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Aus: Ausgabe vom 26.09.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ein Gasprinz

Von Arnold Schölzel
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Die Gaspipeline »Nord Stream 2« wird gebaut. Am Freitag bemühte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zur Begründung im Handelsblatt die Erzählung vom Kapital als scheuem Reh: »Ich war und bin allerdings seit jeher der Auffassung, dass es pro­blematisch ist, Projekte, die auf mehrere Jahrzehnte angelegt sind, alle paar Monate in Frage zu stellen. Sonst werden private Investoren nicht mehr zum Engagement bereit sein.« Profit und Vertragssicherheit leben in Symbiose. Machtworte Altmaiers hatte am Montag schon Finanzminister Olaf Scholz (SPD) genutzt: »Nord Stream 2« macht die Bundesrepublik nicht abhängig von Russland, die Kritiker sollten mal die Frage beantworten, woher die steigenden Gasmengen, »die Europa importieren muss«, kommen sollen.

Jochen Bittner, für Meinungsseiten zuständiger Politikredakteur der Zeit, kennt keine Fragen zur Gasleitung mehr, sondern nur noch deutsche Kunden. All denjenigen, die an kühlen Tagen »die Thermostate ihrer Heizungen aufdrehen«, schreibt er die Überschrift eines Kommentars auf Seite eins der Wochenzeitung in die moralische Gasrechnung: »Nicht von Putin«. Untertitel: »Auch Verbraucher können politischen Druck erzeugen. Sie haben es in der Hand, bei wem die Energieversorger einkaufen.« Das wird Shell, Wintershall, Total, OMV oder wie die an »Nord Stream 2« beteiligten Konzerne sonst noch heißen, überraschen. Von Gasdemokratie haben sie, aber auch Altmaier oder Scholz nichts mitbekommen. Kursstürze blieben nach Erscheinen des Bittner-Pamphlets allerdings aus, die Gewinne scheinen ungefährdet.

Das Märchen von der Verbrauchermacht in einer imperial organisierten Ökonomie, in der auf Jahre hinaus geplant und zugeteilt wird, bemühen die Prinzen der geistigen Provinzen des Kapitals immer dann, wenn von der Beherrschung ganzer Weltregionen und Branchen durch Monopole nicht geredet werden soll. Entsprechende Kampagnen etwa bei Lebensmitteln, Textilien oder mineralischen Rohstoffen überstehen die jedenfalls folgenlos, manche sponsern sie, um Konkurrenz zu bekämpfen. Bei »Nord Stream 2« liegt die auf der Hand: Allein 2019 steigerten die USA ihre Gasförderung durch naturzerstörerische Ausbeutung von Schiefervorkommen in Texas und Pennsylvania um zehn Prozent, das entsprach 60 Prozent des entsprechenden Wachstums weltweit. Jetzt muss das Zeug verkauft werden, die Frackingindustrie der USA leidet wegen niedriger Ölpreise ohnehin große Not.

Da helfen die deutschen Grünen oder Bittner als Gasprinz gern mit kriegshetzerischen Blödeleien über Russland aller Art, um »Nord Stream 2« noch zu verhindern oder wenigstens den Ruf nach US-Frackinggas zu verstärken. Bei Bittner liest sich das so. Wer jetzt die Heizung aufdrehe, der bewirke neben Wärme nur eins: »Das Regime von Wladimir Putin bekommt Geld, mit dem es Bomben baut, die auf Syrien herabfallen, was Hunderttausende Menschen in die Flucht treibt, was wiederum Europas Demokratien unter Hitze setzt.« Und: »Deutsche Gaskunden finanzieren also nicht nur russische Kriegsverbrechen mit, sondern auch die migrationspolitische Spaltung ihrer eigenen Republik.« Bittner gesteht zu, dass Verbraucher das Recht haben, Trumps Gas abzulehnen, »man« frage sich aber, warum sie dann »nicht noch größere Skrupel gegenüber russischem Gas haben können«.

So, wie Europas Energiekonzerne nichts von der Macht der Verbraucher wussten, so ahnungslos ist offenbar die AfD, dass Deutsche durch Drehen am Heizungsregler die Halluzination von der »Islamisierung des Abendlandes« und vom perfiden Plan des Merkel-Regimes für einen »Bevölkerungsaustausch« Wirklichkeit werden lassen. Den nennt Bittner immerhin »Unfug«. Manchmal weiß sogar so einer, was er verzapft.

All denjenigen, die an kühlen Tagen »die Thermostate ihrer Heizungen aufdrehen«, schreibt Bittner die Überschrift seines Kommentars auf Seite eins der Zeit in die moralische Gasrechnung: »Nicht von Putin«.

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