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Aus: Ausgabe vom 25.09.2020, Seite 1 / Titel
Klimastreikaktionen

Weil’s der Markt nicht regelt

Aktionstage für Klimagerechtigkeit mit »Fridays for Future« und »Ende Gelände«
Von Claudia Wangerin
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Aktivisten bei der Besetzung eines Baufeldes am Dannenröder Wald (21.9.2020)

Ob im Rheinischen Braunkohlerevier, im Dannenröder Wald oder bei »Fridays for Future« auf den Straßen und Plätzen zahlreicher Städte rund um die Welt: Der Widerstand gegen eine Wirtschafts- und Energiepolitik, die sehenden Auges auf den ökologischen Kollaps zusteuert, ist trotz Coronakrise ungebrochen. Die Zahl der Menschen, die an diesem Wochenende im Rheinland mit Aktionen des zivilen Ungehorsams für einen früheren Kohleausstieg kämpfen wollen, erwies sich am Donnerstag als so groß, dass das Aktionsbündnis »Ende Gelände« einen Anreisestopp verhängen musste, »um den Schutz aller Beteiligten angesichts der Covid-19-Pandemie sicherzustellen«.

Das Hygienekonzept des Bündnisses sieht vor, die Zahl der Teilnehmenden auf 3.200 zu begrenzen. »Wir sind überwältigt, dass trotz der schwierigen Situation Tausende Menschen zivilen Ungehorsam leisten wollen«, erklärte dazu am Donnerstag die Pressesprecherin von »Ende Gelände«, Paula Eisner. Die Grenze sei aber bald erreicht. »Wir möchten daher gerne auf die vielfältigen anderen Protestmöglichkeiten verweisen«, sagte sie. Als Beispiel nannte sie eine Demonstration des Bündnisses »Alle Dörfer bleiben«, in dem sich Betroffene aller Braunkohlereviere in Deutschland »gegen Zwangsumsiedlung und Klimazerstörung« zusammengeschlossen haben, am Samstag am Tagebau Garzweiler sowie die Waldbesetzung im Dannenröder Wald. Während Fichtenmonokulturen reihenweise absterben, soll dieser gesunde Laubwald nach Regierungsplänen für den Weiterbau der Autobahn A 49 gerodet werden. Dagegen wehrt sich ein breites Spektrum von Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen. Überwiegend junge Menschen leben zum Teil seit mehreren Monaten in den Baumhäusern, um sich am »Tag X« der Rodung entgegenzustellen – der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) hat es mit einer Klage versucht, ist damit aber im Juni vor dem Bundesverwaltungsgericht gescheitert.

Doch eine der wichtigsten Ausreden für den Bummelstreik der Mächtigen in Sachen Umwelt- und Klimaschutz ist durch die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie weggefallen: Ein schnelleres Handeln sei undemokratisch und gefährde die Wirtschaft, hatte es geheißen, nachdem vor rund einem Jahr allein in Deutschland 1,4 Millionen Menschen an Aktionen des »globalen Klimastreiks« teilgenommen hatten.

Allerdings hat der coronabedingte »Lockdown« viele einkommensschwache Menschen noch ärmer gemacht – auch deshalb warnen immer mehr Aktive der Umwelt- und Klimabewegung davor, die Lastenverteilung und die soziale Frage auszublenden, wenn die Mehrheit der lohnabhängigen Menschen keine Angst vor Veränderung haben soll. Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg, die »Fridays for Fu­ture« ins Leben gerufen hat, ist überzeugt, dass ein anderes System gebraucht wird, um die nötige Energie- und Verkehrswende, für die immer weniger Zeit bleibt, gerecht zu gestalten. Das schrieben sie und ihre Mitstreiterinnen Luisa Neubauer, Anuna de Wever van der Heyden und Adélaïde Charlier im Juli 2020 in einem offenen Brief an die EU, den weltweit zahlreiche Prominente unterzeichneten.

Die Ökologin, Aktivistin und Seenotretterin Carola Rackete schlägt vor, für ein klimagerechtes Wirtschaftssystem den Begriff Ökosozialismus zu verwenden. Organisationen wie »Brot für die Welt« sprechen von »sozial-ökologischer Transformation«. Doch der Glaube an die Reformfähigkeit des wachstumsbasierten Kapitalismus nimmt ab. Denn eines ist klar: Der Markt regelt es nicht. Und selbst die immer noch unzureichende Verschärfung des EU-Klimaschutzziels für 2030 würde es ohne massiven Druck von der Straße nicht geben. Für die Einhaltung der Pariser Klimaschutzziele muss dieser Druck erhöht werden. Sonst hätte in Zukunft jedes mögliche Gesellschaftssystem schlechte Rahmenbedingungen.

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (25. September 2020 um 08:17 Uhr)
    Ich hoffe sehr, dass Carola Rackete bald wieder präsent wird. Hier hieß es vorhin: »Die Ökologin, Aktivistin und Seenotretterin Carola Rackete schlägt vor, für ein klimagerechtes Wirtschaftssystem den Begriff Ökosozialismus zu verwenden.«

    Begriffe sind zuerst die Überwindung von Mythen. Vor allem deshalb freue ich mich darauf, dass Frau Rackete wieder auftritt und sich äußert. Denn es geht mir dermaßen gegen den Strich, dass wir Leute, die dringend Hilfe brauchen, in Lager stecken, anstatt sie in meine und deine Stadt zu bringen. Sie haben Hoffnung verdient und können bei uns zu einem neuen Leben finden. Jeder Mensch ist es wert, dass wir ihn schätzen.

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