Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
Gegründet 1947 Sa. / So., 31. Oktober / 1. November 2020, Nr. 255
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
Die XXVI. RLK-Konferenz findet statt
Aus: Ausgabe vom 30.09.2020, Seite 12 / Thema
Zum Begriff »Rasse«

Was sind »Menschenrassen«?

Warum sie nicht natürlich sind und sich trotzdem nicht einfach ignorieren lassen
Von Wulf D. Hund
12_13_2.jpg
Ganz »normale« Herrschaftsverhältnisse: Niederländische Diplomaten beim König des Kongo in der Mitte des 17. Jahrhunderts (Kupferstich um 1668)

Das Wort »Rasse« steht zur Disposition. Es war der Leitbegriff des modernen Rassismus, der wiederum zur Rechtfertigung weltweit begangenen Unrechts diente. Rassentheorien ordneten Menschen global in angeblich von Natur aus unterschiedliche Gruppen. Die sogenannten Rassen sollten äußerlich an ihren verschiedenen Hautfarben (und anderen körperlichen Merkmalen) kenntlich sein. Vor allem aber wurden ihnen unterschiedliche Fähigkeiten zur kulturellen Entwicklung unterstellt. Insofern waren Rassennomenklaturen nie bloß beschreibend, sondern immer hierarchisch aufgebaut und plazierten die »weiße Rasse« regelmäßig an der Spitze.

Trotzdem gibt es in der gegenwärtigen Diskussion verschiedene Signale. Die einen (darunter Aminata Touré und Robert Habeck von den Grünen oder der im Senegal geborene SPD-Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby) fordern, den Begriff Rasse bis hin zum Grundgesetz abzuschaffen. Die Bundestagsfraktion der Partei Die Linke hatte schon 2010 einen Antrag mit dieser Forderung gestellt. Es sei wissenschaftlich bewiesen, dass es keine Menschenrassen gebe. Sie seien ideologische Konstruktionen zur Rechtfertigung der europäischen kolonialen und imperialen Expansion gewesen. Die anderen erklären, dass Rasse von Bedeutung ist bzw. (mit einem Buchtitel von Cornel West) »Race matters«. Die Bewegung »Black Lives Matter« steht in diesem Kontext.

Beide Verständnisse von »Rasse« schließen sich nicht unbedingt aus. Die französische Soziologin Colette Guillaumin hat das schon vor vierzig Jahren in zwei kurze Sätze gefasst: »Rasse existiert nicht. Aber sie tötet Menschen.« Rasse ist keine biologische Realität. Aber der Rassismus hat sie zu einer sozialen Tatsache gemacht.

Rassenkonstruktion

Was den Alltagsverstand verwundern mag, lässt sich historisch erklären. Als die Portugiesen Anfang des 16. Jahrhunderts diplomatische Beziehungen mit dem Kongo aufnahmen, gab es keine »Rassen«. Sie sahen zwar äußere Unterschiede. Aber die galten als unwesentlich gegenüber den Gemeinsamkeiten: Beide Länder waren gut organisierte Königreiche und festigten auch ihre persönlichen Beziehungen. Schon früh wurde ein Sohn des kongolesischen Königs zum Studium nach Lissabon geschickt und schließlich in Rom zum Bischof geweiht. Mitte des Jahrhunderts heiratete ein kongolesischer Adeliger in das portugiesische Königshaus ein.

Auf einem Bild, das holländische Diplomaten am kongolesischen Hof zeigt, sieht man deswegen nicht Rassen, sondern feudale Verhältnisse (Abb. 1). Die Handelsbeziehungen zwischen Europa und dem Kongo hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt freilich einseitig entwickelt, und Sklaven standen im Zentrum des Austausches. Ursprünglich handelte es sich dabei nicht um Kongolesen, sondern um Kriegsgefangene. Das änderte sich mit der Ausdehnung der transatlantischen Sklaverei. Die Angehörigen der Eliten gingen dazu über, ihre eigenen Untertanen zu verkaufen. Die lokale Wirtschaft wurde vom Sklavenhandel unterminiert, die traditionellen sozialen Strukturen lösten sich auf, und die politische Einheit des Landes verfiel.

Aus europäischer Sicht wurde der Kongo Bestandteil dessen, was Hegel das »wahre Afrika« nannte. Über die dort lebenden Menschen behauptete er in seinen »Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte« während der 1820er Jahre: »Der Neger stellt (…) den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar« und fügte hinzu: »Es ist nichts an das Menschliche Anklingende an diesem Charakter zu finden.« Das im Verlauf von Kolonialismus und Sklavenhandel in alle europäischen Sprachen diffundierte N-Wort diente der diskriminierenden Bezeichnung von Menschen, die nicht mehr als gleichberechtigte Partner, sondern als Angehörige einer zurückgebliebenen Rasse betrachtet wurden. Hautfarbe hatte sich aus einem bloß äußeren Unterschied in das stigmatisierende Zeichen substantieller Verschiedenheit verwandelt.

