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Aus: Ausgabe vom 25.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Klassik

Das tut man nicht!

Kontrastparty: Teodor Currentzis polarisiert mit einem großen Abend in der Elbphilharmonie
Von Stefan Siegert
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Einleuchtender, mitreißender: Currentzis und die Geigerin Kopatschinskaja proben

Als die junge Welt 2014 zum ersten Mal vom äußersten Westrand Sibiriens über Teodor Currentzis berichtete, war das bürgerliche Feuilleton gespalten, was diesen griechischen Dirigenten betrifft: Die nicht wenigen Begeisterten wurden von den Gralshütern der seriösen Klassik als dem Populismus verfallen bekrittelt. Seit einiger Zeit treibt ein neues Schlagetotwort sein Unwesen. Wieder trifft es auch den flamboyanten Griechen. Er »polarisiert«, heißt es, so etwas tut man nicht, wenn man in Politik oder Klassik dazugehören will.

Dummerweise scheinen Klassikfreunde wie Christoph Lieben-Seutter, der Intendant der Elbphilharmonie in Hamburg, Polarisierung zu schätzen. Sie wissen offenbar, dass Polarisieren in den besten Fällen – und zu ihnen gehört Currentzis – Andersmachen heißt, einleuchtender Machen, in der Klassik heißt das auch: mitreißender. So konnten der Grieche, die SWR-Symphoniker und die Geigerin Patricia Kopatchinskaja am Mittwoch abend im großen Saal ein Konzertprogramm abfeuern, das – der Applaus des pandemiebedingt ausgedünnten Publikums rauschte unmissverständlich – mitreißend war.

Der Komponist Helmut Lachenmann steht mit seinem Werk für die endgültige Emanzipation des Geräuschs als eines gleichberechtigten Teils der Musik und damit in der Nachfolge seines Lehrers Luigi Nono, der den gängigen Klassikbetrieb in Frage stellte. Das Anfang der 1990er Jahre entstandene Stück »… zwei Gefühle …« arbeitet allerdings neben Geräuschen schon auch mit geräuschartigen und »reinen« Tönen und sogar Intervallen. Lachenmann selbst wirkte bei der Aufführung in Hamburg als »Sprecher« mit. Der Text des Universalgenies Leonardo da Vinci schildert die Urgewalten der Natur, schließlich die Unergründlichkeit der Finsternis einer Höhle und die Reaktion des Wanderers: Furcht und Verlangen. Lachenmann macht daraus kein Melodram, keine Programmusik, auch die Sprache ist jenseits eines Rests Semantik nur noch Klang. Nono nannte eines seiner gewaltigsten Werke »Prometheus. Tragödie des Hörens«. Bei Lachenmann ist es eine Odyssee des Ohrs, ein differenziertes Klanginferno. Currentzis tanzte mehr, als er dirigierte. Der 84jährige Lachenmann hatte sichtlich seine Freude.

Fast übergangslos Heinrich Ignaz Franz Bibers »Battalia à 10«, mit der gleichen, jetzt unbedenklich barocken Neigung zum Verlassen ausgetretener Pfade. Currentzis und die ausgedünnte SWR-Musikerschar trieben das musikalische Schlachtgetümmel unter geräuschhafter Verwendung der Instrumente – Stimme und Körperlichkeit (Tanz) in die Musik integrierend – in extrem lockerem Umgang mit traditioneller Harmonik und praller Musizierlust auf die Spitze. Die Geigerin Kopa­tchinskaja, oft mehr Medium als Solistin, war ganz in ihrem Element.

Dann, der Saal bis auf die Pultbeleuchtung verdunkelt, der nahtlose Sprung über drei Jahrhunderte: In Giacinto Scelsis der Venus gewidmetem »Lyrischem Poem«, »Anahit«, zieht sich die Tonalität abermals auf eine, die Tradition wiederum gänzlich anders verarbeitende Art in sich zurück. Die »Battalia« war die Kontrastparty zum die verseuchte Gegenwart beschwörenden Programm. Mit Scelsi kehrt es in das deprimierende Jetzt zurück. Danach: das nur von der Theorbe und spärlichen Einwürfen einiger Instrumente begleitete Lied von John Dowland (1563–1626) »Weepe you no more sad fountaines«, ein trübe seliges Verklingen. Currentzis und Kopa­tchinskaja sangen still mit Mund-Nasen-Schutz. Magie des Trosts der Traurigkeit. Die Geigerin im weißen Kleid, immer leiser geräuschhafte Klänge von sich gebend, verließ mit Currentzis den dunklen Saal. Ein großer Abend.

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