Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
Gegründet 1947 Sa. / So., 31. Oktober / 1. November 2020, Nr. 255
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Aus: Ausgabe vom 10.10.2020, Seite 5 / Inland
Serie

Um uns selber kümmern

In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verlorenging. Teil 1: Humanismus als Prinzip
Von Arnold Schölzel
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Sinnbild einer Gesellschaft: Kolleginnen und Kollegen vereint in einer Arbeitsbrigade (Archivbild)

Auferstanden aus Ruinen und untergegangen durch den Anschluss. Was machte die DDR einzigartig? Dieser Frage widmet sich unsere Artikelreihe, die soziale Errungenschaften in den Blick nimmt, die für die Menschen im sozialistischen deutschen Staat selbstverständlich waren. Die siebenteilige Serie erscheint als ­Kooperation des Vereins Unentdecktes Land (­unentdecktes-land. org), der Internationalen Forschungsstelle DDR (ifddr.org) und der Tageszeitung junge Welt.

Naziideologen hatten es klar ausgesprochen: Der Faschismus sah im klassischen Humanismus einen seiner Hauptfeinde. Dessen Essenz, die Betrachtung des Menschen als Schöpfer seiner selbst, war der Gegenpol zur Ideologie der Vernichtung alles »Lebensunwerten«.

Geboren wurde sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit der Herrschaft des Monopolkapitals, dem Imperialismus und seinen Kolonialkriegen dominierten rasch rassistisch-biologistische Wahngebäude. Die Rücknahme des Menschenbildes der Aufklärung und des klassischen Idealismus bereitete die physische Vernichtung der Arbeiterbewegung, die von Revolution und Sowjetunion vor. Systematische Menschenvernichtung war aber auch die letzte Konsequenz einer Gesellschaft des Konkurrenzprinzips. Der marxistische Philosoph Georg Lukács sprach deswegen davon, die Ideologie des deutschen Faschismus sei »direkte Apologie« des Kapitalismus gewesen. Sie sei nach dem Zweiten Weltkrieg durch die in den USA vorherrschende »indirekte Apologie« des Kapitalismus abgelöst worden: Humanismus wird nicht mehr offen negiert, sondern den Marktgesetzen unterworfen. Faschismus findet im chauvinistischen Konsens der USA seine sublimierte Fortsetzung.

Auf den Trümmern …

Die Gründer der DDR – Kommunisten, Sozialisten, Christen, bürgerliche Demokraten – hatten diese Variante imperialistischer Ideologie noch nicht vor Augen, als sie auf den Trümmern, die der Krieg des Faschismus hinterlassen hatte, die »Nationale Front« antifaschistischer Parteien und Persönlichkeiten bildeten, aus der eine deutsche demokratische Republik entstehen sollte. Mit »Nation« war deren humanistisches Erbteil gemeint, die Verteidigung und Pflege all dessen, was der »Nationalsozialismus« pervertiert hatte. Allerdings hatte sich mit den Atombombenabwürfen auf Japan und dem Kalten Krieg die Weltlage bei Gründung der DDR 1949 bereits entscheidend gegenüber dem 8. Mai 1945 verändert.

Dennoch: Antifaschismus, darüber bestand Einigkeit, hatte die wirtschaftliche Basis von Faschismus zu beseitigen und eine Demokratisierung der Wirtschaft einzuleiten. Wie weit die gehen sollte, darüber gab es innerhalb der DDR-Parteien Differenzen. Dass aber z. B. kleine Unternehmer, mittelständische Betriebe oder Handwerker in der sozialistisch gewordenen DDR einen festen Platz haben sollten, daran hielt Walter Ulbricht bis zu seinem Sturz 1971 fest. Die Verstaatlichung aller kleinen Betriebe war 1972 eine der verhängnisvollsten Entscheidungen der SED-Führung. Die wirtschaftlichen Folgen waren schlimm, verheerender waren die für Bündnispolitik und sozialistische Demokratie.