Unter diesen Vorzeichen wurde der Kongo zum Spielball des europäischen Imperialismus und seine Bevölkerung zum Opfer brutaler Ausbeutung. Die vorangegangene Geschichte wurde ausgeblendet. An ihre Stelle traten Erzählungen über das »Herz der Finsternis« – und Rassenbilder. Auf ihnen waren Europäer zu sehen, die das Land erst einmal »entdecken« und »erschließen« mussten, die durch ihr Militär Ordnung schafften, die Bevölkerung durch Belehrung zur Arbeit anhielten und durch Mission aus der Barbarei retteten. Eine französische Illustrierte symbolisierte dieses Selbstverständnis 1911 auf ihrer Titelseite (siehe Abb. 2): eine strahlend weiße allegorische Verkörperung der Zivilisation beglückt dunkelhäutige »Eingeborene« mit deren Segnungen.

Der Begriff Rasse umschrieb genau diese Relation. »Rasse« war keine bloß naturwissenschaftliche Ordnungskategorie, sondern Ausdruck einer sozialen Relation, die immer auch Vorstellungen weißer Überlegenheit umfasste. Ein Blick in die Begriffsgeschichte von »Rasse« macht das deutlich.

»Klasse« und »Rasse«

Das Wort verbreitete sich zuerst im Spanien der frühen Neuzeit und wurde in zwei unterschiedlichen Zusammenhängen benutzt. Zum einen unterschied man die »gute Rasse« des Adels von der »schlechten Rasse« der Bauern. Zum anderen betrachtete man die Abstammung von Juden, Muslimen oder Häretikern als »rassischen Makel«. Den würden ehemalige Konvertiten zum Christentum an ihre Nachkommen weitergeben, die deswegen »unreines Blut« hätten. In beiden Fällen diente das Wort zur Bezeichnung einer genealogisch begriffenen sozialen Differenz.

In dieser Bedeutung wurde das Wort Rasse in die französische Sprache übernommen. Dort verwendete es der alte Adel, um sich als Blutadel von »edler Rasse« vom neuen Amtsadel abzusetzen. Von dort gelangte es anschließend nach England, wo es auch im kolonialen Kontext benutzt wurde.

Der elisabethanische Hofpoet Edmund Spenser hatte 1596 die Iren als rückständig und barbarisch, als »evil race«, eine »üble Rasse« beschrieben. Der Philosoph und Ökonom William Petty hielt die Iren ebenfalls für unzivilisiert. Sein Interesse galt aber auch den neuen amerikanischen Kolonien, wo verschiedene »Rassen«, nämlich »Indians«, »Whites« und (infolge des Sklavenhandels) auch »Blacks« lebten. Die beiden letzten wären »nicht nur der Farbe nach so weit verschieden, wie Weiß von Schwarz abweicht«, sondern unterschieden sich auch »hinsichtlich der inwendigen Beschaffenheit ihres Verstandes«.

Als das Wort Rasse dann 1684 vom französischen Arzt und Reisenden François Bernier zum ersten Mal zur Einteilung der gesamten Menschheit benutzt wurde, verwandte er eine Kategorie, die bereits seit Jahrhunderten zur abstufenden Differenzierung verschiedener Gruppen von Menschen gedient hatte, denen dabei unterschiedliche Fähigkeiten und Wertigkeiten zugeschrieben wurden.

»Rassen« konnte man zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht an ihren Hautfarben erkennen. Berniers »erste Rasse« umfasste die Bevölkerung Europas, Nordafrikas, Vorderasiens und Indiens und damit alle Farbschattierungen zwischen Schwarz und Weiß. Seine (ost-)asiatische Rasse bezeichnete er als weiß, die (subsaharische) afrikanische Rasse erschien ihm schwarz, und die Amerikaner, die er für olivfarben hielt, rechnete er mangels augenfälliger Unterschiede der »ersten Rasse« zu.

