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Aus: Ausgabe vom 29.09.2020, Seite 5 / Inland
Umwelt

Endlager gesucht

Amt hält mehr als zwei Drittel der bundesdeutschen Fläche zur »Sicherung« von Atommüll für geeignet
Von Susan Bonath
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Auseinandersetzungen um ein mögliches Atommüllendlager in Gorleben gehören der Vergangenheit an (8.5.1996)

Wie sieht die Welt in einer Million Jahre aus? In einem Zwischenbericht, den die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) am Montag vorgelegt hat, wagt sie den Blick in die Zukunft. Er umfasst rund 90 Gebiete in Deutschland, die sich dafür eignen sollen, über diesen Zeitraum den hochradioaktiven Müll, den die Atomkraftwerke hinterlassen haben, »sicher« einzulagern. Die Behörde scheint guter Dinge: Wie zuerst der Spiegel berichtete, hält sie mehr als zwei Drittel der bundesdeutschen Fläche für geeignet. Allerdings: Gorleben ist aus dem Rennen.

Besonders weitläufige potentielle Endlagergebiete für Strahlenmüll entdeckten die 70 Wissenschaftler, die drei Jahre lang geologische Daten gesammelt hatten, demnach im Norden und Südosten Deutschlands. So wiesen sie 130.000 Quadratkilometer Tongesteinsformationen in neun Teilstücken in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern bis hin an den Rand von Brandenburg und Berlin als geeignet aus. Von Ostsachsen über Bayern bis nach Baden-Württemberg benannten sie weitere sieben Teilgebiete aus Granitgestein mit einer Gesamtfläche von 80.000 Quadratkilometern. Ebenfalls in Frage kommen demnach die Salzstöcke in Sachsen-Anhalt, Thüringen und im Osten Niedersachsens auf zusammengefasst 30.000 Quadratkilometern.

Neben schwach- und mittelradioaktivem Müll geht es um rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiven Kraftwerksabfall, der in knapp 2.000 Castorbehältern verstaut ist. Nach dem für 2022 beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie soll für die Fässer auf der Grundlage des Endlagersuchgesetzes aus dem Jahr 2017 ein dauerhafter Verbleib gefunden werden. Vor knapp drei Wochen hatte die Mehrheit des Bundestages gegen die AfD bei Enthaltung der Linksfraktion entsprechenden Sicherheitsverordnungen der Bundesregierung zugestimmt. Demnach sollen die im Zwischenbericht ermittelten Gebiete weiter untersucht und eingegrenzt werden. Dafür will das zuständige Bundesamt für die Sicherheit nuklearer Entsorgung (­BASE) eine »Fachkonferenz Teilgebiete« einrichten.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kritisierte am Montag auf seiner Webseite, dass bisher weder er noch andere Umweltorganisationen einbezogen worden seien. »Eine unabhängige Prüfung der Suche und eine kritische Einschätzung der Auswahl waren somit unmöglich«, so der BUND. An der bereits im Oktober erstmals tagenden Fachkonferenz dürfe man sich zwar beteiligen. Allerdings müssten bis spätestens Juni 2021 alle Einwände vorgetragen werden. Gleichberechtigung sehe anders aus, rügte der Verband.

Die Fraktion Die Linke im Bundestag befürchtet ähnliches. Trotz der guten Nachricht, dass Gorleben wegen Sicherheitsproblemen raus sei, »werden die Sorgen, dass es kein transparentes und partizipatives Verfahren geben wird, derzeit noch größer«, klagte deren Sprecher für Atomausstieg, Hubertus Zdebel, am Montag. Er forderte das zuständige Amt auf, »alle Fakten und Daten auf den Tisch« zu legen. Nur so könne das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewonnen werden.

Laut BUND sieht es dafür nicht so gut aus. Geologische Daten im Zwischenbericht stammten teils von Rohstoffirmen und könnten nicht einfach offengelegt werden. Nur das nationale Begleitgremium dürfe diese einsehen. Darüber hinaus sei die Zeitspanne zur Kommentierung des Berichts mit nur vier Monaten viel zu eng gesetzt. »Eine Befähigung der Zivilgesellschaft zum Austausch, beispielsweise durch finanzielle Mittel für kritische Gutachterinnen, wurde abgelehnt.« Die Umweltschützer mahnen zudem, dass die Zeit dränge. Jahrzehntelang hätten Politik und Atomindustrie das Entwickeln von Lösungen vor sich hergeschoben. »Bis heute lagert der Müll in havarierten Lagern wie Morsleben und Asse oder steht in unsicheren Zwischenlagern«, konstatiert der Verband weiter.

Sowohl in Asse als auch in Morsleben lagern radioaktive Fässer in Salzstöcken. Das Material leitet Fachleuten zufolge zwar entstehende Wärme besser ab, ist aber wasserlöslich. Besonders in Asse ist das Problem mit einsickerndem Wasser so weit fortgeschritten, dass der Atommüll in aufwendigen Verfahren herausgeholt werden soll. Im knapp 40 Kilometer vom Schacht Asse II entfernten »Endlager« Morsleben droht ähnliches. Bisher ist lediglich der Schacht Konrad – ein ehemaliges Eisenerzbergwerk – im ebenfalls zu der Region gehörenden Salzgitter als Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle genehmigt. Laut Plan könnte die Einlagerung dort 2027 starten.

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