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Gruß des Murmeltiers

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Als vor zwölf Jahren Lehman Brothers pleite ging, explodierte die Finanzkrise. Sie hatte schon mehr als ein Jahr lang in einer Art Schwelbrand große und kleine Banken in enorme Schwierigkeiten gebracht. Einige waren vom Staat aufgefangen worden (wie die beiden riesigen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac in den USA, die IKB und die Sachsen LB in Deutschland und Northern Rock in Britannien). Und alle wurden durch ihre jeweiligen Notenbanken in zuvor unbekannter Art freigebig mit billigen Krediten gestützt. Als Lehman Brothers fiel, half die Stütze der Notenbanken nicht mehr. Die Banken und die übrigen Finanzmarktakteure billigten sich gegenseitig keinen Kredit mehr zu. Sie mussten befürchten, so wie die Gläubiger von Lehman Brothers dazustehen. Der allgemeine Bankencrash drohte. Nur das breite Publikum war noch nicht derart verunsichert, dass es sein kleines, aber in der Summe riesiges Geld in Form von Scheinen und Münzen am Bankschalter einforderte.

In den USA tobte ganz wie heute der Wahlkampf um die Nachfolge des scheidenden Kriegspräsidenten George W. Bush. Die Kandidaten waren John McCain und Barack Obama. In den rhetorischen Duellen der beiden klang Obama außenpolitisch weniger aggressiv. Er versprach sogar, das Gefangenenlager in Guantanamo aufzulösen, wo Bürger aus aller Welt ohne Gerichtsverfahren bis heute festgehalten und gequält werden, und von der bevorstehenden Eroberung Libyens war noch nicht die Rede. Einig war sich Obama mit dem Republikaner McCain, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise überwunden werden muss, damit »America« politisch und militärisch stark bleibt. Zum Umgang mit der Wirtschaftskrise selbst gab es zwischen den beiden keine Kontroverse. Die vielen hundert von Milliarden Dollar zur Rettung der Banken, Fonds und der größten Versicherung der Welt, der AIG, wurden im wesentlichen auf dem kleinen Dienstweg zwischen Bushs amtierendem Finanzminister und dem künftigen beschlossen, der noch im Chefbüro der von den Wall-Street-Banken direkt kontrollierten New Yorker Abteilung der Notenbank saß.

Der jetzige Wahlkampf zwischen Donald Trump und Joseph Biden ist in dieser Beziehung ähnlich. Das Land sei wie noch wie nie zuvor zwischen Republikanern und »Demokraten« gespalten, berichten die Korrespondenten aus den USA. Aber die riesigen staatlichen Geldsummen zur Wiederbelebung der von den Abwehrmaßnahmen gegen die Coronaepidemie geschädigten Wirtschaft und zur Stützung der einheimischen Konzerne wurden in schließlich trauter Gemeinsamkeit der Führung der Kongress-Fraktionen gemeinsam beschlossen. Dass die USA ökonomisch, politisch und militärisch gegen die bösen Feinde Russland, China, Iran, Venezuela, Kuba und viele andere noch aggressiver vorgehen müssen, ist vollkommener Konsens zwischen den beiden Parteien und Kandidaten.

Auch im lieblichen Deutschland wurden die riesigen Staatsstützen zwischen den Regierungsparteien nicht kontrovers diskutiert, und 2009, im Jahr des schärfsten Wirtschaftseinbruchs seit dem Zweiten Weltkrieg (für den Osten seit der Übernahme durch den Westen), gewannen Frau Merkel und ihre Parteien diese Wahl. Ein Alptraum, der sich bis ins kleinste Detail wiederholt. Und ewig grüßt das Murmeltier.

Unverzichtbar!

»Ich schätze die junge Welt wegen ihrer solidarischen Haltung und Berichterstattung zu Kuba. Dabei deckt sie Fake-News auf und schreibt über sonst totgeschwiegene Themen.« Samuel Wanitsch, Mitglied der nationalen Koordination der Vereinigung Schweiz-Kuba

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

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