Dabei waren die 60er Jahre die erfolgreichsten der DDR gewesen. Vieles, was zunächst unter Kriegsgefahr, Wirtschaftsblockade und der Last der Reparationen per Kommando durchgesetzt worden war, entwickelte sich nun auf eigener Grundlage: Soziale Sicherheit wurde selbstverständlich, d. h. wirtschaftliche Unabhängigkeit oder sogar bescheidener Wohlstand jeder und jedes Berufstätigen mit geradezu messbaren Konsequenzen für eine wirkliche Gleichheit der Geschlechter. Frauen wurden faktisch erstmals wirtschaftlich unabhängig, rechtlich waren sie es im Vergleich zur BRD seit Gründung der DDR. Ulbrichts Reformen Anfang der 60er Jahre förderten innerbetriebliche und politische Demokratie (1968 fand die bisher einzige freie Abstimmung über eine Verfassung in der deutschen Geschichte statt). Hinzu kamen das Bestreben, junge Leute zur Mitwirkung in allen Bereichen der Gesellschaft anzuregen, der Ausbau des sozialistischen Rechtsstaates, ein international als Modell studiertes modernes Bildungssystem, die Schaffung einer eigenen, von der Arbeiterklasse getragenen Kultur (»Bitterfelder Weg«) etc. Es ist keine Idyllisierung eines vor allem kulturell konfliktreichen Jahrzehnts, Ulbrichts Begriff vom »Sozialismus als relativ selbständiger Gesellschaftsformation« als adäquat und theoretisch gewichtig zu bezeichnen. Das war nicht nur eine Korrektur an Marx’ Verständnis des Sozialismus als historisch kurzer Übergangsperiode zum Kommunismus, er hatte die Realität auf seiner Seite: Es bildeten sich Züge einer eigenständigen Nation heraus, eine eigene Literatur und Kunst, das Bewusstsein, Herr im eigenen Haus zu sein, verbreitete sich in der Arbeiterklasse. Um es mit einer philosophischen Wendung zu sagen: Das Fremde oder Entfremdete war im Begriff, zum Eigenen zu werden.

Die Gründe für die nachfolgende Erosion bis 1989 sind vielfältig. Am Ende siegte das, was die USA, der Westen, zu bieten haben: Nach einem Wort des Schriftstellers Arno Schmidt: »Atombomben und Corned Beef«. Wobei mit letzterem auch die Ideologie von der »einzigartigen Nation«, also des globalen »Herrenvolkes«, gemeint war.

Eine solidarische Gesellschaft

Sozialer und nationalistischer Rassismus, Antihumanismus, ist Bestandteil jeder, auch heutiger imperialistischer Ideologie. Das zeigt sich hierzulande u. a. am Umgang mit den Ostdeutschen, den Kolonialismusforscher inzwischen mit dem vergleichen, den z. B. muslimische Migranten erfahren. Das deutsche Großbürgertum lässt regelmäßig verkünden, dass es den Ostdeutschen misstraut und sich nicht für sie interessiert, außer als billigen Arbeitskräften: Sie wählen falsch, sind geistig »verzwergt«, von »zwei Diktaturen« geprägt etc. Das deutet darauf hin, dass es in den oberen Etagen der BRD eine nervöse Ahnung davon gibt, dass Millionen Menschen in der DDR Erfahrungen gemacht haben, die sie auf Distanz zum Kapitalismus bringen. Das waren z. B. ein Leben in einer nicht auf Konkurrenz, sondern auf solidarischem Verhalten beruhenden Gesellschaft (woran Egoisten und Karrieristen, an denen es im Sozialismus nicht mangelte, nichts ändern konnten), ein lebendiges Gedächtnis für Faschismus und dessen Urheber im Großkapital (die Propagandaphrase vom »verordneten Antifaschismus« scheint sich unter Hohn und Spott aufgelöst zu haben), eine Gesellschaft, die Internationalismus in vielen Köpfen verankerte und darüber aufklärte, wer an Krieg interessiert ist und wer nicht. Massenarbeitslosigkeit, Niedriglöhne und Armutsrenten nach 1990, der Weggang von Millionen Menschen, Entsolidarisierung in allen sozialen Bereichen haben zweifellos in 30 Jahren ein Erfahrungskollektiv geformt. Es wäre aber nicht von Bestand, hätte es nicht die Lebenswirklichkeit der DDR gegeben.

Eine Ostdeutsche, die jüngst im Rundfunk zu Wort kam, meinte, »die Dinge so nehmen, wie sie sind, und das Beste daraus machen«, sei charakteristisch für ihre Landsleute. Übertrieben, darin ein entferntes Echo auf Brechts »Aufbaulied« von 1950 mit der Zeile »Um uns selber müssen wir uns selber kümmern« zu sehen? Richtig ist: Die Haltung scheint weit verbreitet zu sein. Wer heute noch den Anspruch auf Autonomie erhebt, steht zu Recht unter dem Verdacht, vom Kapital abtrünnig werden zu wollen. Die DDR war nicht nur Fortsetzung eines kämpferischen Humanismus, sie, die nie an einem Krieg teilnahm und stets Frieden wollte, gehört mit ihren materiellen, den Eigentumsverhältnissen, wie mit ihrer Kultur zu dessen universellem Erbe. In den Worten von Peter Hacks: »Ins Morgen ward die Gegenwart erweitert / Des Vaterlands durch seine Planungen. / Es ist ein Hochgenuss, von ihm zu sprechen. / Es war ein Staat und scheute das Verbrechen.«

Unverzichtbar!

