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Aus: Ausgabe vom 18.09.2020, Seite 15 / Feminismus
Frauenfilmfestival IFFF

Zerplatzte Illusionen

Abwicklung der DDR als Schwerpunktthema bei Frauenfilmfestival IFFF in Köln: »Blühende Landschaften« gründlich entzaubert
Von Gitta Düperthal
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Die 2012 verstorbene Dokumentarfilmerin Petra Tschörtner im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg (Archivbild)

Mit Leidenschaft und geschichtsphilosophischer Kompetenz ist beim Internationalen Frauenfilmfestival (IFFF) mit dem Schwerpunkt »Nach der Wende 1990/2020« diskutiert worden. Ziel sei es, mit den Filmen und der Debatte »Unter Deutschen« eine neue »Erzählstruktur über Ost–West« zu ermöglichen, erläuterte Maxa Zoller, die künstlerische Leiterin des IFFF, das vom 9. bis zum 13. September in Köln stattfand. In der Tat eröffneten Filme des Festivals völlig andere Sichtweisen als jene verstaubte Geschichtsklitterung, die herrschende Westeliten noch immer verbreiten, etwa wenn sie von »blühenden Landschaften« fabulieren, die 1990 der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) als ökonomische Zukunft auf dem Gebiet der derzeit aufgelösten DDR versprochen hatte. So war der Slogan des Festival-Trailers »All dieses Unechte zerplatzen lassen« zugleich Motto der Debatte.

Spannendes Beispiel hierfür ist der britische Dokumentarfilm »From Us to Me« (»Vom Wir zum Ich«, 2016); erstellt von »Amber Films« aus Newcastle, einem Team, das 1987 nach Wismar und Rostock in die DDR eingeladen war – und 25 Jahre später dorthin zurückkehrte. Im Rückblick auf die »Vorwendezeit« ist zu sehen, wie Kranführerinnen einer Frauenbrigade der Warnowwerft und Mitglieder der Fischereigenossenschaft Warnemünde im Realsozialismus ihrer Arbeit nachgingen und lebten. Die Werften hatten ein soziales Umfeld, Wohnheime und Klubhäuser. 2012 trafen die britischen Filmemacherinnen meist auf zerstörte Leben: Verlorene Arbeitsplätze, erzwungene Frührente, Perspektivlosigkeit. Thema sind die von westdeutschen Blendern aufgekauften oder auch in kapitalistischer Manier zerstörten Industrien – und sei es nur, um sich die Konkurrenz vom Hals zu schaffen.

Der Dokumentarfilm »Berlin, Prenzlauer Berg – Begegnungen zwischen dem 1. Mai und dem 1. Juli 1990« der 2012 verstorbenen Filmemacherin Petra Tschörtner zeigt, wie die Übernahme der DDR vor sich ging. Eingeblendet ist mit Originalton die westdeutsche »Tagesschau«, in der es ebenso triumphal wie wahrheitsgetreu heißt »Der kurze Sommer der Anarchie ist vorbei«, von nun an herrsche am »Alex« die Deutsche Mark. In Tschörtners Film ist beides zu sehen: Das Aufblitzen hoffnungsvoller Aufbruchstimmung mit der Utopie von mehr Mitbestimmung und Demokratie ebenso wie der resignative Ausblick, dass Ostdeutsche in Zukunft vermutlich nicht mehr viel zu melden haben. Das war am Ende dieser Dokumentation selbst den Anarchos im besetzten Haus im Prenzlauer Berg offenbar klar. Der Film zeigt, wie eine Szeneband dort melancholisch, wenn auch in einer verzerrten Version bei einer Party »Auferstanden aus Ruinen«, die Nationalhymne der DDR spielt. Erste »Sieg Heil«-Rufe mit ausgestrecktem Arm sind im Film zu vernehmen – von Jugendlichen, die westliche Übernahmeszenarien mit Naziattitüden beantworten.

Bemerkenswerte Details zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR sind in Annekatrin Hendels Film »Vaterlandsverräter« zu erfahren. Die Filmemacherin hatte den Schriftsteller Paul Gratzik (1935–2018) im Ruderboot mitgenommen, um ihn über seine Vergangenheit als Inoffizieller Mitarbeiter auszufragen. »Damit er nicht abhauen kann«, so Hendel. Der Mann schimpfte, er habe keine Lust mehr auf »scheißwestdeutsche Filmerfragen«. Wütend brüllt er im Film, es sei wohl ein Fehler gewesen, »bei der Stasi in den Sack jehauen« und den Kapitalisten nicht genug »ans Bein jepinkelt« zu haben, »den Ackermanns, Thyssens und IG Farben«. Hendel stellte im Filmgespräch klar: Aus ihrer Sicht seien die Erkenntnisse der »Stasi« geradezu lächerlich gewesen – gemessen am Ausmaß der Überwachung durch Geheimdienste heute.

Die Banalität der Narrative über die ostdeutsche Entwicklung verdeutlichte die Filmemacherin Grit Lemke in der Debatte »Unter Deutschen«: Kolportiert worden sei erst ein System, in dem sich alles um die Staatssicherheit gedreht habe, dann die »Wende« 1990, schließlich der Rechtspopulismus. Als ob es die 30 Jahre von 1990 bis 2020, mit »der Entwertung von Biographien und Verwüstung von Landschaften« gar nicht gegeben habe. Hendel erklärte, da viele Filme von der »Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur« mitfinanziert seien, sei darin die Frage, ob die DDR überhaupt ein Unrechtsstaat gewesen sei, gar nicht gestellt worden.

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