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Aus: Ausgabe vom 06.10.2020, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskämpfe in der BRD

»Haben noch Eskalationsstufen in petto«

IG Metall mobilisiert beim Autozulieferer Continental. Ein Gespräch mit Rico Irmischer und Anne Karras
Von Oliver Rast
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Mobil gegen Kahlschlagpolitik: Metaller demonstrieren vor der Zentrale der Continental AG (Hannover, 20.11.2019)

Seit der Continental-Aufsichtsratssitzung am vergangenen Mittwoch steht fest: Die Standorte in Aachen und Karben werden dichtgemacht, Regensburg wird »umstrukturiert«. Betriebsräte und Gewerkschafter kritisieren, dass die Unternehmensspitze sie nicht in die Planungen einbezogen hat. Wie war die Situation in der Oberpfalz?

Rico Irmischer: Noch vor Monaten sah es bei Continental und der Antriebssparte Vitesco recht gut aus. Dann kam die Wende: Nach einer Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses am 1. September wurden die Beschäftigten von der Werksleitung in Regensburg über die Pläne des Vorstands informiert. Die Werksleitung behauptete, mit uns bereits zu verhandeln. Das war nicht der Fall! Die Nachricht hat alle, Beschäftigte, Betriebsräte und IG Metall, kalt erwischt.

Anne Karras: Das Ausmaß des geplanten Kahlschlags macht uns fassungslos. Der Werksleiter in Regensburg träumt von »Super-Factories«. Also IT im Kopf und Produktion im Herzen. Das krempelt den Betrieb komplett um, vernichtet die klassischen Produktionsarbeitsplätze und richtet das Werk an der IT aus. Außerdem: Mit einer App sollen bis 24 Stunden vor Schichtbeginn noch Änderungen an der Arbeitsplanung möglich sein. Das ist nicht »Arbeit von morgen«, das ist die absolute Entgrenzung von Arbeitszeit und ein Horror für die Beschäftigten.

Sie haben in den vergangenen Wochen mehrere Aktionen im Regensburger Werk organisiert. Welche?

AK: Klar, Corona schränkt unsere Protestformen erheblich ein. Eine Idee, die sich gerade bei einem Automobilzulieferer anbietet, hat uns nicht mehr losgelassen: Wir organisierten einen Autokorso durch die Stadt mit anschließender Kundgebung am Parkplatz des Stadions. Rund 500 Personen beteiligten sich daran.

RI: Am 23. September war unser vorläufiges Protestfinale. Wir haben eine Menschenkette ums Werk gebildet – unser Signal: Wir halten in Regensburg zusammen, schützen unsere Arbeitsplätze. Die Produktion stand für eine Stunde still, nichts wurde gefertigt. Ein Novum. Damit haben wir den Arbeitgeber da getroffen, wo es ihn am meisten schmerzt: am eigenen Geldbeutel.

AK: Zuletzt, am 29. September, in der Nacht vor der Aufsichtsratssitzung, haben wir eine Mahnwache am Conti-Gelände veranstaltet. Die Beschäftigten von Conti und Vitesco haben Hunderte Grablichter aufgestellt und an den Aufsichtsrat appelliert: »Beerdigen Sie nicht unsere Zukunft, sichern Sie Beschäftigung und damit auch Unternehmenserfolg!«

Wie ist die Stimmung in der Belegschaft?

RI: Die Schockstarre ist überwiegend der Wut gewichen.

AK: Wir spüren aber ab und an auch Resignation: »Typisch Conti«, hören wir. Das, was uns alle motiviert, sind die kleinen Erfolge. Das hebt auch die Stimmung, schweißt uns zusammen.

Planen Sie in den kommenden Wochen weitere Aktionen?

RI: Nun ist der Stellenabbau in Regensburg laut Aufsichtsrat beschlossene Sache. Wenige Stunden nach der Aufsichtsratsentscheidung haben unsere Vertrauensleute Flugblätter an alle Beschäftigten verteilt und sie darüber informiert, dass es weitergeht. Trotz der unglaublichen Beschlüsse sind wir nicht am Ende. Wir sind in den letzten Wochen stärker geworden, haben uns gut organisiert. Und: Wir haben noch einige Eskalationsstufen in petto.

AK: In jedem Gespräch, in jeder Situation spürt man hier, was die Belegschaft antreibt. Ihr neues Credo: Conti & Vites­co – jetzt gibt’s Contra!

Rico Irmischer ist Geschäftsführer und Anne Karras ist Fachsekretärin der IG Metall Regensburg

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