Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
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Aus: Ausgabe vom 05.10.2020, Seite 12 / Thema
Naturschutz

Retter des Tafelsilbers

Mit dem »Einigungsvertrag« wurden 1990 fünf Nationalparks und sechs Biosphärenreservate im Osten gesetzlich geschützt. Vier Männer kämpften dafür gegen eine Wirtschaftslobby und Politiker, die sich heute für diese Naturschutzgebiete feiern lassen
Von Holger Teschke
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Auch nach 1990 immer für den Naturschutz im Einsatz: der Greifswalder Ökologe Michael Succow mit Studentinnen und Studenten in einem Moor im Landkreis Ostvorpommern (9.5.1999)

»Es ist ein Wunder, dass es diese Küste in fast unberührtem Zustand heute noch gibt«, sagt Professor Hannes Knapp, einer der Gründerväter des Nationalparks Jasmund auf Rügen. Diese Küste, das ist das Kreideufer, das zur Stubnitz gehört, der Landschaft zwischen Sassnitz und dem Königstuhl mit ihren Buchenwäldern und Seen, mit Hünengräbern und Burgwällen. Sagen berichten von Riesen und Königen, die hier gehaust und geherrscht haben sollen, vom Tempel der Göttin Hertha und von der Schatzhöhle Klaus Störtebekers. Caspar David Friedrich hat die Küste mit seinem Gemälde »Kreidefelsen auf Rügen« von 1818 weltberühmt gemacht. Der Botaniker und Weltreisende Adalbert von Chamisso fand hier statt der blauen Blume – des Symbols der Sehnsucht und Wanderschaft in der Romantik – Orchideen. Alexander und Wilhelm von Humboldt, Henriette Herz und Theodor Fontane sind auf dem Hochuferweg gewandert, Johannes Brahms ließ sich vom Rauschen der Buchen zum Schlusssatz seiner 1. Sinfonie inspirieren. Sie alle haben diese Landschaft über der Ostsee in ganz Europa bekannt gemacht. Bis heute folgen jedes Jahr Hunderttausende Besucher aus aller Welt ihren Spuren.

Ein Wunder ist es natürlich nicht gewesen, das diese Küste und ihre Buchenwälder vor Kreidehacken, Kettensägen und Bulldozern bewahrt hat. Der Kampf um ihre Rettung begann schon vor einhundert Jahren, aber die entscheidenden Ereignisse liegen genau dreißig Jahre zurück. In den Wochen und Monaten der politischen Umwälzungen zwischen 1989 und 1990 wurde die Kreideküste von Jasmund zu einem Brennpunkt für den Streit zwischen Ökonomie und Ökologie, der bis heute andauert. Es ging – und es geht noch immer – um das »Tafelsilber der deutschen Einheit«, wie es der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer überschwenglich formulierte.

Umweltschützer in der DDR

Noch 1926 genehmigte die Pommersche Bezirksregierung zu Stralsund den Kreideabbau am Kieler Ufer unweit des Königstuhls. Kreide war und ist für die Zement- und Farbindustrie ein wichtiger Rohstoff. Eine empörte Anfrage dreier Abgeordneter des Preußischen Landtags an den zuständigen Minister führte dazu, dass die Kreideküste per Polizeiverordnung vom 17. März 1929 unter Naturschutz gestellt wurde. Aber der Kampf um den Erhalt dieser Landschaft, die wenig später durch Truppenstationierungen, Kriegseinwirkungen, Forstwirtschaft und den zunehmenden Tourismus nach 1945 immer wieder bedroht war, begann damit erst. Zwar wurden 1961 mehr als 250 Hektar dieses Naturschutzgebiets »nutzungsfrei« gestellt, aber den Antrag des Botanikers Lebrecht Jeschke, das gesamte Waldgebiet zum Nationalpark zu erklären, lehnten die DDR-Behörden 1964 ab.

