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Aus: Ausgabe vom 05.10.2020, Seite 15 / Politisches Buch
Faschismustheorie

Fülle von Ansätzen

Verdienstvoll, aber nicht immer plausibel: Mathias Wörschings Rundgang durch die Faschismustheorien
Von Dieter Boris
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Pose in Schwarz: Benito Mussolini mit anderen führenden Faschisten im Jahr 1922

In einer Zeit, in der vor etwa hundert Jahren (in Italien) der Faschismus entstanden ist, er sich in unterschiedlichen Ausprägungen in Europa rasch ausbreitete und unendliches Unheil anrichtete, während nun in großen Teilen der Welt neue extrem rechte Bewegungen Boden gewinnen, scheint eine stärkere Beschäftigung mit diesem historischen Phänomen angebracht und politisch notwendig zu sein.

Einen Überblick und eine Einführung bietet das Buch von Mathias Wörsching über »Faschismustheorien«. Es kann einen wichtigen Beitrag leisten, um so mehr, weil die Arbeit durchaus umfassend ausfällt, sich bis in die neueste Zeit erstreckt und sprachlich ansprechend präsentiert wird. Nach einleitenden Kapiteln über die Geschichte des Faschismusbegriffs und die historischen Phasen der Entwicklung von Faschismustheorien wird in zehn weiteren Kapiteln, die teils systematischen Aspekten gewidmet sind, teils historisch einander folgende Ausprägungen der Faschismustheorien zum Inhalt haben, eine Fülle von Theorieansätzen und Autoren bzw. Autorengruppen behandelt.

Stehen einmal »Klassentheorie und Faschismustheorie« oder »Monopolkapital, Krisendynamik und Faschismustheorie« im thematischen Zentrum, so werden in den übrigen Kapiteln die zeitgeschichtlich jeweils dominierenden Ansätze vorgestellt – etwa die um 1930 entwickelten Erklärungsansätze, die sich auf das Marxsche Bonapartismus-Konzept stützten (Otto Bauer, August Thalheimer, Leo Trotzki). Die verschiedenen Varianten der Faschismusdeutung im Umfeld des Instituts für Sozialforschung sind mit den Autoren Max Horkheimer, Friedrich Pollock, Ernst Fraenkel und Franz Neumann vertreten, wobei auch die beachtlichen Differenzen zwischen ihnen deutlich werden. Ein besonderes Kapitel ist der sozialpsychologisch beziehungsweise psychoanalytisch akzentuierten Erklärungsvariante des Faschismus bzw. insbesondere des faschistischen Massenanhangs gewidmet (Wilhelm Reich, Ernst Fromm, Theodor W. Adorno).

Anschließend werden Faschismustheorien nach 1945 – genauer: aus den 1960ern oder aus späteren Jahren – vorgestellt und diskutiert. Dabei wird zwischen eher »orthodoxen« marxistischen Ansätzen (Kurt Gossweiler, Reinhard Opitz, Reinhard Kühnl) und weniger »orthodoxen«, aber gleichwohl marxistisch orientierten Autoren unterschieden. Zur letztgenannten Gruppe zählt Wörsching beispielsweise Alfred Sohn-Rethel, Nicos Poulan­tzas und die »Projektgruppe Ideologie« der Zeitschrift Argument. Die abschließenden Kapitel widmen sich überwiegend später entwickelten »ideozentrischen« Faschismusanalysen, bei denen phänomenologische Probleme sowie Fragen der Ideologie und des Selbstverständnisses im Vordergrund stehen (Ernst Nolte, Zeev Sternhell, George Mosse und Roger Griffin). Neuere Wortmeldungen zum Thema, die allerdings in ihren Fragestellungen und Ergebnissen weit auseinander liegen, werden ebenfalls in einem Kapitel zusammengefasst (Wolfgang Wippermann, Stefan Breuer, Sven Reichardt, Robert Paxton).

Diese Gliederung und Zusammenfassung von Positionen ist nicht immer in sich stimmig und sofort nachvollziehbar. Leider sind die Literaturangaben in Abschnitte gegliedert, die nicht den Kapitelüberschriften im Text entsprechen; das erschwert den Nachvollzug der Quellen. Autoren, die im Text erwähnt werden, können hin und wieder in der Bibliographie nicht gefunden werden, weil sie nicht aus der Primärliteratur zitiert, sondern aus der Sekundärliteratur referiert werden. Auch die jeweilige Bewertung der einzelnen Ansätze fällt in der Regel (Ausnahmen: die abgewogenen Ausführungen zu Kühnl und Nolte) recht knapp und zurückhaltend aus. Stärken und Schwächen der diversen Faschismustheorien werden am Ende auf zwei Seiten abgehandelt.

Dabei gelangt Wörsching zu dem Resümee, dass für das Verständnis der ersten beiden Phasen faschistischer Bewegungen (»Entstehung« und »Aufschwung«) die »ideozentrischen« Theorien »besonders gut helfen«, während die dritte und vierte Phase (»Machtübernahme« und »Ausübung/Stabilisierung von Herrschaft«) insbesondere marxistische Theorien des Bündnisses zwischen großbürgerlich-monopolkapitalistischen und faschistischen Führungsgruppen die spezifische Konstellation realitätsnah erfassen könnten. Es sei aber eine Schwäche dieser Theorien, dass sie »die relative Eigenständigkeit und die Bewegungsdynamik des Faschismus« sowie »Selbstverständnis und Antrieb der faschistischen Bewegungen (…) nur undeutlich und unvollständig« wahrzunehmen in der Lage seien. Das scheint wenig plausibel zu sein, wie zum Beispiel der Ansatz Kühnls zeigt.

Die Studie endet mit einem Ausblick auf aktuelle und zukünftige Probleme von Faschismustheorien, wobei kurz auf den Rechtspopulismus, den »autoritären Etatismus« und Grenzziehungen zum Konservatismus sowie auf den Stellenwert von Umwelt- und Klimakrise, neuen Technologien und globalen Machtverschiebungen als neue Rahmenbedingungen eventuell erneut entstehender faschistischer Bewegungen hingewiesen wird. Die verdienstvolle Studie von Wörsching ist – trotz einiger, vom Verfasser selbst angesprochener Lücken – als Einführung in die Problematik wichtig und regt zu einer vertiefenden Lektüre an.

Mathias Wörsching (unter Mitarbeit von Fabian Kunow): Faschismustheorien. Überblick und Einführung. Schmetterling-Verlag, Stuttgart 2020, 240 Seiten, 12 Euro

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