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Das Maß dieser Krise

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Die entscheidende Meldung der vergangenen Tage lautet (in der Version der FAZ): »Die Reallöhne in Deutschland sind in der Coronakrise so stark gesunken wie noch nie seit Beginn der Erhebung. Wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte, lagen die Reallöhne im Dreimonatszeitraum von April bis Juni um 4,7 Prozent niedriger als im Vorjahresquartal. Dabei habe Kurzarbeit die Einkommensverluste noch teilweise abgefedert.
Nominal, also nicht preisbereinigt, sanken die Bruttomonatsverdienste einschließlich Sonderzahlungen um rund 4,0 Prozent. Die Verbraucherpreise legten im selben Zeitraum um knapp 0,8 Prozent zu. Der sich daraus ergebende reale Verdienstrückgang von rund 4,7 Prozent ist nach Angaben des Bundesamtes die ›historisch stärkste Abnahme der Nominal- und auch der Reallöhne im Vorjahresvergleich seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2007 und somit stärker als in der Finanzmarktkrise 2008/2009‹«.

Das ist das erste umfassende Maß dieser Krise. So kommt sie bei der Klasse der Lohnabhängigen an. Die Summe der Löhne und Gehälter sinkt, weil weniger gearbeitet wird. Überstunden und Sonderschichten entfallen. Kurzarbeit wird vereinbart. Ganz oder zum Teil kommt das Geld vom Arbeitsamt statt vom Betrieb, in der Summe jedenfalls weniger davon. Die mit befristeten Verträgen – vielfach bei Leiharbeitsfirmen – werden nicht weiterbeschäftigt. Schließlich gibt es Entlassungen, etwa wenn der Betrieb pleite ist. Entweder mit sofortiger Wirkung oder mit Vorankündigung und in der Übergangsphase schon mit weniger Geld, zum Einüben. Da aktuell immer noch neue Entlassungen angekündigt werden, kann sich jeder ausrechnen, dass die Erwerbslosigkeit laufend weiter steigen wird, und ihre Steigerungsrate wahrscheinlich fürs nächste auch.

Die Lohnsumme wird also – nominal und real – weiter sinken. Die minus 4,7 Prozent vom 2. Quartal sind erst der Anfang. Für die Konjunktur bedeutet das nichts Gutes. Um so erstaunlicher ist es, dass das Ifo-Institut seine Prognose für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr angehoben hat. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) werde 2020 wahrscheinlich nicht ganz so stark schrumpfen wie 2009, als minus 5,7 Prozent gemessen worden waren, meinen die professionellen Konjunkturforscher aus München.

Woher der Optimismus stammt und warum die Erwerbslosigkeit im nächsten Jahr schon wieder sinken sollte, wird nicht ganz klar. Angesichts der heftigen Schrumpfung der Reallöhne wird der Konsum die Konjunktur ganz sicher nicht beleben. Vielmehr bedürfen Löhne und Konsum der breiten Massen selber der Belebung. Die einfachste Methode dazu sind stabile Jobs und gute Bezahlung in Bereichen, wo es gesellschaftliche Nachfrage gibt – beispielsweise Gesundheit und Bildung. Schon aus konjunkturellen Gründen ist es notwendig, die Tarife im öffentlichen Dienst von Kommunen und Bund jetzt um die geforderten 4,8 Prozent zu erhöhen.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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