»Rassenunterschiede« waren kein Ausdruck der spontanen Wahrnehmung von Unterschieden. Die Europäer sahen zwar schwarze Afrikaner, aber weder gelbe Asiaten noch rote Indianer und hielten ihr eigenes Weißsein nicht für exklusiv. Die Funktionalität der Rasseneinteilung für eine Legitimation der europäischen kolonialen Expansion war nicht »offensichtlich«. Klar unterscheidbare »Rassen« mussten erst hergestellt werden. Bei diesem Konstruktionsprozess wurden zwei Ziele verfolgt: die Europäer von den Bewohnern anderer Kontinente abzusetzen und die dabei erzeugten »Rassen« mit einem alltagstauglichen Erkennungszeichen zu versehen. Dem ersten diente die Unterteilung von »Weißen« und »Farbigen«, dem zweiten eine Kennzeichnung der Rassen nach Hautfarben.

Theorie und Kritik

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant hat dazu einen zentralen Beitrag geleistet. Das empfand er nicht als Widerspruch zu seinen fortschrittlichen Ideen. Er plädierte für den Aufbruch der Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit, empfahl ihnen, sich dabei an den kategorischen Imperativ zu halten, wähnte ewigen Frieden als machbar, kritisierte die Brutalität des Kolonialismus und lehnte die Sklaverei ab. Kant wusste sogar, dass »Rassen« kein Produkt der Natur, sondern des menschlichen Verstandes sind. Auf die Frage »Was ist eine Race?« antwortete er, es handle sich bei ihr nicht um eine »physische Absonderung«, »die die Natur selbst unter ihren Geschöpfen (…) macht«, sondern um eine »logische Absonderung«, »die die Vernunft (…) zum Behuf der bloßen Vergleichung macht«.
Aber mit seinem Vergleich behauptete er, die menschliche Entwicklung hätte ihre höchste Stufe »in unserem Welttheile« erreicht, »der wahrscheinlicher Weise allen anderen dereinst Gesetze geben wird«. Und er kennzeichnete die Rassen nicht nur als die »Weißen«, die »Schwarzen«, die »Gelben« und die »Kupferrothen«, sondern ordnete sie auch nach ihren angeblich unterschiedlichen kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten. Mit dieser diskriminierenden Bedeutung ging das Wort Rasse in den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch ein.

12_13_1.jpg
Imperialismus und »Rasse«: Die Allegorie der Zivilisation beglückt Afrika (Titelseite der französischen Illustrierten Le Petit Journal vom 19. November 1911)

»Rasse« war also von Anfang eine auf soziale Unterschiede gemünzte Kategorie. Sie benannte (in Spanien und Frankreich) zunächst Klassendifferenzen (und auch auf Deutsch wurden noch Mitte des 19. Jahrhunderts selbst im »Manifest der Kommunistischen Partei« »Arbeiter« als »Race« bezeichnet). Gleichzeitig verwies der Begriff aber auch wertend auf religiöse Unterschiede (zwischen Juden, Muslimen und Christen). Das wurde zunächst auf ethnische Herkunft ausgeweitet und mündete schließlich in eine Rassensystematik der gesamten Menschheit. In beiden Fällen wurden die positiven Eigenschaften der oberen »Rasse« wie die negativen Eigenschaften der unteren »Rassen« genealogisch interpretiert und bezüglich der Menschenrassen im 18. und 19. Jahrhundert wissenschaftlich naturalisiert.

Zweifel und Kritik an der Rassentheorie hatte es zwar schon zu deren Anfängen gegeben. Im Zuge der Dynamik von Kolonialismus und Imperialismus und der gleichzeitigen Verwissenschaftlichung des Rassedenkens fanden sie aber nur wenig Gehör. Das änderte sich erst, als die völkische Bewegung in Deutschland und schließlich die Nazis den zeitgenössischen Rassismus vor allem gegen Weiße richteten. Die Kritik daran erstreckte sich schließlich auch auf den Rassenbegriff selbst. Der englisch-amerikanische Anthropologe Ashley Montagu bezeichnete »Rasse« 1942 als »Irrtum« und »gefährlichen Mythos«.

In zwei im Auftrag der UNESCO erarbeiteten Statements erklärte eine stark von Sozialwissenschaftlern geprägte Arbeitsgruppe dann 1950, angesichts der unsachlichen und ideologischen Verwendung des Rassebegriffs sei es »besser, die Kategorie ›Rasse‹ insgesamt fallenzulassen«. Dem widersprach eine Reihe von physischen Anthropologen und Genetikern. Sie wollten auf den Rassenbegriff nicht verzichten. So wird 1951 in einer zweiten Erklärung dafür plädiert, den Rassenbegriff in strengen Grenzen für die physische Anthropologie zu reservieren und betont, dass er keine Unterscheidungen »intellektueller« oder »emotionaler« Art beinhalten würde.

