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Aus: Ausgabe vom 25.09.2020, Seite 4 / Inland
Ungehorsam in Krisenzeiten

Gegen Kohle und Kapitalismus

Aktionen von »Ende Gelände« im rheinischen Braunkohlerevier: Tausende Menschen reisen trotz erschwerter Bedingungen an
Von Manuela Bechert
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Aktivisten von »Ende Gelände« am Donnerstag im Camp nahe Keyenberg

Ronja Weil ist sicher: »Das kommende Wochenende wird der Startschuss sein für eine Bewegung, die aus der Corona-schockstarre erwacht«, so die Pressesprecherin des Aktionsbündnisses »Ende Gelände« am Donnerstag. Unter dem Motto »Fossile Energien stoppen. Klima schützen!« ruft das Bündnis erneut zum zivilen Ungehorsam gegen den Kapitalismus im rheinischen Braunkohlerevier und für weltweite Klimagerechtigkeit auf. Mit einem akribisch ausgearbeiteten Coronaschutzplan schafft es »Ende Gelände« auch in Zeiten der Krise, eine Massenaktion zivilen Ungehorsams für eine emanzipatorische Politik zu organisieren. Die erarbeiteten Schutzmaßnahmen sind vielfältig und beinhalten auch, dass alle teilnehmenden Klimaaktivisten sich im Vorfeld eine sogenannte »Corona-ID« erstellen lassen. Hierzu ist die Angabe persönlicher Daten notwendig. Das Bündnis war zudem gerichtlich verpflichtet worden, die Kontaktdaten der Anreisenden zu erfassen – und davon ausgegangen, dass dies einige Menschen abschrecken könne. Doch bereits am ersten Tag des Aktionscamps musste »Ende Gelände« einen Anreisestopp für nichtangemeldete Teilnehmer aussprechen. Deutlich früher als erwartet, zeichnete sich ab, dass mehr Menschen kommen wollen als laut Hygienekonzept aufgenommen werden können – vorgesehen war eine Begrenzung auf 3.200 Teilnehmende. Zudem fordert »Ende Gelände« Menschen aus Hamm und Remscheid dazu auf, zu Hause zu bleiben. In diesen Regionen gibt es gerade erhöhte Infektionszahlen mit mehr als 50 Fällen pro 100.000 Einwohner.

Wochenlang hatten Aktive aus ganz Deutschland am Gelingen des bevorstehenden Protestwochenendes gearbeitet. Untergebracht werden die Teilnehmenden in mehreren Camps. Sie sind dazu aufgerufen, sich Bezugsgruppen anzuschließen, die höchstens zehn Menschen umfassen sollen. Die verschiedenen Menschengruppen, Bündnisse und Bewegungen wurden bereits im Vorfeld auf die Camps aufgeteilt, bestritten extra ausgerichtete Aktionstrainings und machten sich mit dem Aktionskonsens von »Ende Gelände« vertraut. Britta Kox hieß im Namen des Bündnisses »Alle Dörfer bleiben« am Donnerstag alle Menschen der Klimagerechtigkeitsbewegung willkommen und erklärte sich mit allen angekündigten Aktionen solidarisch. »Geld kann niemals den Verlust und den Schmerz ausgleichen. Herr Laschet und seine Kumpel von RWE spielen schon zu lange mit uns«, sagte sie in einem Redebeitrag mit Blick auf Zwangsumsiedlungen zugunsten des Kohleabbaus für den Energiekonzern RWE mit dem Segen des NRW-Ministerpräsidenten Armin Laschet (NRW).

Bis 2038 sollen nach bisheriger Planung deutsche Braunkohlekraftwerke weiter qualmen. Damit sind die Menschen größtenteils nicht einverstanden. Ronja Weil spricht sogar von einem Klimaverbrechen: Konzerne würden mit Milliarden gekrönt, als Belohnung dafür, dass sie sich schon jahrzehntelang mit Gewinnen aus der Zerstörung die Taschen vollgestopft haben.

Wenn die Regierung nicht handelt, will »Ende Gelände« mit Aktionen, wie sie auch für das kommende Wochenende geplant sind, den Kohleausstieg selbst in die Hand nehmen – »denn nur so ist die Klimakrise aufzuhalten«. Erstmalig in der Geschichte des Bündnisses »Ende Gelände« richtet sich der Protest nicht nur gegen den Abbau der im Rheinischen Revier gewonnenen Braunkohle, sondern auch gegen die Gasinfrastruktur, die ebenfalls Ziel von Blockadeaktionen werden soll. Statt konsequent auf Erneuerbare Energien zu setzen, zündle die Bundesregierung weiter mit fossilen Brennstoffen, heißt es.

»Ende Gelände« spricht damit eine klare Kampfansage gegen die Politik der Bundesregierung, die Zerstörung der Natur und Umsiedlung der Dörfer im Rheinischen Braunkohlerevier, den RWE-Konzern und nicht zuletzt den Kapitalismus aus.

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