Jeschke, der zwischen 1952 und 1956 in Greifswald studiert und 1961 seine Dissertation über die Vegetation der Stubnitz geschrieben hatte, ließ sich davon nicht entmutigen. »Das ist eine der schönsten Küstenlandschaften, die ich in meinem Leben gesehen habe«, sagt der 87jährige heute, »dafür lohnte es sich zu kämpfen.« Als Mitarbeiter des Instituts für Landschaftsforschung und Naturschutz lernte er den jungen Biologen Michael Succow kennen, der zwischen 1960 und 1965 in Greifswald studierte. Wie Jeschke war Succow von der Artenvielfalt und Vegetationsdichte an der Jasmunder Kreideküste begeistert. »Das gab es sonst nirgendwo«, erinnert sich der heutige Träger des Alternativen Nobelpreises. »Wir haben mit der Fachgruppe Botanik vom Kulturbund der DDR Exkursionen in die Stubnitz organisiert, damit möglichst viele Menschen sich für den Erhalt dieser Landschaft engagieren sollten.«

Ihnen schloss sich 1969 der auf Rügen geborene und aufgewachsene Hannes Knapp an, der schon als junger Naturschutzhelfer an der Aufnahme des Baumbestandes der Insel mitgearbeitet hatte. Knapp studierte zwischen 1969 und 1973 in Greifswald und Halle und machte dem Institut für Landschaftsforschung Vorschläge für Flächennaturdenkmale auf Rügen. Wie Jeschke und Succow blieb ihm eine akademische Laufbahn verwehrt. Um so leidenschaftlicher engagierte er sich im Kulturbund der DDR für den Naturschutz. »Da wurde nicht nur botanisiert«, blickt er zurück, »da wurde auch offen über die zunehmende Zerstörung der Umwelt durch industrielle Landwirtschaft, durch die chemische Industrie und den Braunkohletagebau diskutiert. Retten, was zu retten ist, das war schon damals unser Motto.«

Gemeinsam erstellten die drei Naturschützer die ersten »Roten Listen« zu ausgestorbenen und gefährdeten Pflanzenarten in fünf Regionen der DDR. Diese »Roten Listen« wurden zwar vom Kulturbund veröffentlicht, galten den Funktionären der SED aber als »Angriff auf die sozialistische Produktionsweise«. Während Succow nach seiner Promotion für drei Jahre zur »Bewährung in die Produktion« in einen Meliorationsbetrieb nach Bad Freienwalde gehen musste, wurde Knapp 1977 als Kustos ans Müritz-Museum nach Waren geschickt, um die dortigen Sammlungen zu ordnen. Nach seiner Wehrdienstverweigerung bescheinigten ihm die Parteifunktionäre des Bezirks, ideologisch ungeeignet für die wissenschaftliche Arbeit in einem staatlichen Museum zu sein. Schließlich schlug man dem promovierten Botaniker vor, als Gärtner für das Museum zu arbeiten. Nach einem Jahr kündigte er, durfte aber als »freischaffender Wissenschaftler« arbeiten. Bis 1989 konnte er für kirchliche und staatliche Stellen Vegetationskarten und ökologische Gutachten erstellen und schloss sich dem Friedenskreis von Pfarrer Markus Meckel in Vipperow an.

Das neue Nationalparkprogramm

Im Sommer 1989, während die Genossen des SED-Politbüros die Feiern zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR vorbereiten ließen, überquerten Zehntausende DDR-Bürger die am 19. August 1989 geöffnete ungarische Grenze nach Österreich und zogen weiter in die Bundesrepublik. Am Abend des 7. Oktober gingen Volkspolizei und Staatssicherheit gegen Demonstranten vor, die nach Michail Gorbatschow riefen, und nahmen Massenverhaftungen vor. Diese Ereignisse lösten die Montagsdemonstrationen in Leipzig und vielen anderen Städten der DDR aus. Am 18. Oktober 1989 musste Erich Honecker von all seinen Ämtern zurücktreten, und kaum sieben Wochen später, am 3. Dezember, traten sein Nachfolger Egon Krenz und das ganze Politbüro zurück. Die »Regierung der nationalen Verantwortung« von Hans Modrow war bald danach dem am 7. Dezember 1989 gegründeten Zentralen Runden Tischs rechenschaftspflichtig. Der Kulturbund forderte im November 1989 ein eigenes Naturschutzministerium und schlug Michael Succow als Minister vor, der darüber berichtet: »Der damalige Minister für Umwelt und Wasserwirtschaft sagte mir, die Regierung könne jetzt kein neues Ministerium einrichten. Aber der Ministerrat habe einem Stellvertreterbereich in seinem Ministerium zugestimmt. Wäre ich bereit, dort als stellvertretender Minister zu arbeiten?«

