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Aus: Ausgabe vom 19.09.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Lustige Kipping-Welt

Von Arnold Schölzel
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Der Journalist und Schriftsteller Moritz von Uslar hat fürs Feuilleton der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit die scheidende Kovorsitzende der Partei Die Linke, Katja Kipping, interviewt. Überschrift: »Privat mag ich eher so ganz flache Witze«. Der Satz stammt aus einer Passage des Gesprächs, die von Uslar mit der Frage einleitet: »Ist Humor immer noch eine Tugend der Rechten und Konterrevolutionäre?« Kippings Antwort entspricht der krampfigen Lustigkeit des Fragers: »Ach, überhaupt nicht. Das Lachen ist eines der schönsten Mittel für Herrschaftskritik. Privat mag ich ja eher so ganz flache Witze. Der Humor, bei dem Mario Barth rot wird. Diesen Humor kann ich leider nicht im Politischen ausleben.« Ein Scherz, der etwas trüb ist, weil RTL-Rechtsaußen Barth, eine Art Thilo Sarrazin der Fernsehverblödung, mit Witz nichts zu tun hat. Er gestaltet als Humorersatz im Bertelsmann-Sender das Weltbild der »Lügenpresse« krakeelenden Wutbürger aus.

Das passiert schon mal bei Flachsinn, den das Zeit-Gespräch zelebriert. Eingangsfrage: »Könnten Sie hier mal ein paar erfrischende Worte zum absoluten Wert des Neuen im Gegensatz zum Konservativen sagen?« Antwort Kippings, die das auf die Zeit nach ihrem Rückzug vom Vorsitz bezieht, u. a.: »Das Neue ist ohne das Alte ja bekanntermaßen nicht zu haben. Aber es beinhaltet eine gewisse spannende Offenheit.« So geht es von einer Seichbeutelei zur anderen, abgesehen von Kippings mehrfach erklärtem Willen, Armut zu bekämpfen, ihrem Lob für die marxistische Feministin Frigga Haug, oder: »Wir müssen den Sozialismus wie einen Kompass betrachten, also bei jedem Schritt überlegen: Bringt mich das dem Ziel näher, oder bringt es mich davon weg?« Klingt fast vernunftbedingt, es stellt sich nur heraus, dass sie damit nichts meint, was aus einem Zeit-Lektüreschlaf aufschrecken lassen könnte. Von Uslar: »Wo im sozialistischen Ausland – China, Kuba, Nordkorea, Venezuela – ist man prinzipiell auf dem richtigen Weg?« Kipping: »In keinem dieser Länder. In einzelnen europäischen Ländern gibt es positive Bausteine: In Österreich ist das Rentensystem inspirierend, in Skandinavien das Schulsystem.« Die Welt ist schön. Hunger in China für mehr als eine Milliarde Menschen beseitigt? Ein Gesundheitswesen, das seinen Namen verdient, wie in Kuba? Seit 70 Jahren Krieg und Kriegsdrohung der USA gegen den Norden Koreas? Vom Weißen Haus gelenkte und von Berlin anerkannte Konterrevolution in Venezuela plus wirtschaftlicher Strangulierung? Wozu Tatsachen oder gar Solidarität?

Der Erfinder des »Schwejk«, Jaroslav Hasek, konnte nicht ahnen, dass seine 1904 in der Prager Bierschenke »Zum goldenen Liter« gegründete »Partei für gemäßigten Fortschritt in den Schranken der Gesetze« eine Wiederauferstehung erleben würde. Einer Kipping-Partei fehlt nur deren Schlachtruf »SRK«. Das stand angeblich für »Solidarität, Recht und Kameradschaft«, wurde aber mit »Slibowitz, Rum und Kontuschowka« (einem starken Kräuterlikör) verwirklicht.

Ob beim Zeit-Gespräch geistige Getränke verabreicht wurden, ist unbekannt. Dafür, dass ausgeschenkt wurde, sprechen Sätze Kippings wie: »Die NATO gibt ein äußerst fragwürdiges Bild ab«, um dann lediglich Erdogan zu kritisieren. Oder die Antwort auf von Uslars »Wie geht das, Russland verstehen?«: »Die Frage ist: Von wem geht mehr Risiko für den Weltfrieden aus, von Erdogan, Trump oder Putin?« Angriffskriege der Bundeswehr, deutsche Rüstungsexporte zum Massakrieren der Bevölkerung des Jemen, deutsche Soldaten näher an Moskau und Stationierung neuer Atomwaffen in der Bundesrepublik – egal. Wer in die Regierung will, braucht nichts im Tee, um ein Hochrisiko zu vergessen.

Ob beim Zeit-Gespräch geistige Getränke verabreicht wurden, ist unbekannt. Dafür, dass ausgeschenkt wurde, sprechen Sätze Kippings wie: »Die NATO gibt ein äußerst fragwürdiges Bild ab«, um dann lediglich Erdogan zu kritisieren.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Erwin Tegtmeier: Kraft des Arguments Genau! Eine Partei ist im Parlament durchaus am Platze, auch wenn sie nicht in die Regierung will. Es ist schon ein Grund, sie zu wählen, wenn sie dort bestimmte Argumente und Gesichtspunkte in die De...

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