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Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 16 / Sport
Fußball

Ob null oder 20 Prozent

Leer ist leer, organisierter Support undenkbar: Für aktive Fußballfans macht die geregelte Rückkehr der Zuschauer in die Stadien kaum einen Unterschied
Von Steven Redetzki
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»In Zehnergruppen aufgeteilt« – Yannick Stark jubelt am Montag vor dem K-Block des Harbig-Stadions über sein 1:0

Dynamo Dresdens 4:1-Pokaltriumph gegen den Hamburger SV wurde am Wochenende von gut 10.000 mehr Fans verfolgt als die Partie von Union Fürstenwalde gegen den VfL Wolfsburg. In normalen Zeiten wäre das keiner großen Erwähnung wert. Aber normal sind die Zeiten nicht, weder in der Gesellschaft noch beim Fußball. Was den angeht, stellt sich die Frage, ob man sich mit der teilweisen Zulassung von Zuschauern der Normalität nähert oder sich schrittweise weiter von ihr erfährt. In Dresden wurde vereinsseitig dazu aufgerufen, sich zu sogenannten Infektionsgemeinschaften zusammentun (Familie, Partner, Freundeskreis, Mitbewohner), möglichst großen Gruppen also, die weniger Abstände einhalten mussten. Im K-Block allerdings, dem bekannten Stehplatzbereich, wurden die Infektionsgemeinschaften in Zehnergruppen aufgeteilt. Deutlich wurde darauf hingewiesen, dass die gesamte Zeit ein Mund-Nasen-Schutz zu tragen war. Eine Maßnahme, von der HSV-Profi Toni Leistner nicht allzuviel hielt, als er nach dem Spiel den direkten Kontakt mit einem Dynamo-Fan suchte. Die Ultras Dynamo verzichteten angesichts der Umstände auf einen organisierten Support.

»Emotionale Lossagung«

Gleiches galt für die Suptras in Rostock, die zwar zusammen mit den anderen aktiven Fanklubs das Spiel auf der Südtribüne sahen, aber auf die herkömmliche Unterstützung verzichteten, nicht zuletzt aufgrund der Befürchtung, »die aktuelle Lage (werde) als Vorwand für einen schleichenden Regressionsprozess ausgenutzt«. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig freute sich auf Twitter über den »großen Schritt in Coronazeiten« und erntete für diese Aussage nicht nur Beifall.

Angesichts der nach wie vor großen Einschränkungen in Bildungs- und Erziehungseinrichtungen, Gastronomie oder Eventbranche gibt es nicht nur gesellschaftlichen Rückhalt für die Rückkehr der Fans in die Stadien. Die Meinungen, wie das Konzept umgesetzt wurde, gingen danach auseinander. Sportministerin Stefanie Drese befand, dass »vieles (…) bereits sehr gut funktioniert« habe, sah aber insbesondere im Bereich der Südtribüne noch Verbesserungsbedarf. Von den aktiven Hansa-Fans wurden die Abstandsregelungen nicht immer strikt eingehalten. Dass aber eine gelebte Fankultur mitsamt allen Emotionen nur schwierig mit Hygiene- und Abstandskonzepten vereinbar ist, ist ja keine neue Erkenntnis, sondern eine, die eben auch von den aktiven Fanszenen seit Monaten vermittelt wird.

Nicht nur in Dresden und Rostock haben sich die Ultras gegen die Rückkehr zur Normalität entschieden. Auch für die Ultras Gelsenkirchen, die sonst gerne mal einen Sonderweg beanspruchen, ist ein organisierter Support unter den aktuellen Umständen undenkbar. Sie skandalisieren die Auswahlverfahren und beobachten »eine breite Ablehnung und emotionale Lossagung vom Fußball und den Vereinen, welche für viele Menschen in diesem Land sonst ein Dreh- und Angelpunkt in ihrem Leben sind«.

Im Gegensatz zu den Fanszenen in Dresden und Rostock hatten die Schalker bisher noch keine Gelegenheit, ihr Team wieder im Stadion zu unterstützen. Das Schalker Pokalspiel wurde auf interessante Art und Weise sehr plötzlich verlegt, vor allem aber haben wir es aktuell in Sachen Zuschauerrückkehr mit einem Flickenteppich zu tun. Von 30 Pokalspielen des vergangenen Wochenendes fanden neun komplett ohne Fans statt. In 15 Stadien durfte eine dreistellige Anzahl von Zuschauern das Spiel verfolgen. In fünf Stadien (Mainz, Jena, Chemnitz, Magdeburg und Rostock) war die Zahl vierstellig, Dresden stand mit 10.000 an der Spitze. Dass diese völlig unterschiedlichen Ausgangslagen einem fairen Wettbewerb entgegenstehen, wird auch klar, wenn man nicht unbedingt einen Zusammenhang zwischen der Unterstützung durch die Fans und den Pokalfights der genannten Vereine, die deutlich höherklassige Gegner an den Rand der Niederlage brachten oder, wie in Dresdens Fall, sogar in die nächste Runde einzogen.

DFB im Glück

Nun gibt es eine bundesweite Einigung zur geregelten Rückkehr der Fans in die Stadien. Am Dienstag beschlossen Bund und Länder, dass zukünftig 20 Prozent der jeweiligen Stadionkapazität gefüllt werden können. Rund sechs Wochen dauert die Testphase, die nicht nur den Fußball betrifft, sondern auch Basketball, Eishockey, Handball und Volleyball. DFB-Präsident Keller zeigte sich »sehr glücklich«, die Politik zufrieden und mahnend, während Gernot Tripcke, Geschäftsführer der Deutschen Eishockeyliga, angab, sich »deutlich mehr Unterstützung in diesem für uns wirtschaftlich so existentiellen Bereich erhofft« zu haben.

Das letzte Wort haben nach wie vor die lokalen Gesundheitsbehörden, die mit Verweis auf das Infektionsgeschehen am jeweiligen Austragungsort auch weiterhin die Freigabe verweigern können. Dies betrifft etwa den Zweitligaaufsteiger Würzburger Kickers, der sein Heimspiel gegen Erzgebirge Aue am kommenden Sonnabend vor leeren Rängen austragen muss. Für die aktiven Fans dürfte sich wenig geändert haben. Ob null Prozent oder 20 Prozent, ist einigermaßen egal, denkt man an die gesundheitspolitisch nachvollziehbaren Abstandsregelungen, das rote Tuch der personalisierten Tickets oder den Ausschluss von Gästefans – die Rückkehr der aktiven Fanszenen wird noch lange auf sich warten lassen. Auch die Ultras Berlin befürchten, die teilweise Zuschauerrückehr könne die eigentlichen Probleme des Profifußballs in Vergessenheit geraten und die »resultierenden Proteste verstummen« lassen. Ob der Fußball so wiederkehrt, wie er sich im März 2020 verabschiedet hat, ist ungewiss. Sicher ist, dass es in naher Zukunft leerer sein wird – und zwar in jeder Hinsicht.