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Aus: Ausgabe vom 25.09.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Belarus

Schatten seiner selbst

Der relative Wohlstand von Belarus ist Geschichte
Von Reinhard Lauterbach
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Exportschlager: Belarussischer Käse aus der Stadt Slutsk (17.6.2009)

Beim Zerfall der UdSSR stand die damalige Belarussische Sozialistische Sowjetrepublik wirtschaftlich und sozial nicht schlecht da. Nach den schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs praktisch komplett neu aufgebaut, war die Indus­trie relativ modern, und die Landwirtschaft produzierte mehr, als die Republik verbrauchte. Selbst ein eigenes Stahlwerk hatte die Plankommission Belarus spendiert, obwohl das Land keine Eisenerzvorkommen hat: Die in den 1970er Jahren mit österreichischer und italienischer Technologie in Zhlobin errichtete Hütte spezialisierte sich auf das Einschmelzen von Schrott.

Abgesehen von der florierenden Milchwirtschaft – noch heute stammt ein Großteil des in Russland verkauften Käses und Joghurts aus belarussischen Molkereien – produzierte Belarus auch ausgewählte Investitionsgüter: beim Maschinenhersteller Gomselmasch die größten Mähdrescher der Welt, im Minsker Automobilwerk schwere Lastwagen. Die Kühlschränke, die in sowjetischen Hotelzimmern jeden Gast aus dem Schlaf holten, wenn sie früh um drei lautstark ansprangen, trugen den Namen der belarussischen Hauptstadt bis nach Magadan. Immerhin entstehen im Minsker Werk für Radschlepper weiterhin die Fahrzeuge, auf die die mobilen russischen Interkontinentalraketen montiert werden.

Innerhalb der sowjetischen Arbeitsteilung war Belarus so solide aufgestellt. Das änderte sich, nachdem in Russland der Kapitalismus eingeführt worden war und die belarussischen Erzeugnisse nur noch über den Preis konkurrieren konnten. Schon 2016 zitierte das Portal gazeta.ru einen russischen Spediteur mit den Worten, natürlich seien die belarussischen Sattelschlepper preiswert in der Anschaffung. Aber durch hohen Verbrauch und hohe Reparaturanfälligkeit kämen letztlich die Konkurrenzprodukte aus Schweden oder der BRD günstiger.

Aktuell deuten Zahlen auf eine nur noch nominelle Auslastung der belarussischen Industrie hin: Die Produktion im Maschinenbau sei von 18.000 Einheiten zu sowjetischen Zeiten auf noch 1.375 Maschinen 2019 zurückgegangen, schrieb kürzlich das Portal lenta.ru. Das Minsker Kugellagerwerk habe 1987 55 Millionen Stück produziert, 2017 noch eine Million. Entsprechend ist auch die Beschäftigung in den staatlichen Betrieben zum Teil fiktiv oder beruht auf Teilzeitverträgen mit Löhnen, von denen man nicht überleben kann.

Unverzichtbar!

»Ich schätze die junge Welt wegen ihrer solidarischen Haltung und Berichterstattung zu Kuba. Dabei deckt sie Fake-News auf und schreibt über sonst totgeschwiegene Themen.« Samuel Wanitsch, Mitglied der nationalen Koordination der Vereinigung Schweiz-Kuba

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Debatte

  • Beitrag von Franz S. aus R. (25. September 2020 um 08:41 Uhr)
    »Kühlschränke, die in sowjetischen Hotelzimmern jeden Gast aus dem Schlaf holten«,

    »reparaturanfällige Sattelschlepper«,

    »Beschäftigung in den staatlichen Betrieben zum Teil fiktiv«,

    »Löhne, von denen man nicht überleben kann«:

    Da helfen wohl nur Privatisierung und Regime-Change. Ist das die Botschaft des fleißigen Autors?

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