Es sollte noch gut weitere fünfzig Jahre dauern, bis sich bei Sozialwissenschaftlern wie Naturwissenschaftlern die Auffassung durchgesetzt hatte, dass »Rassen« keine natürlichen Einheiten, sondern soziale Konstruktionen sind. Das hat allerdings nicht zur Abschaffung der Kategorie geführt, was nicht zuletzt daran liegt, dass der Rassenbegriff seit Ausgang des 19. Jahrhunderts nicht nur zur Diskriminierung sogenannter farbiger Rassen diente. Er wurde von denen, deren Herabsetzung er betrieb, auch kritisch gewendet und zum Instrument des Widerstands gemacht.

Soziale Tatsachen

Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert forderte Alexander Crummell, einer der Mentoren des Panafrikanismus, die Schwarzen in Amerika zur »Nutzbarmachung und Pflege« der »Fähigkeiten« ihrer »eigenen Rasse« auf. Zur selben Zeit plädierte W. E. B. Du Bois, der sich zu einem der profiliertesten schwarzen Kritiker des Rassismus entwickeln sollte, für die »Erhaltung der Rassen«. Wie er später selbst schrieb, hatten ihn die gesellschaftlichen Verhältnisse der US-amerikanischen Rassengesellschaft zu einem »›Race‹ man« gemacht. Im Kampf gegen rassistische Diskriminierungen stand ihm nur das »Rassenkonzept« zur Verfügung, das er in ein Instrument der Kritik verwandelte.

Der aus Trinidad stammende schwarze sozialistische Theoretiker C. L. R. James benutzte 1944 in diesem Zusammenhang sogar das noch relativ neue Wort »Rassismus«. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere wichtige Bücher geschrieben – darunter das über Toussaint Louverture und die schwarzen Jakobiner in der haitianischen Revolution. Als »Rassismus« bezeichnete er auch den rassischen »Nationalismus« der amerikanischen Schwarzen. Der sei notwendig und legitim, denn er ermögliche ihnen die notwendige »Kraft, Selbstachtung und Organisation«, die der Kampf gegen Rassendiskriminierung erfordert.

Nur wenige Jahre zuvor hatte Claude McKay ein mit dieser Strategie verbundenes Problem angesprochen. Er war einer der bedeutendsten literarischen Vertreter der »Harlem Renaissance«. In den zwanziger Jahren verbrachte er einige Zeit in der Sowjetunion und hielt 1922 eine Rede auf dem Kongress der Kommunistischen Internationale in Moskau. Weil die Komintern zu keiner theoretischen Klärung der Rassenfrage kam und dazu keine konsequente Politik entwickelte, ging McKay schließlich im Zusammenhang mit der Entwicklung in der Sowjetunion auf Distanz zum Kommunismus.

1941 schrieb er den Roman »Amiable with Big Teeth«, der sich um Konflikte zwischen Kommunisten und schwarzen Nationalisten in Harlem drehte. Darin legte er einem der schwarzen Protagonisten nachdenkliche Worte in den Mund: »Minderheiten sollten beim Umgang mit Rassismus sehr wachsam und vorsichtig sein. Wir können die Existenz rassischer Unterschiede nicht verneinen und gleichzeitig auf Rasse bezogene Minderheitenrechte fordern. Das gilt besonders für die afroamerikanische Gruppe, der ich angehöre. Gleichwohl werden wir die Rassendefinition der Nazis und die Vorstellung angeborener Überlegenheit eines Rassentypus über den anderen nicht akzeptieren.«

»Rasse« wurde von diesen und anderen Kritikern des europäisch geprägten Rassismus als soziale Kategorie verstanden. Ihre lange naturalistische Aufladung im Zuge des Kolonialismus und die anschließende biologische Unterfütterung durch die Rassenwissenschaften verschwand dadurch aber nicht. Sie war entweder unterschwellig oder explizit weiter im Verständnis von »Rasse« enthalten. Die ist aber kein Produkt der Naturgeschichte, sondern der Geschichte der europäischen Expansion und damit verbundener Ausbeutung und Unterdrückung. Aber bei ihrer Konstruktion wurden kulturelle Elemente untrennbar mit naturalistischen verschmolzen.

»Race matters«

Man kann es deswegen durchaus misslich finden, wenn zur Bezeichnung dieses sozialpolitischen Zusammenhangs ein Wort benutzt wird, das über rund zweihundert Jahre hinweg intensiv biologisch aufgeladen und verwendet worden ist. Das gilt zumal, wenn man bedenkt, dass solches naturalistisches Verständnis von Rasse im Alltagsverständnis weit verbreitet ist.