»Zusammen mit der jährlichen Rosa-Luxemburg-Konferenz bietet die junge Welt für uns die perfekte Grundlage, um unsere gewerkschaftliche Arbeit kapitalismuskritisch und antifaschistisch auszurichten.« – DGB-Jugend Ulm

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Debatte

  • Beitrag von Raimon B. aus C. (10. Oktober 2020 um 16:57 Uhr)
    Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Freunde,

    lieber Arnold Schölzel,

    ich möchte »meiner Zeitung« und insbesondere Arnold Schölzel für die beginnende Serie zu unsrer Geschichte herzlich danken. Es ist wohltuend, an die humanitäre und solidarische Ausrichtung unserer antifaschistischen Republik mit Fakten, die die Herrschenden ins Nirwana schicken möchten, erinnert zu werden. Ja, es ist höchste Zeit, Wissen über die friedenspolitische Ausrichtung der Außenpolitik der DDR, die sozialen Errungenschaften und die Lebensleistungen von DDR-Bürgern zu vermitteln.

    Mit Spannung sehe ich den nächsten Veröffentlichungen entgegen.

    Vielleicht können die Beiträge abschließend in einer Broschüre veröffentlicht werden.

    Mit herzlichen und solidarischen Grüßen

    Raimon Brete, Chemnitz
  • Beitrag von Rudi E. aus L. (11. Oktober 2020 um 18:36 Uhr)
    Lassen Sie mich vorausschicken, dass ich als Westdeutscher, der hier geboren und aufgewachsen ist, nie die DDR besucht habe, mir folglich auch kein Bild machen konnte, wie die DDR beschaffen war. Noch zu Zeiten der DDR gab es kaum Möglichkeiten, sich objektiv mit der DDR auseinanderzusetzen, weil sämtliches Informationsmaterial in westdeutschen Medien fast paranoid antikommunistisch geprägt war. Man muss verstehen, dass ich dadurch ein äußerst ambivalentes Verhältnis zum anderen Deutschland hatte und teils auch das geglaubt habe, was ich in westdeutschen Zeitungen las.

    Nach dem sogenannten Zusammenschluss 1989 mit der BRD waren Öffentlichkeit und Menschen nahezu von einer Wiedervereinigungs-Besoffenheit beseelt, die in diesem »Fait accompli« das einzig Seligmachende sahen und jeden auch nur ansatzweise vorgebrachten Kritikpunkt zur Vorgehensweise des Westens mit Schimpf und Schande belegten. Ob es nun die Treuhand war, die mit einem Federstrich lukrative Betriebe in der DDR stilllegte, da sie für westliche Firmen eine Konkurrenz darstellten, und somit kaltblütig Millionen von Menschen in die Arbeitslosigkeit schickte oder aber hochproduktive Betriebe – etwa die Schwerindustrie – westlichen Konzernen zum Fraß vorwarf, die nichts anderes zu tun hatten, als sie kaputtzumachen mit der Folge weiterer Arbeitsloser.

    Bevor der erste Bericht zu Ihrer hochinteressanten Serie nun in der jW erschien, hatte ich mir vor einiger Zeit aber schon ein Buch von Täve Schur zu Gemüte geführt, das mir erstmals die Augen geöffnet hat über einen Mann, der für sein Land stand, sich durch Versprechungen nicht beeinflussen ließ und bis zum Schluss seiner Heimat die Treue gehalten hat.

    Beeindruckt hat mich, dass dieser Mann, wie auch viele andere, die zu ihrer DDR standen, sich erklären mussten, wenn sie es wagen, sich positiv zu ihrer Heimat zu äußern. Im Westen stieß – und stößt es immer noch – auf völliges Unverständnis. Ich teile nicht alles, was in der DDR passierte, versuche jedoch, mir ein ausgewogenes Bild von diesem untergegangenen Deutschland zu verschaffen. Mit Ihrer Berichtsserie indes haben Sie eine für mich interessante Tür aufgestoßen. Ich freue mich auf die nächsten Folgen.

    Ganz offen: Ich wünschte mir, es gäbe noch eine DDR, die sicherlich in ihrer Struktur etwas anders sein müsste, aber einen Kontrast zum brutalen Raubtierkapitalismus böte. Das wäre mein Wunsch.

In der Serie In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verloren ging:

In ein neues Deutschland. Was mit der DDR verloren ging

Auferstanden aus Ruinen und untergegangen durch den Anschluss. Was machte die DDR einzigartig? Dieser Frage widmet sich unsere Artikelreihe, die soziale Errungenschaften in den Blick nimmt, die für die Menschen im sozialistischen deutschen Staat selbstverständlich waren. Die Serie erscheint als Kooperation des Vereins Unentdecktes Land, der Internationalen Forschungsstelle DDR und der Tageszeitung junge Welt.

Leserbriefe zu diesem Artikel: