Gegründet 1947 Sa. / So., 5. / 6. Dezember 2020, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2453 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.10.2020, Seite 6 / Ausland
Berg-Karabach

Moskau lädt ein

Außenminister Armeniens und Aserbaidschans zu Gesprächen in Russland
Von Nick Brauns
RTX80JLA.JPG
Überreste einer Rakete auf den Straßen Stepanakerts (7.10.2020)

Knapp zwei Wochen nach Beginn des Krieges um die armenische Exklave Berg-Karabach sind die Außenminister Aserbaidschans und Armeniens am Freitag zu Waffenstillstandsgesprächen nach Moskau aufgebrochen. Das erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. Vorangegangen war ein Aufruf von Russlands Präsident Wladimir Putin zu einer Waffenruhe aus »humanitären Gründen zum Austausch von Gefallenen und Gefangenen«. Russland gilt als Schutzmacht Armeniens, wo sich ein russischer Truppenstützpunkt befindet, unterhält aber zugleich gute Beziehungen zu Aserbaidschan.

Noch am Donnerstag hatte das Verteidigungsministerium in Baku Forderungen nach einem Waffenstillstand zurückgewiesen und dabei Rückendeckung durch die türkische Regierung erhalten. Die Türkei unterstützt die Offensive mit Beratern in der Führung der aserbaidschanischen Streitkräfte und dschihadistischen Söldnern aus Syrien. Bevor über einen Waffenstillstand gesprochen werden könne, müsse sich Armenien aus den besetzten aserbaidschanischen Gebieten zurückziehen, forderte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar.

Seit ihrer Einnahme durch armenische Truppen Anfang der neunziger Jahre wurde die Bergregion Karabach zur Festung ausgebaut. Zudem halten armenische Truppen sieben weitere aserbaidschanische Provinzen, deren aserische Bewohner vertrieben wurden, als Pufferzone besetzt. Da die befestigten Verteidigungslinien an den Außengrenzen der international nicht anerkannten Republik Arzach für Bodentruppen schwer zu überwinden sind, setzt die aserbaidschanische Seite auf die Zermürbung der Zivilbevölkerung durch Luft- und Artillerieangriffe im Hinterland. So wurden Wohngebiete der Hauptstadt von Arzach, Stepanakert, mit Streubomben beschossen. Auch die als Symbol der armenischen Herrschaft über Berg-Karabach geltende historische Kathedrale von Schuscha wurde am Donnerstag durch Raketenbeschuss schwer beschädigt. Mindestens 400 Soldaten und Zivilisten sind im Zuge der seit dem 27. September laufenden aserbaidschanischen Offensive getötet worden.

Auf den ersten Blick erinnert die militärische Lage an den türkischen Angriff auf den syrisch-kurdischen Kanton Afrin Anfang 2018. Auch dort kam die mit schweren Waffen angreifende Armee gegen die in den Hügeln eingegrabenen kurdischen Verteidigungskräfte wochenlang kaum voran. Den Ausschlag für die türkische Einnahme des Kantons gaben Luftangriffe auf zivile Infrastruktur. Doch anders als die Kurden, die dem nichts entgegensetzen konnten, verfügen die Verteidigungskräfte von Arzach über ZSE-23-4 Schilka Luftabwehrsysteme aus sowjetischen Beständen, mit denen Flugkörper in einer Höhe bis zu 1.500 Meter zerstört werden können.

Ob es auf Moskauer Initiative zu einem dauerhaften Waffenstillstand kommt, hängt weniger von der militärischen Lage als von äußeren politischen Entwicklungen ab. »Aserbaidschan entscheidet nicht mehr selbst über sein Schicksal, das macht die Türkei«, hatte der armenische Präsident Nikol Paschinjan am Donnerstag gegenüber dem Spiegel erklärt. Doch für Ankara dient das Engagement in Russlands kaukasischem Hinterhof primär als Druckmittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen in Syrien und Libyen. Sollte die Türkei für Zugeständnisse des Kreml, wie etwa die Erlaubnis zu einem weiteren Einmarsch in das kurdische Selbstverwaltungsgebiet in Nordsyrien, ihre Unterstützung für das aserbaidschanische Militär zurückziehen, würde Bakus Offensive schnell ins Stocken geraten.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist die Zeitung gegen Krieg, die schreibt, was andere weglassen. Nur durch Information ist Veränderung möglich, deswegen ist sie für uns unverzichtbar.«  – Rose-E. Wachata und Sonja Riedel für die jW-Leserinitiative Chemnitz/Erzgebirge

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Hans Gielessen, Frankfurt am Main: Irrer Eindruck Der Krieg ist nicht »ausgebrochen«, sondern Aserbaidschan hat nach Manövern mit der Türkei Berg-Karabach überfallen und beschoss völkerrechtswidrig zivile Ziele mit Artillerie. Ganz sicher wird die ru...

Ähnliche:

  • Sprengkopfkörper nach einem aserbaidschanischem Artillerieangrif...
    06.10.2020

    Söldner im Einsatz

    Berg-Karabach: Türkei lässt syrische Kämpfer für eigene Interessen kämpfen
  • Am Montag veröffentlichtes Bild von Menschen in einem Luftschutz...
    29.09.2020

    Vorwürfe gegen Ankara

    Hat die Türkei Söldner aus Syrien nach Aserbaidschan geschickt? International Besorgnis über Eskalation des Berg-Karabach-Konflikts
  • Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräfte bei einer Zeremonie ...
    10.09.2020

    Scharfe Kritik

    Nordsyrien: Autonomieverwaltung setzt auf Diplomatie. Kurdische Freiheitsbewegung warnt vor Irrweg

Mehr aus: Ausland

Auftakt der jW-Mietenserie: Heute Teil 1 – »Wohnen als Goldgrube. Die Inwertsetzung einer Mietnation«!