Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
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Aus: Ausgabe vom 02.10.2020, Seite 12 / Thema
Kulturgeschichte der DDR

Neue Wege

Der Kulturpalast in Bitterfeld stand vor dem Abriss, jetzt soll er gerettet werden. In der DDR ging von dort das Signal einer neuen Literatur aus
Von Gerd Schumann
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Ein Palast für die Arbeiter, nach der »Wende« dem Verfall preisgegeben und nun offenbar vor der Zerstörung bewahrt

Im vergangenen Jahr berichtete junge Welt an dieser Stelle über den bedrohten »Kulturpalast Wilhelm Pieck« und dessen Geschichte (»Bloß noch Altlast«, 12./13.10.2019). Ein Abrissantrag seitens der Besitzerin war gestellt, zudem nagte der Zahn der Zeit an der Substanz des Gebäudes. Dann drehte sich der Wind, und am 1. Juli 2020 wurde bekannt, dass das Haus mit öffentlichen Geldern saniert und »nach langem Leerstand denkmalgerecht und energetisch erneuert sowie einer neuen Nutzung als zeitgemäßer Veranstaltungsort für die Region zugeführt« werden soll, so das staatliche Vorhaben. Dafür sind auf der Liste mit »Nationalen Projekten des Städtebaus 2020« 4,37 Millionen Euro vorgesehen.

Plötzlich scheint die Rettung des bedeutenden Denkmals, errichtet in der frühen DDR, greifbar geworden – und vor einigen Tagen tauchte gar eine Bundesministerin in Bitterfeld-Wolfen auf. Während eines Rundgangs »begeisterte« Monika Grütters, in Berlin zuständig für Kultur und Medien, vor allem der »gute Erhaltungszustand des Hauses«, so die entsprechende Mitteilung der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen GmbH auf Facebook. In der Mitteldeutschen Zeitung (25.9.2020) wird die CDU-Politikerin, eine gebürtige Münsteranerin, gar mit dem bemerkenswerten Ausruf »Mit Verlaub, das ist so fancy« zitiert. Sie hätte »sofort zig Ideen, wie man was nutzen, was man erhalten sollte«, berichtet die Regionalzeitung über deren spontane Reaktion.

Zur Zukunft des Kulturpalastes, sein Erhalt vorausgesetzt, wird derzeit viel diskutiert, auch, mit welchen Inhalten diese bestritten werden kann. Der nachfolgende Text kann als Beitrag dazu verstanden werden. Er basiert auf einer Laudatio, die der Autor und langjährige jW-Redakteur Gerd Schumann anlässlich der Ausstellungseröffnung »Bitterfelder Weggefährten« im Metall-Labor Bitterfeld am 13. September 2020 gehalten hat. (jW)

Beide sind auf ihre Weise einzigartig: der »Kupa«, wie der Kulturpalast ortsüblich so liebevoll wie pragmatisch genannt wird, und der »Bitterfelder Weg« mit seinen Konferenzen 1959 und 1964. Über sie und ihre Verbindung zueinander zu reflektieren setzt einen vernünftigen Umgang mit ihnen voraus. Das schien noch vor kurzem wegen mangelnder Perspektive des Objekts selbst nicht unbedingt sinnvoll. Alle Messen bezüglich des »Kupa«, so der generelle Eindruck, waren gesungen; und der »Bitterfelder Weg« lag sowieso schon seit langer Zeit ad acta oder wurde – bestenfalls – bespöttelt.

Kulturpalast Wilhelm Pieck

Die insgesamt ziemlich traurige Lage bedachte der Spiegel (1.6.2018) mit dem doppelbödigen Titel »Der Kulturballast«. Tendenz: Das mit dem »Kupa«-Aus, und sei es auf die sanft anmutende Art des langsamen Verfallenlassens, geht seinen kapitalistischen Gang. Ein ganzes Land war schließlich privatisiert worden, und das sonderbare Wort von den »Altlasten« kursierte weiter, wenn es um die DDR ging. »Bloß noch Altlast« war dann auch realistisch-nüchtern die Reportage in der jungen Welt überschrieben mit aktuellen Erkundungen im 2007 zur Doppelstadt fusionierten Bitterfeld-Wolfen.

Das Industrierevier gilt als ein traditionsreicher deutscher Standort für Chemie und Braunkohle, aufstrebend ab 1840 überstand er die Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg, die industrielle Monopolbildung inklusive Übernahme des Geländes am Rande der Stadt durch die I. G. Farben 1925 – und stürzte dann moralisch während des Faschismus in ungeahnte Tiefen hinab, angesichts von Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen.