Nicht bestreiten lässt sich allerdings, dass Rasse ein bedeutsamer sozialer Indikator ist. Das wird nicht nur in Rassengesellschaften wie den USA deutlich. »Rasse« ist dort eine Unterteilung, nach der sich signifikante Unterschiede im Hinblick auf Einkommen, Vermögen, Ausbildung, Beruf, Ernährung, Gesundheit und vieles mehr erfassen lassen. Nicht zuletzt gehen mit ihr auch rassistische Bewertungen beziehungsweise Abwertungen und damit verbundene Benachteiligungen und Diskriminierungen von Menschen einher. Das ist auch eine Frage von Leben und Tod – nicht nur hinsichtlich der durchschnittlichen Lebenserwartung, sondern auch beim Kontakt mit der Polizei.

»Race matters«, das gilt für zahlreiche nationale und internationale Zusammenhänge. Insofern müssen diejenigen, die das Wort in einem Grundgesetzartikel abschaffen wollen, in dem es ohne Zweifel Schutzfunktionen hat, eine Anzahl von Fragen bedenken und beantworten. Das gilt im engeren Sinne für die vielen staatlichen und zwischenstaatlichen Gesetzestexte, in denen das Wort Verwendung findet (auch in der »Charta der Grundrechte der Europäischen Union«). Insgesamt und vor allem aber gilt es für die Beziehung zu all jenen, die nolens volens gezwungen waren, »Rasse« aus einer Kategorie der Diskriminierung zu einem Begriff des Selbstverständnisses und des Widerstands zu machen.

Noch zu Beginn dieses Jahrhunderts kam es bei der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Südafrika 2001 fast zu einem größeren Konflikt, als europäische Staaten forderten, das Wort »Rasse« aus den Abschlussdokumenten zu streichen. Das wurde von Teilnehmern aus Afrika und Lateinamerika als »infamer Schachzug« gegen all jene gewertet, »die unter Rassismus am meisten zu leiden hätten«.

Menschenrassen sind keine Produkte der Naturgeschichte, sondern der Sozialgeschichte. Sie sind deswegen trotzdem real. Soziale Konstruktionen sind keine ideologischen Kopfgeburten, sondern spiegeln tatsächliche gesellschaftliche Verhältnisse. Deren herrschaftliche Strukturen wurden im Verlauf des europäischen Kolonialismus und Imperialismus erzeugt und von der Rassentheorie nachträglich legitimiert. So notwendig eine Kritik des Rassenbegriffs ist, kann sie die Kritik und Veränderung der Verhältnisse nicht ersetzen.

Wulf D. Hund ist Professor (i. R.) für Soziologie an der Universität Hamburg und forscht zu Geschichte und Theorie des Rassismus. Seine letzte Buchveröffentlichung heißt »Rassismus und Antirassismus« (Köln: Papyrossa-Verlag 2018). Eine Anzahl seiner Texte sind unter https://uni-hamburg.academia.edu/WulfDHund zugänglich.

Unverzichtbar!

»Zusammen mit der jährlichen Rosa-Luxemburg-Konferenz bietet die junge Welt für uns die perfekte Grundlage, um unsere gewerkschaftliche Arbeit kapitalismuskritisch und antifaschistisch auszurichten.« – DGB-Jugend Ulm

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Debatte

  • Beitrag von Paul L. aus K. ( 1. Oktober 2020 um 18:50 Uhr)
    Danke für den Beitrag. Wohl das Wesentliche auf den Punkt gebracht. So lässt sich das Wissen erweitern, ohne gleich Wälzer durcharbeiten zu müssen, was überdies nach der Lektüre leichter fällt: der Fokus wurde geschärft!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Anlass zu großen Feiern: Ehemalige Sklaven bejubeln Anfang 1863 ...
    10.08.2020

    Befreiung im Krieg

    Rassismus und Ökonomie (Teil II und Schluss): Erst der nordamerikanische Bürgerkrieg brachte die Sklavenemanzipation. Marx und Engels sahen in ihm einen Testfall für die Arbeiterbewegung weltweit
  • Verheerender Unfug. Mittels Schädelvermessungen sollten »Rassent...
    17.06.2020

    Vererbter Wahn

    Im 19. Jahrhundert entstand ein »wissenschaftlich« begründeter Rassismus, mit dem Sklaverei und Kolonialismus legitimiert werden sollten. Er reichte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein
  • »Verbrenne und zerstöre alles, damit jene, welche gekommen sind,...
    08.05.2017

    »Für immer ein Vulkan«

    Vorabdruck. Die Revolution in Haiti hatte Erfolg. Doch das Land der ehemaligen Sklaven konnte sich aus der Abhängigkeit nicht befreien

Regio: