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Aus: Ausgabe vom 26.09.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Technikkritik

Tot durch Autopilot

Unfälle selbstfahrender Fahrzeuge häufen sich. Tesla-Chef Musk nennt Kritik »idiotisch« und Experten warnen vor Angriffswaffen auf vier Rädern
Von Ralf Wurzbacher
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Euphorisch: Tesla-Chef Elon Musk präsentiert »Tesla Model 3« in China (Shanghai, 7.1.2020)

Elon Musk geriert sich gerne als Technikkritiker, etwa mit Sätzen wie diesen: »Künstliche Intelligenz stellt ein grundlegendes Risiko für die Existenz der menschlichen Zivilisation dar, auf eine Weise wie es Autounfälle, Flugzeugabstürze, schadhafte Drogen oder schlechtes Essen nie waren.« Um der Gefahr zu begegnen, holt sich die Unternehmerikone die Künstliche Intelligenz (KI) kurzerhand ins Boot, beziehungsweise ins Auto, und produziert damit Unfälle auf eine Weise, wie es sie früher nicht gab. Zum Beispiel Ende 2019 im kalifornischen Gardena: Hier raste ein »Tesla Model S« über eine rote Ampel und krachte in einen »Honda Civic«. Dessen Insassen starben, die des Teslas trugen lebensbedrohliche Verletzungen davon. Später stellte sich heraus: In ihrem Fahrzeug war der »Autopilot« aktiviert.

Wegen einer Reihe ähnlicher Vorfälle, mehrmals schon mit tödlichem Ausgang, hat es das Landgericht München der Deutschland-Tochter von Tesla im Juli untersagt, die Assistenzsysteme weiterhin mit dem Begriff »Autopilot« zu bewerben. Tatsächlich sollen »autonome« Autos heute selbständig die Spur und den Abstand halten, beschleunigen, bremsen und mithin Überholmanöver vornehmen können. Gleichwohl bedarf es einer permanenten »aktiven Überwachung durch den Fahrer«, wie auch Tesla auf seiner Website festhält. Musk will trotzdem nichts von Irreführung hören und nannte unlängst die Kritik am hauseigenen System »idiotisch«. Die auch statistisch belegte Häufung von Unfällen mit Teslas relativiert sein Unternehmen dabei stets mit dem Hinweis, dass Autos ohne digitalen Assistenten viel häufiger verunglücken.

Das stimmt zwar, schafft im Einzelfall aber kaum Vertrauen. Wer lässt sich guten Gewissens von einer Maschine mit 200 Sachen über die Autobahn chauffieren, von der zu lesen ist, dass sie Straßenteiler und die Spurführung bei Baustellen nicht korrekt erkennen kann und ihre Kameras und Sensoren im Dunkeln, bei Regen oder Schneefall zu Sehfehlern neigen? Andererseits gibt es durchaus Menschen, die die Heilsversprechen der »Digitalavantgarde« für bare Münze nehmen und ihr Leben einem Computer überantworten. In der Vorwoche wurde ein Fall von Anfang Juli aus Kanada bekannt, bei dem die Polizei einen Tesla stoppte, dessen Passagiere bei Tempo 140 auf zurückgelehntem Sitz offenbar geschlafen haben. Als die Streife mit Blaulicht die Verfolgung aufnahm, erhöhte das Auto die Geschwindigkeit automatisch auf 150 Kilometer pro Stunde.

Das sind Ausnahmefehler, jedoch mit viel Symbolkraft. Heute mögen noch ein paar wenige ihre Technikgläubigkeit mit dem Leben bezahlen. Ist die Technik erst einmal voll ausgereift, könnte ihr die ganze Menschheit zum Opfer fallen. Wenn Autos uns unfallfrei durch die Lande kutschieren, Kühlschränke das Einkaufen abnehmen oder die Smartwatch den Speiseplan verordnet, was wird dann aus den Fertigkeiten, mit denen wir das bisher selbst bewerkstelligt haben? Und wozu überhaupt noch denken? Musk hat vielleicht eine Ahnung, was kommt, und selbstredend eine Lösung parat: Damit die Künstliche Intelligenz nicht die Kontrolle über uns übernimmt, müssen wir uns nach seiner Logik selbst mit ihr verschmelzen. Über eine Schnittstelle und mit der passenden App sollen dann etwa fremde Sprachen oder eine Kampfsportart ins Gehirn hochgeladen werden – genau wie beim Scifi-Klassiker »Matrix«. Entsprechende Experimente an Affen hat Musks Firma Neuralink bereits durchgeführt. Jetzt sind menschliche Versuchskaninchen gefragt.

Beim Projekt »autonomes Fahren« gibt es die schon, wenn auch nicht immer auf freiwilliger Basis. Nach Medienberichten von Mitte September wurde in den USA ein sogenannter Backupfahrer einer Uber-Limosine wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Er hatte 2018 eine Fußgängerin mit einem aus der Ferne navigierten Wagen erfasst, bei dem der »Autopilot« versagte. Der Mann war zum Zeitpunkt des Unfalls mit Fernsehen beschäftigt. Solche Fälle erscheinen noch harmlos angesichts dessen, was am Dienstag Vertreter aus IT-Industrie, Wissenschaft und Versicherungswirtschaft beim alljährlichen Autoforum der Allianz in München erörtert haben. Demnach könnte neben dem Logistik- und Energiesektor das vernetzte Auto alsbald »eines der Hauptziele der IT-Kriminalität werden«, warnte Allianz-Deutschland-Chef Klaus-Peter Röhler.

»Alles, was vernetzt ist, wird auch angegriffen«, befand Hans Adlkofer, Manager beim Chiphersteller Infineon, der viele Autohersteller beliefert. Das schlimmste Szenario sei ein Hackerangriff auf eine ganze Fahrzeugflotte oder sämtliche Fahrzeuge eines einzigen Modells. Selbst das Umfunktionieren eines Autos in eine Angriffswaffe sei denkbar. Beim Tesla reicht dazu schon ein klitzekleiner Aufkleber auf einem Tempolimitschild. Die Softwarefirma McAfee hat damit in einem Test mehrere Autos um 50 Meilen pro Stunde beschleunigt.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • W. Lulay: Oberflächlich Man muss den Tesla-Boss nicht mögen, aber so oberflächlich wie dieser Artikel das Problem einer Schlüsseltechnologie behandelt, wird man ihm und diesem Thema sicher nicht gerecht. KI wird die Welt ver...

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