Nach der Befreiung durch die US-Armee transportierten die Sieger die wertvollsten Unterlagen, Patente, Dokumente, Güter, Anlagen ab und übernahmen auch die Spezialisten und Wissenschaftler. Unter Mitnahme einiger Dutzend Eisenbahnwaggons, gefüllt mit exklusivem Gut, siedelte schließlich auf den letzten Drücker im Juni 1945 auch das Management nach Frankfurt am Main um und blieb straffrei: Im IG-Farben-Prozess 1948 erhielt lediglich der zuständige Vorständler für Mitteldeutschland, Wehrwirtschaftsführer Ernst Bürgin, zwei Jahre Haft, allerdings wegen Plünderungen und Raubs in Norwegen.

Das Elektrochemische Kombinat Bitterfeld (EKB) wurde nach dem Abzug der US-Armee sowjetische Aktiengesellschaft, Demontagen erfolgten bis 1947, und am Rande sei angemerkt: Wenn heute über Reparationszahlungen für von den Nazis angerichtete Kriegszerstörungen geschrieben oder geredet wird, wird häufig übersehen, dass sich die Wiederaufbaujahre in Deutschland-Ost und Deutschland-West auch deswegen sehr unterschiedlich gestalteten, weil davon der Osten 98 Prozent leistete – eine schwierige Ausgangslage, Verhältnis 98 zu 2, auch in Bitterfeld.

Und doch stand, einem kleinen Wunder gleich, der »Kupa« schließlich nach nur 30 Monaten Bauzeit da. Am 1. Mai 1952 war der erste Spatenstich für das historische Bauwerk erfolgt – benannt nach Wilhelm Pieck, dem ersten Präsidenten der DDR. Zu jener Zeit existierte mit der Kulturbaracke lediglich ein provisorischer, jedenfalls völlig ungenügender Anlaufpunkt für die Beschäftigten des Werks, so dass das Interesse an einer größeren Einrichtung sehr ausgeprägt war. Im Rahmen des »Nationalen Aufbauwerks«, einer Masseninitiative, arbeiteten schließlich allein 5.000 Freiwillige in 310.000 Stunden am Palast und trugen ein Drittel der Gesamtkosten. Unter der Leitung von Regierungsbaumeister Rudolf Pilz war es auch ihnen zu verdanken, dass der »Kupa« am 14. Oktober 1954 aufgemacht werden konnte, zum Teil ausgerüstet mit sowjetischer Technik.

Ein Gigant. Wohl hundert Meter lang, fünfzig breit. »Als hätte ein Ozeanriese auf plattem, kargem Land festgemacht. Der Bühnentrakt ragt hoch heraus, wie eine Kapitänsbrücke – weithin sichtbar« (junge Welt). Ausladende Freitreppe hoch zum mehrsäuligen Vorbau, dezent neoklassizistisch, im Stil orientiert an vergleichbaren Monumentalbauten in der Sowjetunion. Die dienten in der Planungsphase ebenso als Vorbilder wie die Volkshäuser im Deutschland nach Aufhebung der Sozialistengesetze 1890 und die Bauhaus-Konstruktionen der Weimarer Republik. Drinnen: Großzügigkeit. Hohe Spiegel, glänzende Hölzer, hohe Decken, zwei Säle mit 1.000 bzw. 300 Plätzen, viel Licht, Kristalleuchter; Foyertrakt und Werkstattflügel wirken als Querriegel, an der westlichen und östlichen Gebäudeflanke zweigeschossige Gastronomieflügel mit verschiedenen Funktionsräumen und einer Gaststätte mit Pfeilerhalle und Kaminzimmer.

Arbeiter sollten Paläste haben, hieß es damals. Hinsichtlich der Inhalte sei ein emanzipatorisches Konzept in Kunst und Kultur auch wegen der »geistigen Verheerungen der Naziherrschaft« notwendig gewesen, so die Schriftstellerin Daniela Dahn. Es entstand »im Laufe der Jahre« DDR-weit eine hohe vierstellige Zahl von Kulturhäusern und Dorfklubs – »ein beinahe flächendeckendes Netz«. Das war vor Kohls »blühenden Landschaften«.

