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Aus: Ausgabe vom 24.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Die DDR war …

Zum Tod von Michael Gwisdek
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Er konnte auch ohne: Michael Gwisdek mit einem »Goldenen Ochsen« fürs Lebenswerk, Mai 2013 in Schwerin

Eigenwillige Künstler, denen Erfolge herzlich egal zu sein scheinen, die für ein Servicelächeln nur Verachtung übrig haben, sind nicht zeitgemäß. Man sieht fast nur noch überangepasste. Schauspieler und Regisseur Michael Gwisdek aber war noch so ein kantiger, manchmal kauziger Typ. Am Dienstag ist er nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 78 Jahren gestorben, wie seine Familie am Mittwoch mitteilte.

Zur Welt kam Gwisdek Anfang 1942 in Berlin. Seine Eltern betrieben eine Gaststätte im Stadtteil Weißensee, in der er nach einer Lehre zum Gebrauchswerber Anfang der 60er einen seiner wechselnden Jobs finden sollte. Nebenher absolvierte er ein Fernstudium zum Regisseur am Leipziger Theaterinstitut und bewarb sich an Schauspielschulen. Diesen Beruf zu ergreifen, hatte er schon mit 16 beschlossen, als Mitglied eines Arbeitertheaters. Mit 23 wurde er an der Schauspielschule »Ernst Busch« angenommen. »Wir arbeiteten damals sehr stark nach Methoden, nahmen uns Stanislawski vor und koppelten ihn mit Brecht. Die DDR war einfach eine gute Handwerksschmiede«, sagte er später.

Vom Theater Karl-Marx-Stadt holte ihn Benno Besson 1973 an die Volksbühne Berlin, wo Gwisdek etwa 1977 in Bessons Erstaufführung von Heiner Müllers »Hamlet«-Übersetzung als Horatio Unheil kündete (»Ein Staub ist das, zu trüben unsern Blick. / Als Rom im Stand der höchsten Blüte war …«). Zehn Jahre blieb er an dem Haus, etablierte sich in der Zeit auch beim Film. Als Kriegsheimkehrer, dessen Kamerad mit derselben Frau verheiratet ist (»Mann gegen Mann«, 1976, Regie: Kurt Maet­zig). Als Antiquitätenhändler Gwissen, der einen Bürgermeister ins Zweifeln bringt (»Jadup und Boel«, 1980, Rainer Simon). Letzterer wurde verboten.

Auch die Willi-Bredel-Verfilmung »Dein unbekannter Bruder« (1982, Regie: Ulrich Weiß) mit Gwisdek als Spitzel unter antifaschistischen Widerstandskämpfern wurde zurückgezogen, als bereits eine Einladung nach Cannes vorlag. So blieb es Gwisdek vorbehalten, den ersten DDR-Film, der in Cannes gezeigt werden sollte, selbst zu drehen: »Treffen in Travers« (1988) über den deutschen Jakobiner Georg Forster (1754–1794) mit seiner damaligen Frau Corinna Harfouch in einer Hauptrolle lief 1989 an der Côte d’Azur.

Nachgeborenen seien Gwisdeks Auftritte in »Olle Henry (1983) und »Oh Boy« (2013) ans Herz gelegt. In ersterem spielt er einen kriegsgeschädigten Profiboxer, in letzterem einen geheimnisvollen Alten, der in der Kneipe über seine Kindheit im Faschismus schwadroniert. Für beide Rollen gab es wichtige Preise, aber Gwisdek konnte auch gut ohne. (xre)

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