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Aus: Ausgabe vom 30.09.2020, Seite 8 / Ansichten

Wendegewinnerin des Tages: Sahra Wagenknecht

Von Sebastian Carlens
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Sahra Wagenknecht, frühere Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Bundestag, am 12. März 2019 in Berlin

Es ist nicht verboten, dümmer zu werden, als man früher war. Menschen ändern Meinungen, manches vergessen sie, anderes fällt ihnen irgendwann neu ein. So weit, so normal. Nicht normal ist, die eigene Geschichte anhand späterer Erkenntnisse umzuschreiben – so, als hätte man nie was anderes gedacht als das, was einem aktuell in den Ganglien rumort.

Sahra Wagenknecht hat 30 Jahre gebraucht, um zu erkennen, dass sie zu den Opfern der DDR gehört (Studienverbot!). Wenn sie dem Deutschlandfunk jetzt erzählt, dass sie 1989, im Alter von 20 Jahren und noch zu DDR-Zeiten, bereits »eine Wirtschaft, die marktförmig ist, in der es Wettbewerb gibt«, erträumt hätte, dann ist sie heute dümmer als die Wagenknecht von 1992. Die hatte damals differenzierte Analysen (ganz ohne Verlangen nach dem Markt) zur DDR-Geschichte abgeliefert: Sie fand einen »blühenden Sozialismus«, zu dessen Entwicklung das Land »auf dem besten Wege« war.

Seit Wagenknecht den bräsigen Ludwig Erhard zum Säulenheiligen erhoben hat, hängt sie dem Glauben an, man könne Kapitalismus (sprich »Reichtum«) ohne Zwang zur Profitmaximierung (sprich »Gier«) haben. Das, was sie – wie sie heute glaubt – vor über 30 Jahren in der DDR zu bekommen gehofft hatte, wäre solch ein Wunderding: Markt ohne Kapital.

Wenn die Wagenknecht von heute auch noch findet, dass es keine »ostdeutsche Mentalität« mehr gäbe, dass es dafür »viel zu viele Erlebnisse in den letzten 30 Jahren« gegeben habe, dann hat sie, wenn sie von sich spricht, sicher recht: Sie ist mental, finanziell und mit dem Wohnsitz im Westen gelandet. Es sei doch »eine gute Sache, dass Deutschland nicht mehr geteilt ist«, findet Wagenknecht 2020. Die von 1992 sah das ganz anders, die von 1989 vermutlich auch.

Wenn es ein Recht auf Verdummung gibt, dann gibt es zum Glück noch eins: Das nämlich, diesen Weg nicht mitgehen zu müssen.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wegen ihrer klaren Positionierung beim Kampf für eine lebenswerte, von Ausbeutung befreite Welt. Sie verdeutlicht, dass nur in vereinten Kämpfen Erfolge errungen werden können!« – Andre Koletzki, Geprüfter Meister für Bäderbetriebe, Berlin

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung im Netz ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme – gedruckt und online!

Debatte

  • Beitrag von Simon B. aus B. (30. September 2020 um 11:44 Uhr)
    Wendeverlierer des Vormittags: Sebastian Carlens. Eine bisher kaum gewürdigte Gruppe von Opfern der DDR rekrutiert sich aus jenen westdeutschen Linken, die den Bürgern Ostdeutschlands auch nach 30 Jahren nicht verzeihen möchten, dass diese das am eigenen Leib durchgeführte Experiment sozialistische Menschengemeinschaft Leninschen Typs relativ unspektakulär beendeten und damit den Genossen West die harte Wirklichkeit abgeschaffter Argumente und den Verlust von Überlegenheitsgefühlen im Oberseminar zumuteten.

    Der Vorgang hatte politökonomisch darstellbare Gründe. Deren Erforschung, Interpretation und Übersetzung in veränderte politische Praxis ist bis heute Gegenstand (un-)solidarischer, bisweilen (a-)sozialer Auseinandersetzung. Übrigens nicht nur unter Linken.

    Wagenknechts Text von 1992 macht das schön deutlich – da ringt jemand mit der grad erfahrenen Wirklichkeit, den Dogmen, der Zukunft und eigenen Überzeugungen und führt genau dies fort – ohne Beaufsichtigung durch Obersten Sowjet.

    Das kann ein Wahrheitsbesitzer aus der Schule des kommunistischen Katholizismus selbstverständlich nicht gebrauchen, verwundert aber nicht. Der wohlfeile Verbalradikalismus des Autors galt gar nicht der Problemstellung (»gemeinschaftliche Kontrolle des Austauschs mit der Natur, so human wie möglich«, Marx) sondern reflektiert die Klassenlage eines Ambitionierten: auf der Leiter vom Stellv. zum Chefredaktor bei der jungen Welt mag das Image des harten Hundes mitunter Wunder wirken. Das ist allerdings die Fortsetzung der Herrschaftslogik der verblichenen Staatsklassensozialisten. Im Einzelnen ist es halt vertrackt mit den Interessen, den besonderen und allgemeinen. Wir verstehen obige Glosse als mühsam ironisch getarnten Kampf ums Grundsätzliche: eine Mittelschichtskarriere. Seit 89/90 haben unzählige Leute vom Recht auf freie Wahl des Wohnsitzes Gebrauch gemacht und mit dem Abendrot im Rücken sehr vieles sehr oft sehr viel besser gewusst (ohne mental oder finanziell den Westen je verlassen zu haben). Ihr Glanz war nur das Gegenlicht. Das trug seither nicht unerheblich zur Herausbildung einer »ostdeutschen Mentalität« bei – die sah reihenweise Naseweise beim Verfrühstücken des Mehrprodukts. Willkommen in der BRD.

    Wir werden auch das verkraften, und zur Not wissen wir ja: »Wenn es ein Recht auf Verdummung gibt, dann gibt es zum Glück noch eins: Das nämlich, diesen Weg nicht mitgehen zu müssen.«
  • Beitrag von Kerstin N. aus P. (30. September 2020 um 13:37 Uhr)
    Dieser Artikel ist überflüssig !

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