Unter dem und auch danach wurden unübersehbar viele Einrichtungen »abgewickelt«, was in der Regel bedeutete: abgerissen oder geschlossen oder als Spielkasino, Disko, Was-auch-immer zweckentfremdet. Die Transformation zum Kapitalismus überlebt haben nur wenige, von denen viele mehr mit Konsum als mit Kultur zu tun haben. Die Sanierer »verzichteten auf überflüssige Bedürfnisse«. Das konstatierten zumindest 1998 Simone Hain und Stephan Stroux in ihrem Standardwerk »Die Salons der Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR«.

Der Rest handelt vom Widerstand der Uneinsichtigen, Widerborstigen, Widerständigen. Und als die Gelsenwasser Aktiengesellschaft, die den Chemiepark und auch den »Kupa« übernommen hatte, einen Abrissantrag stellte, wurden in kurzer Zeit mehr als 2.000 Unterschriften dagegen gesammelt. Erstaunlich – und es ist sicherlich nicht untertrieben zu behaupten, dass sich darin eine enge Beziehung der Region zum »Kupa« manifestiert, gewachsen vom Aufbau bis heute.

Selbst nach den 30 Jahren, die seit Ende der DDR vergangen sind und die von Leerstand und Unsicherheit und vergeblichen Versuchen geprägt waren, verfügt der Palast im Zeitgedächtnis über hohes öffentliches Ansehen. Er sei ein »fest verankerter, positiv besetzter Veranstaltungs- und Festort« und zudem »Stellvertreter der Erinnerung an die Chemieproduktion in Bitterfeld«, wie es die ehemalige sächsische Landeskonservatorin Ulrike Wendland noch vor kurzem trefflich formulierte.

Die Erlebnisse von einst wirkten weiter, was zudem sicherlich mit dem gelebten Alltag zusammenhängen mag. 30 Zirkel mit 800 Mitgliedern agierten vor 1989 im »Kupa«: Foto, Zeichnen, Schach und andere Spiele bis hin zum Briefmarkenklub, dazu kamen das Arbeitersinfonieorchester, die Tanzgruppe und das Ballett. 130 Mitglieder zählten allein die Chöre, Akkordeon und Mandoline wurden unterrichtet. Und es gab – nicht zu vergessen – den »Malzirkel« mit Ergebnissen wie jenen, die nunmehr erstmals wieder seit Jahrzehnten in der Ausstellung »Bitterfelder Weggefährten« gezeigt werden.

»Sinnvoll und fruchtbar« seien diese Aktivitäten gewesen, die Zirkel »Plattformen sozialer Begegnung«, nicht selten jenseits staatlicher Kontrolle und mit Ausstrahlung bis in die Gegenwart, so Christine Leyerle vom Maxim-Gorki-Theater Berlin. Sie engagiert sich derzeit gemeinsam mit weiteren Theaterleuten im Rahmen des Vereins Kulturpark e. V., der sich selbst als »eine Plattform für Kultur im Osten« versteht. Ein internationales Festival, erstmals vorgesehen 2022, soll »mit Hilfe der Kunst ein anderes neues Bild vom Osten« zeichnen, so der Plan. Motto: »Neue Bitterfelder Wege«; in Anspielung auf den Versuch der Bitterfelder Konferenzen, Barrieren zwischen Produktion und Kunst abzubauen.

Laboratorium »Kupa«

Motto am 24. April 1959: »Greif zur Feder, Kumpel! Die sozialistische Nationalliteratur braucht dich!« Fast 700 Frauen und Männer kamen zur Konferenz. Referat: Otto Gotsche, Schlusswort: Walter Ulbricht. Unter den Diskussionsrednern Erwin Strittmatter.

Im Anschluss entstanden in der DDR mehr als 300 Literaturzirkel – Zirkel schreibender Arbeiter, geleitet von zum Teil namhaften Autorinnen und Autoren, wie Christa und Gerhard Wolf im Waggonbau Ammendorf. »Der geteilte Himmel« gehört zu den Klassikern des Bitterfelder Wegs, wurde von Konrad Wolf verfilmt. Heiner Müller mischte mit, E. R. Greulich und Hasso Grabner in den VEB Leuna-Werken. Zu den bekannten Teilnehmern gehörten Jan Eik, Charlotte Worgitzky, Joachim Specht, Volker Braun, Bernd Schirmer.

Und natürlich Brigitte Reimann in Hoyerswerda, VEB Schwarze Pumpe. Ihr Roman »Ankunft im Alltag« aus dem Jahr 1961 ist ein bis heute bekanntes Ergebnis. Indes konnte der autobiographische Roman »Erziehung eines Helden« aus dem Tagebau im Lausitzer Revier von Siegfried Pitschmann, Reimanns Ehemann zwischen 1959 und 1964, nicht erscheinen – eine Geschichte für sich. Sie erzählt von den Schwierigkeiten, den Turbulenzen, von Zweifeln und Unruhe im Kulturbetrieb. Von Pitschmann (1930–2002) wird berichtet, Erwin Strittmatter, damals Erster Sekretär des DDR-Schriftstellerverbands, hätte in Bitterfeld dessen »harte Schreibweise« kritisiert – ohne indes den Autor namentlich zu nennen.

Unstrittig ist, dass es kontrovers zuging. Schließlich handelte es sich bei Bitterfeld ’59, so die offizielle Lesart seinerzeit, um einen großen Versuch, einen Teil einer – nur schwer definierbaren, vielfältigen – »Kulturrevolution« in der DDR mit dem »Kupa« als »Laboratorium«: So zumindest formulierte es 1964 auf der 2. Konferenz DDR-Kulturminister Hans Bentzien (1927–2015).

Das sei gescheitert, wird heute behauptet – eine Bewertung, die sich als gängige Geschichtsschreibung etabliert hat. »Nach Erich Honeckers Machtantritt 1971 wurde das Bitterfelder Projekt als einseitige, lebensfremde Marotte Ulbrichts endgültig beerdigt«, urteilte beispielsweise Deutschlandradio Kultur (24.4.2009) zum 50. Jahrestag.
Minister Bentzien, der im Januar 1966 nach dem 11. ZK-Plenum der SED abgesetzt worden war, hielt weise dagegen: »Es war wirklich ein neuer Weg, der versucht wurde. Es wird allgemein gesagt, der konnte nicht gelingen. Aber ich sage mir (…): ›Verlache mir die Träume meiner Jugend nicht!‹«

Tatsächlich hielt sich nicht nur und sogar nach der DDR mancher Literaturzirkel im Arbeitermilieu, sondern lebte auch die Idee weiter. So mag Gerhard Gundermanns Werk als Texter und Musiker beispielsweise herausragend sein, es steht aber nicht allein da, sondern spiegelt Entwicklungen, die lange nach Ulbrichts erzwungener Abdankung 1971 an den Bitterfelder Weg erinnerten. Sie verweisen noch nach Jahrzehnten auf die Potenzen, die in dem Gedanken liegen könnten, die Arbeiterklasse ans Dichten und die Literaten an die Produktion heranzuführen – obwohl natürlich die berechtigte Skepsis nicht zu überhören war.

Anna Seghers meinte laut sowjetischen Quellen, so eine Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung (8.2.2011), in der DDR sei »man sich zu wenig darüber im klaren, dass die Arbeit des Schriftstellers eine schwere Arbeit ist, die von einem Menschen die Anspannung aller seiner geistigen und körperlichen Kräfte verlangt und die mit hohen Ansprüchen an sich selbst verbunden ist. Wie es scheint, sind wir übereilt vom ›lesenden Arbeiter‹ zum ›schreibenden Arbeiter‹ übergegangen, wir brauchen aber vor allem mehr kritisch lesende Arbeiter.« In demselben Artikel von Elke Scherstjanoi (»Moskauer Blicke auf den ›Bitterfelder Weg‹ (1960–1964)«) wird Erwin Strittmatter zitiert, der meinte, »um den ›schreibenden Arbeiter‹ würde in der DDR zu viel Lärm gemacht. Die Kampagne sei ein ›Rückfall in den Proletkult‹ und führe zu einer gefährlichen Unterschätzung der Leistungen von Schriftstellern aus anderen als der Arbeiterklasse«.

Das mag zutreffen und könnte sicherlich über den Bereich der Kunst hinaus gewirkt haben. Die schwungvoll gestartete, aber vielleicht streckenweise überorganisierte und verordnete Initiative zeigte ihre Widersprüche, wurde gehemmt auch durch Strukturen, Eitelkeiten und Ungeduld. Und wenn Christine Leyerle einen »obrigkeitsstaatlichen Verordnungscharakter« unterstellt, könnte ihre These bei genauer Betrachtung zu spannenden Kontroversen um die Realisierung einer spannenden Idee führen.