Nach Bedenkzeit und Diskussion mit seinen Freunden sagte Succow zu und holte zu Jahresbeginn 1990 Lebrecht Jeschke und Hannes Knapp in das DDR-Umweltministerium nach Berlin. Am 24. Januar erfolgte die erste Dienstbesprechung zum Nationalparkprogramm, in das auch Vorschläge aus den zurückliegenden dreißig Jahre eingingen. Hannes Knapp wurde zum Hauptverantwortlichen für dieses Programm und legte im Januar 1990 ein Konzept vor, das Succow am 26. Februar dem 14. Runden Tisch vorstellte. Am 16. März verabschiedete die Regierung Modrow das Gesetz zur Sicherung von fünf Nationalparks, sechs Biosphärenreservaten und sechzehn Naturparks, die zusammen fast elf Prozent der Landesfläche der DDR ausmachen. Aber damit war das Nationalparkprogramm noch nicht Teil des Einigungsvertrags.

Die Agrar- und Verkehrslobby der Bundesrepublik verfolgte die Entwicklungen in der DDR mit wachsendem Misstrauen. Auch die Bau- und Immobilienbranche hatte längst Pläne, was aus den Landschaften zwischen Kap Arkona und Fichtelberg werden sollte und nahm Kontakt zu Parteifunktionären und Verwaltungschefs auf. Während Succow und seine Mitarbeiter um die frei werdenden Flächen und für den Naturschutz kämpften, fuhren Lobbyisten still und heimlich in Limousinen durchs Land, um sich Besitz- und Nutzungsrechte für die Zeit nach der »Wiedervereinigung« zu sichern. Im Bonner Umweltministerium wusste man davon.

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Nina Seifert von der Michael-Succow-Stiftung auf dem Zufahrtsweg zur Naturschutzinsel Koos südlich von Rügen (2.7.2020)

Klaus Töpfer und sein Staatssekretär Clemens Stroetmann schickten den Juristen Arnulf Müller-Helmbrecht nach Ostberlin, um die DDR-Naturschützer zu beraten. Als Müller-Helmbrecht am 16. Mai 1990 am Schiffbauerdamm ankam, hatte Succow sein Büro bereits geräumt. Dem CDU-Funktionär und ehemaligen Chemieprofessor Karl-Hermann Steinberg, der am 12. April das Ministerium für Umweltschutz und Wasserwirtschaft der DDR übernommen hatte, waren Landwirtschaft und Braunkohle wichtiger als der Naturschutz. Er betrachtete den neuen Berater aus dem Westen mit Argwohn. Doch der 1942 geborene Müller-Helmbrecht hatte im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit die Feinheiten der Ministerialbürokratie von der Pike auf gelernt. Aber während er noch davon ausging, bis Ende des Jahres Zeit zu haben, um die gesetzlichen Grundlagen für die Fortschreibung der Nationalparkgesetze zu erarbeiten, überschlugen sich die politischen Ereignisse. In Bonn und in Washington fürchtete man, dass sich Gorbatschow in Moskau nicht mehr lange im Amt des Generalsekretärs würde halten können und die Chancen einer deutschen »Wiedervereinigung« dann verspielt sein könnten. Mit der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion wurde am 1. Juli 1990 auch eine Umweltunion rechtsgültig. Mehr als 3.000 Bundesgesetze mussten in der DDR übernommen werden.

