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Aus: Ausgabe vom 19.09.2020, Seite 8 / Ansichten

Verfassungsschutz-Beschützer des Tages: Uniter-Bodyguard

Von Claudia Wangerin
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Mit rechts gegen links: Verfassungsschutz-Chef Thomas Haldenwang

Vielleicht hatte er ja doch genau den richtigen Beschützer: Erst im Januar hat Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang (Foto) vor einer zunehmenden Gewaltbereitschaft der linken Szene gewarnt. »Die Hemmschwelle sinkt«, sagte er seinerzeit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er könne durchaus eine Wechselwirkung der »extremen Ränder« erkennen: »Wenn der Rechtsextremismus zunimmt, sehen wir eine entsprechende Reaktion im Linksextremismus.« Trotz dieser vorgeblichen Äquidistanz ist es praktisch undenkbar, dass ein organisierter Linksradikaler Haldenwangs Leibwächter werden könnte.

Ein Mitglied des ultrarechten Vereins Uniter soll es laut einem Bericht des Focus trotz aller Sicherheitsüberprüfungen in die Riege der Personenschützer Haldenwangs und anderer Spitzenbeamter des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) geschafft haben. Haldenwang selbst wollte sich zu der Angelegenheit zunächst nicht äußern; im Bundesinnenministerium war laut Focus die Rede von einer »schweren Panne«.

Das BfV hatte Uniter erst im Juni vom »Prüffall« zum Verdachtsfall im Bereich »Rechtsextremismus« hochgestuft. Grund seien »hinreichend gewichtige tatsächliche Anhaltspunkte für rechtsextremistische Bestrebungen der Organisation«. Unter Haldenwangs Amtsvorgänger Hans-Georg Maaßen wäre es wohl nicht zu solchen Missverständnissen gekommen. Eher hätte man sich mit Uniter zum Kaffeekränzchen getroffen, um sie frühzeitig auszuräumen. Vielleicht auch zum einen oder anderen Schnaps, um traditionsreiche Lieder zu singen und sich über die Rettung Deutschlands vor »der Antifa« und den vielen Moslems auszutauschen.

Aber Haldenwang lernt ja noch. Erfahrene BfV-Beamte, die zu Maaßens Amtszeit eingestellt wurden, können ihm womöglich weiterhelfen. Vielleicht waren sie ja auch für die Sicherheitsüberprüfung seiner Leibwächter zuständig. Der vom Bundeswehrsoldaten André S. alias »Hannibal« gegründete Prepperverein Uniter wollte ja auch nie Pflegekräfte und Floristen vernetzen, sondern aktive und ehemalige Sicherheitskräfte.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. (19. September 2020 um 14:47 Uhr)
    Könnte man doch nur mal in private (oder auch dienstliche) Unterhaltungen von VS-Mitarbeitern reinhören. Muss interessant sein bei einer Einrichtung, bei der, sagen wir mal, locker 40 Prozent AfD-Anhänger arbeiten, dann nochmal 50 Prozent CDUler und ein paar FDPler (und dort auch eher dem jeweiligen rechten Flügel zuneigend), na ja, und noch so zehn Prozent Sozen der Sorte Johannes Kahrs, nehme ich an. Oder, anders gedreht: Vielleicht gibt es nicht mal so viele AfD-Anhänger, offen würden sie das vermutlich sowieso nicht zeigen, aber nicht etwa aus mangelnder Sympathie für diese protofaschistische Partei, sondern eher aus Karrieregründen. Die AfD mag bis zu ’nem gewissen Grad zwar schon salonfähig sein, aber sicherer fährt man halt immer noch mit der Staatspartei CDU, bei der es ja dann auch immer noch so was wie die Werteunion gibt, die einem die erzreaktionäre Seele streichelt. Gerade jetzt, seitdem man nur auf öffentlichen Druck hin widerwillig damit begonnen hat, die wachsende Rechtsaußenbewegung etwas mehr in den Fokus zu nehmen. Und das auch ganz freundlich, indem man sie erst mal öffentlich zum Prüffall erklärt und ihr Zeit eingeräumt hat, ihr Betragen zu verbessern, um einer endgültigen Beobachtung evtl. doch noch zu entgehen, samt wohlwollender, öffentlicher Strategieberatung (Sinngemäß: »Trennt euch doch bitte vom ›Flügel‹ und von den allzu offensichtlichen Faschisten in euren Reihen, dann dürft ihr euch mit an den Tisch der ehrbaren Parteien setzen. Es ist ja nicht so, dass ihr nicht weiterhin rassistisch, klassistisch und antiegalitär sein dürft, aber bitte mit etwas weniger Hetze und offener Menschenfeindlichkeit, ansonsten müssen wir (leider, leider!) handeln.«).

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