»Der Mensch ist ein Schöpfer« (Victor Jara), Kunst hat auch immer mit dem Traum von einer besseren Gesellschaft zu tun und wie diese entstehen kann. Nicht nur Gundermann beschritt stur und zugleich flexibel seinen eigenen, für richtig erachteten Bitterfelder Weg und führte seine zwei Leben in einem, als Baggerfahrer ebenso wie als Künstler. Eines bedingte das andere: Ein Kumpel mit Feder und Gitarre beharrt in den Achtzigern auf der Utopie von Bitterfeld 1959.

Nach der zweiten Konferenz blieb ein weiterer Schub trotz aller durchaus beachtlichen Ergebnisse aus politischen Gründen aus. Einschneidend wirkte das 11. Plenum des SED-Zentralkomitees zur Kulturpolitik im Dezember 1965. In dessen Verlauf warf Erich Honecker in seinem Referat dem Schriftsteller Werner Bräunig »falsche, verzerrte Darstellung« in dessen Roman »Rummelplatz« vor.

Auf dem Plenum hatte die aller Ehren werte und im heutigen Deutschland doch so auffällig gering geschätzte Christa Wolf den Schriftsteller als einzige Rednerin verteidigt: »Ich habe den Eindruck, dass diese Tagung (…) bestimmte Errungenschaften, die durch die Bitterfelder Konferenz und auf ihrer Grundlage geschaffen wurden – in Literatur und Ästhetik –, wenn nicht zurückzunehmen, so doch zu stoppen (droht). Und ich möchte vor dieser Gefahr warnen, die ich in vielen Institutionen sehe.«

Ihre Warnung wird tragischerweise nicht gehört. Es folgen Verbote und Restriktionen, nahezu ein ganzer Jahrgang von Defa-Filmen wird weggeschlossen – die schöpferischen Potenzen von Kunstwerken bleiben ungenutzt, die sozialistische Kulturpolitik gräbt sich selbst das Wasser ab. Gundermanns Bestandsaufnahme in dem Text »Lancelots Zwischenbilanz« von 1981 klingt wie ein schon ziemlich verzweifelter Alarmruf. »Seit fünfzehn Jahren steh ich an der Weltzeituhr / Und ich bin nicht mehr so jung / Und ich warte und ich warte / Und die rote Nelke trag ich immer noch am Helm / Obwohl sie mir schon lange verdorrte«.

Die Nelke, der Optimismus verdorrt – so ging es vielen. Und die Zwischenbilanz des Tafelrundenritters Lancelot auf der Suche nach dem Heiligen Gral erschien auf Schallplatte erst 1988; viel zu spät.

Steingewordene DDR-Tradition

Mit der Zeitenwende 1989 endet in Bitterfeld auch ein Kulturprojekt, das 1952 mit der Übernahme des Elektrotechnischen Kombinats als VEB Gestalt angenommen hatte. Bis zu 30.000 Beschäftigte arbeiteten im späteren Chemiekombinat. 1990 Stillegung weiter Teile, Abriss im Zuge der Übernahme durch die Treuhand, Zerstückelung, Aktiengesellschaften steigen ein, Bayer als IG-Farben-Nachfolgerin darunter, der ehemalige, mittlerweile verstorbene Ost-West-Unternehmer Jürgen Preiss-Daimler legt eine D-Mark beim Bürgermeister auf den Tisch und wird en passant Palastherr. Er tritt dort sogar selbst auf. Schließlich die Gelsenwasser Aktiengesellschaft.

Vorher scheitert noch das Ansinnen, eine Stiftung zu gründen, an der Hartleibigkeit von Stadt und Ortsbeiräten. Zugleich sorgen die diversen Zwischenspiele spezieller Akteure, die Luxusautos ausstellen oder das Gebäude zum Hotel umbauen wollen, mehr und mehr für Kopfschütteln und einen wachsenden Willen in der Bevölkerung, sich »unseren ›Kupa‹« nicht abwracken zu lassen. Ein Umdenken in Wirtschaft und Politik ist zu beobachten.
Über den Bitterfelder Weg allerdings wird, wenn überhaupt, immer noch zumeist mit einem spöttischen Unterton geredet oder geschrieben und die wichtige Idee untergepflügt. »Die Künstler mochten nicht in der Produktion versauern, die Kumpel brachten es in ihren Zirkeln nicht zu bedeutenden Literaturpreisen«, wertete beispielsweise der Spiegel vor zwei Jahren holzschnittartig und mit leichter Hand. Er bediente so letztlich die alte Mär vom Elfenbeinturm des Künstlers, die sich inzwischen gesamtgesellschaftlich als Elitedenken etabliert hat.
Dagegen den Weg wahrhaftig auszuleuchten, könnte historisch aufregend und zudem produktiv sein. Diesbezüglich tut sich ein weites, nahezu unbestelltes Forschungsfeld auf: Nicht nur, was den heiklen, ideologisch angelegten Umgang ab 1990 angeht, sondern auch seine zurückhaltende – um es vorsichtig zu sagen – Auswertung in der DDR, als er offiziell kaum noch eine Rolle spielte.