Rettung in letzter Minute

Am 26. Juli verständigten sich Bundestag und Volkskammer auf gesamtdeutsche Wahlen für den 2. Dezember 1990. Daraufhin beschloss der Ministerrat der DDR, seine letzte Sitzung am 12. September 1990 stattfinden zu lassen. Damit wurden alle Planungstermine im DDR-Umweltministerium Makulatur. Die Verordnungsvorschläge für die Nationalparks und Schutzgebiete mussten dem Minister bis zum 5. September 1990 vorliegen – es blieben nur wenige Wochen Zeit. Müller-Helmbrecht setzte für den 30. und 31. August eine gemeinsame Sitzung mit allen Umweltreferenten der Ministerien und den Leitern der Aufbaustäbe an, aber die angereisten Fachjuristen aus Bonn begannen erst einmal über die Grundsätze des Naturschutzrechts zu streiten und reisten danach einfach ab. Die Vertreter des Aufbaustabs Müritz luden den enttäuschten Berater aus dem Westen zu einem Besuch an die Mecklenburger Seenplatte ein. Dort legten sie einen eigenen Entwurf für die Schutzverordnung an der Müritz vor. Müller-Helmbrecht beschloss, diesen Entwurf zum Muster für alle anderen Schutzgebiete zu erklären und schickte Kopien an die übrigen Aufbaustäbe. Bis zur Vorlage beim Minister blieben noch sechs Tage. Vor einer letzten Abstimmungssitzung mussten die handgezeichneten Karten fertig werden, vorgeschrieben waren 2.000 Exemplare im Maßstab 1:50.000.

Müller-Helmbrecht schickte die Originale per Luftkurier nach Bonn, wo die Kartographische Abteilung des Bundesamts für Naturschutz die Vervielfältigung übernehmen sollte. Am nächsten Morgen riss ihn sein Telefon aus dem Schlaf, der Leiter der Kartographie war am Apparat. »Der fragte mich aufgebracht: Was haben Sie mir da für Karten geschickt? Die sind ja alle verfälscht. Der Grenzstreifen ist weiß und der Brocken fehlt ganz! Die sind nicht zu gebrauchen!« erinnert sich Müller-Helmbrecht. »Da fragte ich zurück: Und was jetzt? Na ja, antwortete er, ich hab’ da einen Kollegen im Militärgeographischen Institut der Bundeswehr, die haben korrekte Karten. Aber den rufe ich nur an, wenn Sie das auf Ihre Kappe nehmen. Da habe ich gesagt: Machen Sie.«

Am 5. September lagen die Verordnungsvorschläge samt Kartenmaterial auf dem Schreibtisch des Ministers zur Unterschrift. Aber noch mussten sieben DDR-Ministerien zustimmen, in denen ebenfalls Berater aus Bonn saßen. Die bestanden auf Änderungen, was die zukünftige Verkehrsplanung, aber auch Land- und Forstwirtschaft betraf. Müller-Helmbrecht verhandelte tagelang am Telefon, bot Änderungen an und schloss Kompromisse. Endlich glaubte er, alle Beteiligten an Bord zu haben und flog nach Bonn: »Da sprach mich am 10. September ein Kollege an und sagte: Du, dein Nationalparkprogramm ist gerade geplatzt. Der Staatssekretär aus deinem Ministerium hat den Einwänden aus der Landwirtschaft nachgegeben und den Tagesordnungspunkt von der Sitzung am 12. September gestrichen.«

Müller-Helmbrecht setzte sich sofort in ein leeres Büro und rief einen Bekannten an, der im DDR-Landwirtschaftsministerium als Berater arbeitete. Der überzeugte seinen Minister, dass diese Entscheidung am Runden Tisch und in der Öffentlichkeit brisant werden könnte, weil Umweltfragen gerade ein politisch heißes Eisen seien. Am nächsten Morgen stand das Nationalparkprogramm wieder auf der Tagesordnung des Ministerrats und wurde als letzter Punkt beraten und beschlossen. Aber damit waren die Widerstände noch nicht ausgeräumt. Zwischen dem 12. September und dem 3. Oktober musste die Verordnung als »fortgeltendes DDR-Recht« in den Einigungsvertrag aufgenommen und von den Bundesministerien abgesegnet werden. Noch einmal widersetzten sich das Landwirtschafts- und das Verkehrsministerium. Nur durch eine Intervention von Staatssekretär Stroetmann, konnten die Schutzgebiete in letzter Minute noch gerettet werden. Vereinbart wurde allerdings auch, dass in Zukunft der Bundesverkehrswegeplan Vorrang vor den Nationalparkverordnungen haben sollte. Die vereinte Lobby der Auto- und Agrarindustrie hatte sich damit noch vor der »Wiedervereinigung« durchgesetzt.

