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Aus: Ausgabe vom 24.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

»Ein Unterthan, das ist ein Tropf«

Eine Neuausgabe erschließt das Werk des fast vergessenen Dichters und Revolutionärs Ludwig Pfau
Von Alexander Bahar
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»Sprachrohr der deutschen Demokratiebewegung«: Seite aus dem Eulenspiegel von Ludwig Pfau, 1848

Dem auf den Deckel seiner Taschenuhr eingravierten Wahlspruch: »Magnis superbus, parvis modestus« (»Stolz gegen die Großen, bescheiden gegen die Kleinen«) blieb der am 25. August 1821 in Heilbronn geborene Schriftsteller und Revolutionär Ludwig Pfau ein Leben lang treu. Ihn der unverdienten Vergessenheit zu entreißen, hat der »Literaturbetrieb« Günther Emigs mit einer Neuausgabe seiner Gedichte unternommen. Dem knapp 200seitigen Band, den Erhard Jöst herausgegeben und mit einem Nachwort versehen hat, liegt die vierte Auflage der gesammelten Gedichte Pfaus aus dem Jahr 1889 zugrunde.

Schon als junger Mensch glaubte Pfau nicht an die Göttlichkeit Jesu. Den Wunsch der Eltern, im Tübinger Stift Theologie zu studieren, enttäuschte er. Statt dessen ließ er sich zum Gärtner ausbilden. 1842 veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband und begann zwei Jahre später in Tübingen doch noch zu studieren (Philosophie und Geschichte). 1845 entschied sich Pfau schließlich für die unsichere Existenz eines »ambulanten Scriblifax« und gab ab Januar 1848 in Stuttgart die politisch-satirische Zeitschrift Eulenspiegel heraus. Das »Volks-, Witz- und Carricaturen-Blatt« war bis zum Verbot 1853 ein bedeutendes Sprachrohr der deutschen Demokratiebewegung.

Nach dem Scheitern der Revolution von 1848/49, in der Pfau als konsequenter Befürworter einer freien Republik agiert hatte, floh er zusammen mit den Resten der geschlagenen badischen Revolutionsarmee in die Schweiz und wurde in Abwesenheit wegen »Hochverrats« zu 21 Jahren Zuchthaus verurteilt. Erst 1863 kehrte er zurück. Zusammen mit Julius Haußmann und Carl Mayer übernahm er die Redaktion und Herausgeberschaft der demokratischen Tageszeitung Der Beobachter, Sprachrohr der von ihm mitbegründeten antipreußisch-föderalistischen Württembergischen Volkspartei − aus der später die staatstragende FDP hervorgehen sollte.

Schon Pfaus frühe Gedichte im Stil der Spätromantik zeigen eine ausgeprägte Empathie mit den Entrechteten, ein Zug, der sich später in seinen Zeitgedichten noch verstärkte. Spielerische Stücke im Rokokostil greifen gängige Liebesmotive auf; hinzu gesellen sich romantische Volksweisen, unbeschwerte Mädchen- und Burschen-, Trink- und Tanzlieder. Erst in seinen (politischen) Zeitgedichten durchbricht Pfau lyrische Konventionen und entwickelt unverstellte Ausdruckskraft. Dabei bediente er sich, wie Heinrich Heine, verstärkt der Ironie und der Satire. Wie dieser thematisierte auch Pfau den schlesischen Weberaufstand und die Lebensbedingungen der armen Leute in einem »unglückseligen Vaterland«. Doch Pfau klagt nicht nur, er klagt auch an, übt scharfe Kritik an den Landesfürsten, leidenschaftlich, zuweilen auch mit großem Pathos. In einem seiner eindrucksvollsten Gedichte thematisiert er die blutige Niederschlagung der Demonstration am 18. März 1848 vor dem königlichen Schloss in Berlin durch die preußische Infanterie. Pfaus Forderung ist nur konsequent: Das Volk muss die Monarchie zu Grabe tragen. Viele weitere Gedichte Pfaus greifen Ereignisse der Revolution von 1848/49 auf. »Freiheit« ist ihre zentrale Forderung, verstanden als Befreiung des Volkes von absolutistischer Herrschaft und von sozialem Elend. Pfaus beißender Spott gilt dabei nicht nur den deutschen Fürsten, den »Pfaffen« und den Honoratioren, er macht auch vor den treubraven Untertanen nicht Halt. Die Freiheit muss erkämpft werden, so das Gedicht »Freiheit, die ich meine« aus dem Jahr 1849: Sie »geht, zum Kampf bereit am Arm der Proletare« und »ruft mit stolzem Blicke: ›Ein Unterthan, das ist ein Tropf – Vive, vive la république!‹«

Nach dem Scheitern der Revolution betätigte sich Pfau vor allem als Publizist, aber auch als Übersetzer Pierre-Joseph Proudhons, für dessen sozialistische und religionskritische Ideen er sich begeisterte. Pfau blieb nicht ohne Einfluss, litt als radikaler Intellektueller kleinbürgerlicher Herkunft ohne feste Anstellung jedoch zeitlebens unter Geldmangel.

Ludwig Pfau starb am 12. April 1894 in Stuttgart. Am 31. April 2020 stellte Erhard Jöst im Heilbronner Stadtrat den Antrag, das Heilbronner Literaturhaus nach Ludwig Pfau zu benennen. Der schmetterte ihn mit breiter Mehrheit ab. Offensichtlich wollen die Käthchenstadt und ihre Honoratioren ihr Literaturhaus nicht nach einem jede Bevormundung durch Staat und Kirche konsequent bekämpfenden Republikaner und Radikaldemokraten, einem bekennenden Antimilitaristen und Sozialisten gar, benannt wissen.

Ludwig Pfau: Freiheit ist das schönste Fest. Gedichte. Hg. und mit einem Nachwort von Erhard Jöst. Verlag Günther Emigs Literatur-Betrieb, Heilbronn 2020, 198 Seiten, 10 Euro

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