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Aus: Ausgabe vom 25.09.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Leerverkäufe

Attacke gegen »Nikola«

Durch heftige Finanzspekulationen stürzt der US-amerikanische Elektrolastwagenbauer in seine bisher schwerste Krise
Von Steffen Stierle
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Auf der Automesse in Turin im Dezember 2019 war die Welt für Nikola-Chef Trevor Milton noch in Ordnung

Seit fünf Jahren tüftelt das US-amerikanische Startup »Nikola« am Bau elektro- und wasserstoffbetriebener Lastwagen. Zuletzt konnten wichtige Partnerschaften abgeschlossen und Investoren ins Boot geholt werden. Doch nun gerät das Unternehmen in erhebliche Turbulenzen. Die Finanzanalysten von »Hindenburg Research« hatten schwerwiegende Betrugsvorwürfe erhoben, insbesondere gegen den ­Nikola-Gründer Trevor Milton. Vom Niedergang des in Arizona angesiedelten Unternehmens würden die Hindenburg-Zocker wohl kräftig profitieren, denn auf Geschäfte mit fallenden Kursen sind sie spezialisiert.

Die Methode ist nicht neu: Mit sogenannten Leerverkäufen lässt sich auf sinkende Aktienwerte wetten. Wer etwas gegen ein börsennotiertes Unternehmen in der Hand hat, kann den Kurseinbruch mitunter selbst herbeiführen. Deshalb arbeiten Spekulanten immer mal wieder wie investigative Journalisten. Im Falle Nikola offenbar mit Erfolg: Mitte September hatte Hindenburg seine Vorwürfe in einem 60seitigen Report öffentlich gemacht. In der Nacht auf Montag nahm Milton seinen Hut. Daraufhin brach der Aktienpreis um 34 Prozent ein. Für die Leerverkäufer eine attraktive Gewinnspanne.

Seitenweise Vorwürfe

Die Vorwürfe gegen Milton wiegen schwer: Das gesamte Projekt beruhe auf »Dutzenden Lügen«, heißt es in dem Bericht. Als Quellen werden unter anderem private E-Mails, Telefongespräche und Handydaten genannt. Der heute 39jährige habe Investoren beispielsweise mit einem Video überzeugt, in dem ein wasserstoffbetriebener Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit durch die Gegend braust. Hindenburg gibt an, beweisen zu können, dass dieser in Wirklichkeit lediglich einen Berg heruntergerollt war. Den Rest erledigte wohl die Videotechnik. Zudem habe Milton fälschlicherweise behauptet, über bestimmte Schlüsseltechnologien zu verfügen, und die Geldgeber so zur Vertragsunterzeichnung bewegt. Zwar hat Nikola mittlerweile eine Gegendarstellung veröffentlicht. Diese fällt jedoch knapp und schwammig aus. Die Anschuldigungen konnten daher bislang nicht umfassend entkräftet werden.

Kostenspielige Vorhaben

Dass Milton sehr engagiert versuchte, Renditejäger zu überzeugen, ist nicht ausgeschlossen, denn die Vorhaben Nikolas sind kostspielig. Man will batterie- und wasserstoffbetriebene Schwerlasttransporter und Pick-ups bauen. Diese sollten dann nicht verkauft, sondern per Leasingvertrag vermarktet werden. Und der Wasserstoff soll ebenfalls aus eigener Produktion kommen. Man würde so einen vielversprechenden Markt erschließen und diesen bis auf weiteres komplett kontrollieren. 20 Milliarden US-Dollar (umgerechnet etwa 16,9 Milliarden Euro) konnte Milton bereits einsammeln. Auch namhafte Partner wurden gewonnen, zuletzt war der US-Autokonzern General Motors (GM) eingestiegen. Der italienische Nutzfahrzeughersteller Iveco, der Autoteilelieferant Bosch sowie der Finanzdienstleister Blackrock sind ebenfalls mit von der Partie.

Einige bedeutende Anteilseigner hatten jüngst beteuert, Nikola trotz des Angriffs die Stange halten zu wollen. Doch nach der Veröffentlichung des Hindenburg-Reports dürfte es schwieriger werden, weitere Gelder zu mobilisieren. Damit droht das ganze Projekt zu scheitern. Die Anleger sind nervös geworden und stoßen die Nikola-Papiere massenhaft ab, der Aktienkurs geht auf Talfahrt.

Milton musste gehen

Freuen an dem Einbruch darf sich wohl vor allem der E-Auto-Konzern Tesla, dem Milton mit seinem Projekt Nikola ausdrücklich Konkurrenz machen wollte. Immer wieder verglich er sein Unternehmen mit dem etablierten Wettbewerber aus San Carlos in Kalifornien. Im Vergleich zu Nikola nimmt die Zahl der Leerverkäufe von Tesla-Aktien schon seit Monaten ab. Der Börsenwert gab zwar zuletzt ebenfalls nach, jedoch bei weitem nicht so stark wie die Nikola-Papiere.

Den Chefsessel bei Nikola wird laut einer Mitteilung des Unternehmens Stephen Girsky einnehmen, er war bereits Mitglied im Verwaltungsrat und zuvor für General Motors tätig. Ob mit dem Personalwechsel der erhoffte Befreiungsschlag gelingt, bleibt offen.

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