänger auf, den Saal zu verlassen. Diese traten am 17. Oktober in der Zoogaststätte erneut zusammen und setzten den »Parteitag« fort. Damit war die Partei gespalten.

Das alte Organisationsgesetz linker Parteien – Fraktionen, Redaktionen, Parteiangestellte usw. stehen im Durchschnitt rechts von der Mitgliedschaft – galt auch in der USPD: Zwei Drittel der Reichstagsabgeordneten blieben der Gruppe um Crispien treu, die sich auch die Parteikasse und die meisten Parteiblätter sichern konnte. Eine Mehrheit der Mitglieder löste sich im Zuge der Spaltung allerdings von der USPD; viele schlossen sich der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands, die Anfang Dezember 1920 aus der Vereinigung der USPD (Linke) und der KPD hervorging, an. Damit gab es zur Jahreswende 1920/21 in Deutschland eine kommunistische Massenpartei mit mehr als 400.000 Mitgliedern.

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