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Aus: Ausgabe vom 24.09.2020, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Klassengesellschaft

Arm in immer reicherer Welt

Studie: Ungleichheiten verschärfen sich trotz globalen Vermögenswachstums
Von Raphaël Schmeller
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Ein Teilnehmer des Aktionsbündnisses »Wer hat, der gibt« bei einer Demonstration gegen soziale Ungleichheit (Berlin, 19.9.2020)

Am Mittwoch stellte der Versicherungskonzern Allianz zum elften Mal seinen Weltvermögensbericht »Global Wealth Report« vor, in dem Daten zu Geldvermögen und Verschuldung privater Haushalte in 57 Staaten zusammengetragen werden. Jubelnd wird darin einleitend erklärt, dass das Vermögen der Menschen rund um den Globus in der Summe kräftig gestiegen sei. »Noch nie konnten wir in den letzten zehn Jahren eine so große Zunahme des Wohlstands verzeichnen«, heißt es auf der Website des Unternehmens. Das weltweite Geldvermögen sei mit einem Wachstum von 9,7 Prozent seit 2005 nicht mehr so stark wie 2019 gestiegen. In Deutschland erhöhte sich demnach das Bruttogeldvermögen um 7,2 Prozent auf gut 6,6 Billionen Euro.

Doch es gibt einen Haken, wie Aline Zucco, Verteilungsforscherin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung, am Mittwoch in einem Statement gegenüber jW feststellte: »Im Zuge der Coronakrise haben sich bestehende Ungleichheiten weiter verstärkt, das gilt international, aber vor allem auch national. Die Tatsache, dass vor allem Vermögen gegen diese Krise robust sind, sollte uns mehr als nachdenklich stimmen.«

Und in der Tat: Betrachtet man den Bericht der Allianz genauer, gibt es eigentlich nicht sehr viele gute Nachrichten. Das »Wohlstandsgefälle« zwischen reichen und armen Ländern hat sich beispielsweise wieder vergrößert. 2016 war das Nettogeldvermögen in den Industrieländern durchschnittlich noch 19mal höher als in den sogenannten Schwellenländern. 2019 ist dieser Wert auf 22 angestiegen. Der nordamerikanische Kontinent bleibt vor Ozeanien die reichste Region der Welt. Die Studie betont zudem, dass dieses Gefälle durch die Coronakrise weiter verstärkt werden könnte. Die Zahl der Menschen, die zur »globalen Vermögensmittelklasse« gezählt werden, sei von einer Milliarde im Jahr 2018 auf weniger als 800 Millionen im Jahr 2019 gesunken.

Für die reichsten zehn Prozent hingegen sieht die Welt besser aus. Zusammen besaßen sie 2019 rund 84 Prozent des gesamten Vermögens. Noch besser hat es das reichste eine Prozent: Mit einem durchschnittlichen Nettogeldvermögen von mehr als 1,2 Millionen Euro besaßen seine Angehörigen fast 44 Prozent des Vermögens des oberen Dezils. Hier ist ein bemerkenswerter Trend zu beobachten, der seit der Jahrtausendwende andauert: Während der Anteil der reichsten zehn Prozent um sieben Prozentpunkte gesunken ist, konnte das reichste eine Prozent um drei Prozentpunkte zulegen. Die Superreichen bewegen sich also immer weiter weg vom Rest der Gesellschaft.

Die Entwicklung zu einer sich verschärfenden Vermögensungleichheit trifft laut Allianz-Berechnungen nicht jedes Land gleich stark. In der Untersuchung wird ein Index namens Allianz Wealth Equity Indicator (AWEI) angeführt, der verschiedene Parameter betrachtet, um die Nationen nach ihrer Wohlstandsverteilung zu klassifizieren. Am schlechtesten bewertet werden der AWEI-Tabelle zufolge die Vereinigten Staaten, dicht gefolgt von Dänemark und Südafrika. Am besten schneiden die Slowakei, Belgien und Japan ab.

Mit dem neunten Platz in der »Schlechtestenliste« befindet sich Deutschland in der »kritischen« Zone. Auch Zucco betonte: »Das Vermögen ist in Deutschland extrem ungleich verteilt. Die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung besitzen über die Hälfte des Vermögens, die ärmere Hälfte dagegen nur ein Prozent des Nettogesamtvermögens.« Außerdem würden Analysen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts ergeben, dass der ärmere Teil der Bevölkerung hierzulande durch die Pandemie erhebliche Einkommenseinbußen erfährt und sich weiter verschulden muss. »Die Vermögensungleichheit in Deutschland wird deutlich zunehmen«, prognostizierte Zucco.

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Debatte

  • Beitrag von Christoph V. aus B. (25. September 2020 um 12:27 Uhr)
    Es wäre an der Zeit, endlich in all solchen Bestandsaufnahmen das »trotz« durch ein »wegen« zu ersetzen. Die kapitalistische Vermögensmehrung schafft unabdingbar und notwendigerweise Armut, Elend und verbrannte Erde. In letzter Instanz ist sie konkret zunehmend äußerst destruktiv. Daran ändert alles Dialektik nichts ...

    Christoph Vohland, Bonn

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Armer Mann und reicher Mann »Ungleichheiten verschärfen sich trotz globalen Vermögenswachstums«. Wow – welch eine neue Erkenntnis?! Und das in der doch ach so »linken« jW. Wie die das wohl herausgefunden hat? Könnte es eventuell...

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