Hier wäre kaum ein besserer Ort als der Kulturpalast Bitterfeld denkbar. Nicht nur der Weg der Literatur in die Produktion und aus der Produktion heraus wäre ein Alleinstellungsmerkmal, sondern zudem der historisch besondere Palast als einer der letzten seiner Art. Und da bestehen Berührungspunkte zwischen den noch lebenden Schreibenden, die den Weg gegangen sind, und den Dabeigewesenen, für die der »Kupa« Alltag war.

Perspektivisch geht es dabei sicherlich darum, eine breite kulturelle Vielfalt zu entwickeln. »Ich habe selbst dort gespielt und weiß um die Möglichkeiten so eines einzigartigen Gebäudes«, sagt der Schauspieler Thomas Rühmann. Wie man solche Paläste »behutsam saniert«, hätten Eisenhüttenstadt, Seelow und Rüdersdorf vorgemacht. »Tun wir es ihnen nach.« Konzepte hierfür liegen vor. Als zukünftiger Betreiber ist der Veranstalter Matthias Goßler von der »Splitter Manufaktur« im Gespräch. Er geht von einer Sanierungsdauer von zweieinhalb Jahren aus, hält auch die Finanzierung eines Umbaus des Hauses für eine neues »Nutzungskonzept« für möglich.

Das Projekt könnte zwar, sagt auch der ehemalige »Kupa«-Leiter (1995–2003) Reinhard Waag vom »Förderverein Bernhard Franke«, »wirtschaftlich durchaus sinnvoll sein«, wenn »eine starke regionale Verknüpfung und überregionale Synergien zum Einsatz kommen«. Dabei sei »nicht unerheblich«, sich auf »auf historische Ereignisse und Bestände« zu besinnen und diese zu präsentieren, beispielsweise durch einen Verein oder eine Stiftung. Und für Staatsministerin Grütters steht fest: »Das Haus, Stein gewordene DDR-Tradition, muss bleiben« (MZ, 25.9.2020). Sie habe empfohlen, für 2021 erneut einen Förderantrag zu stellen. Es geht also ums Geld.
Sind Kunst und Kultur letztlich in Zahlen zu fassen? Gundermann nannte sie »Lebensmittel«, heutzutage würde man sie vielleicht »systemrelevante Bereiche« gleich dem Gesundheits- und Bildungswesen nennen. Der Bitterfelder Kulturpalast könnte hierfür zum schon von weitem sichtbaren Symbol werden, für etwas Neues im Alten, wiederentdeckt und weitergetragen.

Gerd Schumann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 29. Oktober 2019 über die Diskussion um den Literaturnobelpreisträger Peter Handke.

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Debatte

  • Beitrag von Jürgen R. aus W. ( 1. Oktober 2020 um 23:12 Uhr)
    unsere kultur hat mit denen nichts gemein. dass für die opfer ihrer imperialen existenz unsere gebäude zu ihren symbolen verkommen erzeugt dauerbrechreiz. sollen die Leningrader den pdr [Republik] etwa als ein zeichen vom land der bw-macht identifizieren? nein! dazu passt das hz-grusel-mittelalter-schloss viel besser. es gibt keine richtigen kulturgüter in der barbarischen unkultur. wir sollten selbst alles abreißen, was die DDR mit denen auch nur in die nähe bringt. in der übergangsepoche spielt die a-klasse im imp. kap. die unbedeutenste rolle [3 rev hauptströme, richt. Bildung 10. Kl. POS]. also gebt den soz. staaten und den befreiungsbewegungen die bspiele unseres abrisses, damit sie erkennen, was sie zu verlieren haben. was soll die anbiederung an die südfrüchtefresser. von hier ist nichts gutes zu erwarten! macht fotos und provoziert sie zum abriss! wie sieht denn das aus: zahngold-degusswerbung auf unseren kulturhäusern?

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