Gefahr noch nicht gebannt

Das Umweltministerium der DDR wurde nach dem 3. Oktober 1990 abgewickelt. Müller-Helmbrecht ging als Mitarbeiter im Umweltprogramm der Vereinten Nationen nach Bonn zurück. Lebrecht Jeschke arbeitete ab 1991 als Direktor des Nationalparkamts in Mecklenburg-Vorpommern. Michael Succow wurde Professor an der Universität Greifswald und erhielt 1997 den Alternativen Nobelpreis. Hannes Knapp baute auf der Insel Vilm die Internationale Naturschutzakademie auf und arbeitete bis 2016 als deren Direktor. Alle vier engagieren sich noch immer im Naturschutz und helfen beim Aufbau von Schutzgebieten in Osteuropa. »Retten, was zu retten ist!« ist ihr Wahlspruch geblieben. »Succow, Knapp, Jeschke – man sollte diese Namen in einen Feldstein schneiden und dann im Jasmunder Buchenwald auf Rügen zur Erinnerung an den weltweit größten Ökodeal aufstellen«, schrieb Horst Stern in der Zeit (21.6.1996).

Die Nationalparks in den neuen Bundesländern gehören heute zu den beliebtesten Fotokulissen in der Politik. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt Staatsbesuchern gern die in ihrem Wahlkreis an der Ostsee gelegene Kreideküste. Auch Landespolitiker von Mecklenburg-Vorpommern verweisen immer wieder stolz auf das berühmte »Tafelsilber«, als hätten sie es höchstpersönlich vorm Ausverkauf gerettet. Dabei ist dieser Schatz längst schon wieder in Gefahr. Der Traum, Natur Natur sein zu lassen, für den Lebrecht Jeschke, Hannes Knapp, Arnulf Müller-Helmbrecht, Michael Succow und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gekämpft haben, ist zwar auf Jasmund, in der Vorpommerschen Boddenlandschaft und auf der Insel Vilm Wirklichkeit geworden. Seeadler und Kegelrobben sind dorthin zurückgekehrt, auf den Boddeninseln brüten wieder Kraniche, und die Schutzzone des Nationalparks reicht bis dreihundert Meter in die Ostsee.

Aber der touristische Druck auf die Landschaften der Inseln hat durch die Reisebeschränkungen in diesem Sommer stark zugenommen und neue Begehrlichkeiten geweckt. Durch den Bau der Erdgasleitung »Nord Stream 2« gerät Rügen erneut in den Brennpunkt der Weltpolitik und -wirtschaft. Der Hafen von Mukran unweit des Nationalparks ist wichtig als Standort für Arbeitsplätze und als Steuerquelle der Stadt Sassnitz. China interessiert sich für ihn als Teil seiner Neuen Seidenstraße. Außerdem lagern unweit der Küsten noch immer Tausende Tonnen von Munition und Giftfässer aus dem Zweiten Weltkrieg und bedrohen als gefährliche Zeitbomben das angeschlagene Ökosystem der Ostsee. Die Zunahme von Blaualgen gefährdet die Wasserqualität und die Fischbestände. Und die Hitzesommer erhöhen auch im Nationalpark Jahr für Jahr die Waldbrandgefahr. All das, so befürchten seine Gründungsväter, sind echte Bedrohungen, auf die so schnell und entschlossen reagiert werden müsste wie auf die Coronapandemie. Sonst könnte es mit dem Wunder dieser unberührten Küste und den sagenhaften Wäldern der Insel Rügen noch vor Ende dieses Jahrhunderts vorbei sein.

Michael Succow gründete 1999 mit dem Preisgeld des ihm 1997 verliehenen Alternativen Nobelpreises der Right Livelihood Award Foundation die »Michael Succow Stiftung zum Schutz der Natur« – eine der ersten gemeinnützigen Naturschutzstiftungen in den neuen Bundesländern. Siehe https://www.succow-stiftung.de/

Holger Teschke schrieb an dieser Stelle zuletzt am 9. Juni über die schrittweise Verschärfung der Gesellschaftskritik in den Romanen von Charles Dickens.

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