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Aus: Ausgabe vom 21.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Sigmund Jähn

Flieg, Schleudersitz, flieg …

Zum ersten Todestag des Kosmonauten Sigmund Jähn wurde ein Song veröffentlicht, der aus tiefsten DDR-Zeiten stammen soll
Von Ronald Kohl
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»Der Buschfunk sagt: Fake! (allerdings auch nur aus dem Bauch heraus)« – Promofoto mit Charlie Keller

Die DDR hat endlich wieder eine Nationalhymne mit gesungenem Text. Dank Corona. Beim Hamburger Independent-Label Tapete Records wurde im Frühjahr die Zeit der Ruhe genutzt, alte Bestände zu sichten. Dabei fiel ein verstaubter Karton auf, in dem sich Orwo-Tonbänder aus tiefsten DDR-Zeiten befanden. Man hatte den Krempel vor Jahren auf einem Flohmarkt erworben, doch mangels Abspielmöglichkeit noch nicht prüfen können.

Wer will, kann sich im Internet den Besuch von Tapete in einem befreundeten Tonstudio ansehen, wo das Band erstmalig eingelegt wird: »Ich, Sigmund Jähn«. Zum ersten Todestag des Kosmonauten am 21. September wurde der Song veröffentlicht, es gibt auch ein mit Fernsehbildern vom ersten Raumflug eines Deutschen unterlegtes Youtube-Video.

»Wer schwebt über’m Horizont

reitet die Wetterfront?

Ich, Sigmund Jähn

*

(…)

Flieg, Raumkapsel flieg

was für ein Sieg

für die DDR

*

Wer als Sägewerksarbeitersohn

wird Held der Sowjetunion?

Ich, Sigmund Jähn … «

Außerdem wird die damals tatsächlich von Jähn arrangierte Hochzeit der populären Puppenfiguren Mascha und Sandmännchen besungen und zu guter Letzt geht es über sämtliche Mauern hinweg. Die Musik ist bester Siebziger-Jahre-Ostrock.

Laut Tapete Records wird der Song von der bislang völlig unbekannten Künstlerin Charlie Keller gesungen, über die es heißt, sie sei vermutlich 1950 in Wattenscheid geboren worden und in jungen Jahren als überzeugte Kommunistin in die DDR übergesiedelt, wo sie an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Gesang studiert habe. Wegen permanenter Anpassungsschwierigkeiten sei sie in den achtziger Jahren aus der DDR ausgebürgert worden.

Bei meinem Anruf in Hamburg wird diese Version bestätigt; bezüglich der rätselhaften Identität der Sängerin seien über einhundert Mails eingegangen, aus denen man die plausibelsten und am häufigsten auftretenden Hinweise herausgefiltert habe. Das klingt aufrichtig, aber ich bleibe skeptisch.

Was sagt der Buschfunk?

Der Buschfunk sagt: Fake!

Das wird allerdings auch nur aus dem Bauch heraus gesagt; stichhaltige Beweise kann niemand in der Szene vorweisen.

Noch ein paarmal höre ich mir das Lied an, an dem ich zugegebenermaßen mehr und mehr Gefallen finde, denn eins steht fest: Singen kann die Künstlerin. Hat sie vielleicht doch auf der »Hanns Eisler« studiert? Ich nehme Kontakt zur Pressestelle der Hochschule auf. Umgehend wird mir mitgeteilt, die Angaben zur Person seien zu vage und vor allem zu spärlich, um eine erfolgversprechende Recherche im Archiv durchführen zu können. Zudem erfahre ich, dass nicht jeder, der in der DDR Unterricht an der Musikhochschule bekommen hat, auch zwangsläufig immatrikuliert gewesen sein musste. Es gab da einige, auch bekannte Namen, die ein paar Stunden Gesang für ihren Amateurschein genommen hätten, und jetzt überall erzählten, sie hätten ein Studium absolviert.

Ja, die DDR und ihre Hochschulen. Sigmund Jähn hat nach seinem Raumflug auch einen Doktor gemacht, in Astro­geologie oder etwas in der Art. Vor ein paar Jahren hatte ich Gelegenheit, ein kurzes Gespräch mit ihm zu führen. Auf meine Frage, wie strapaziös die Vorbereitung auf den Raumflug gewesen sei, antwortete er mir, er sei jahrelang in der DDR für die Untersuchung sämtlicher Abstürze von Jagdflugzeugen verantwortlich gewesen. Im Vergleich dazu sei die Vorbereitung auf den Raumflug die reinste Erholung gewesen.

Damals hatte ich meine Sigmund-Jähn-Story ruck, zuck im Kasten. Jetzt sitze ich fest. Seit Tagen und Nächten läuft das Lied in der Endlosschleife und mein Vorrat an Wodka schrumpft bedenklich. Am liebsten würde ich mich katapultieren. Flieg, Schleudersitz, flieg …

Vielleicht lässt sich über den Inhalt etwas erreichen? Trotz zunehmender Schwerelosigkeit gelingt es mir, Werner Karma, der in der DDR Texte für die unterschiedlichsten Bands geschrieben hat, zu kontaktieren. Aus lauter Freude darüber nehme ich noch einen ordentlichen Schluck aus der Tube. So wurde das oben auch immer gemacht, wenn man irgendwo erfolgreich angedockt hatte.

Werner Karma zieht es vor, mir schriftlich zu antworten. Unter anderem schreibt er: »Es wurden damals sehr viele Sigmund-Jähn-Lieder verfasst. Auch im Amateursektor, auch von singenden Schauspielern und Singeklubs. Da ist dann sicher auch viel unter den Tisch gefallen.« Weiter meint er, die »handwerklichen Schwächen« des Textes würden eher für die Amateurszene sprechen. Allerdings hat auch er seine Bedenken bezüglich der Echtheit des Liedes: »Die Haltung scheint mir auch zeitweise ziemlich unpathetisch, eher spöttisch distanziert zu sein. Beides passt so nicht in die Endsiebziger. Es sei denn, der Autor schreibt außerhalb des Systems.«

Das leuchtet ein. Also kommt nur einer in Frage: Ich, Sigmund Jähn.

Abflug!

Unverzichtbar!

»Ich schätze die junge Welt wegen ihrer solidarischen Haltung und Berichterstattung zu Kuba. Dabei deckt sie Fake-News auf und schreibt über sonst totgeschwiegene Themen.« Samuel Wanitsch, Mitglied der nationalen Koordination der Vereinigung Schweiz-Kuba

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

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