Letzte Chance: 3 Monate jW für 62 €!
Gegründet 1947 Mittwoch, 23. September 2020, Nr. 223
Die junge Welt wird von 2351 GenossInnen herausgegeben
Letzte Chance: 3 Monate jW für 62 €! Letzte Chance: 3 Monate jW für 62 €!
Letzte Chance: 3 Monate jW für 62 €!
Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 6 / Ausland
Coronapandemie

Kein Schutz für Arme

Südafrika: In Ballungsräumen bereits bis zu 40 Prozent der Menschen mit Coronavirus infiziert
Von Christian Selz, Kapstadt
RTX7G7CE.JPG
Bewohner des Townships Alexandra stehen für Lebensmittelhilfen an (28.4.2020)

Mit einem strikten Lockdown wollte Südafrikas Regierung der Covid-19-Pandemie Herr werden. Als Ziel der Maßnahme nannte Präsident Cyril Ramaphosa, »Millionen Südafrikaner vor einer Infektion zu schützen und das Leben von Hunderttausenden Menschen zu retten«. Das war am 23. März, keine drei Wochen nach dem ersten nachgewiesenen Coronafall in Südafrika und zu einem Zeitpunkt, als die Labore des Landes bei 402 Menschen eine Infektion mit dem Virus festgestellt hatten. Knapp sechs Monate später wird immer deutlicher, dass wohl selbst die extrem strengen Regeln der anfangs nahezu totalen Ausgangssperre die massenhafte Ausbreitung von SARS-CoV-2 nicht verhindern konnten.

Es sind brisante Zahlen, die Shabir Madhi, Professor für Impfstofforschung an der Johannesburger Witwatersrand-Universität und Mitglied des Beraterstabs des südafrikanischen Gesundheitsministeriums, am Sonntag abend in einer virtuellen Diskussionsrunde der Nachrichtenplattform Daily Maverick nannte. 15 bis 20 Millionen Menschen, das legten neue Daten aus den Provinzen Westkap (um Kapstadt) und Gauteng (um Johannesburg und die Hauptstadt Pretoria) nahe, hätten sich wahrscheinlich bisher in Südafrika mit dem Coronavirus infiziert. Das entspräche einem Viertel bis einem Drittel der Bevölkerung des 58-Millionen-Einwohner-Landes. In dicht besiedelten Gebieten schätzte Madhi die Durchseuchungsquote gar auf 40 Prozent.

Am Montag zog Gesundheitsminister Zweli Mkhize nach und sprach von mutmaßlich zwölf Millionen Infizierten. Grundlage der Schätzungen sind lokal begrenzte Studien mit Antikörpertests, die laut Mkhize nun ausgeweitet werden sollen. Bereits Anfang des Monats waren vorläufige Daten einer Studie an der Universität Kapstadt vorgestellt worden, für die aus Routineuntersuchungen stammende Blutproben Schwangerer und HIV-positiver Menschen untersucht wurden. In 37 Prozent der Fälle stellten die Forscher Antikörper gegen SARS-CoV-2 fest.

Madhi, in Südafrika derzeit einer der angesehensten Pandemieexperten, wies zudem darauf hin, dass etwa die Hälfte der bisher offiziell registrierten ungefähr 650.000 Infektionen im privaten Gesundheitswesen festgestellt wurden, das jedoch weniger als ein Fünftel der Bevölkerung versorgt. In den staatlichen Einrichtungen, auf die die große Mehrheit der Südafrikaner angewiesen ist, wurden infolge einer Knappheit an Testreagenzmitteln und der Überlastung der Labore zudem sehr enge Testkriterien festgelegt.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen ist Südafrika jedoch aus medizinischer Sicht noch verhältnismäßig glimpflich durch die Pandemie gekommen. 15.000 Tote haben die Behörden bisher in Verbindung mit dem Virus registriert, Madhi schätzt die reale Zahl in etwa doppelt so hoch ein. Als mögliche Erklärungen für die geringe Mortalitätsrate nannte der Vakzinologe eine gewisse Grundimmunität durch Kontakte mit anderen Coronaviren, den eher niedrigen Altersdurchschnitt der Bevölkerung sowie die Maskenpflicht und andere Maßnahmen des Lockdowns.

Letztere hätten jedoch auch »einen Preis« gehabt, erklärte Madhi. Die Übersterblichkeit rund um den Höhepunkt der Pandemie führt er zu einem beträchtlichen Teil – der Forscher sprach von 12.000 Todesfällen – explizit auf den Lockdown zurück. »Todesfälle aufgrund der verringerten Behandlungen von Tuberkulose und HIV werden ins nächste Jahr und das Folgejahr übergehen«, warnte Madhi zudem.

Auf die ökonomischen und resultierenden sozialen Folgen des Lockdowns ging der Mediziner dabei noch nicht einmal ein. Südafrikas Volkswirtschaft ist dramatisch eingebrochen (siehe jW vom 10.9.), einer Studie mehrerer südafrikanischer Universitäten aus dem Juli zufolge haben etwa drei Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren. Mehr als jeder fünfte Südafrikaner leidet demnach bereits Hunger. Hilfsorganisationen schätzen sogar, dass bald ein Drittel bis die Hälfte der Einwohner des Landes auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen sein wird. Betroffen sind also vor allem die Menschen, denen der Lockdown den geringsten Gesundheitsschutz geboten hat. Sowohl die Fallzahlen als auch die Todeszahlen waren in den extrem dicht besiedelten Townships am höchsten.

junge Welt-Aktionsabo: Drei Monate lang für 62 Euro!

junge Welt: Die Zeitung gegen Krieg und Faschismus, Irrationalismus und Demagogie! Jeden Tag liefern wir gut sortiert Informationen und Inspiration, machen Zusammenhänge und Ursachen verständlich - mit prinzipienfester, antikapitalistischer Haltung. Und das in Hand ihrer Leserinnen und Leser. Damit ist unsere Tageszeitung allein auf weiter Flur in der deutschsprachigen Medienlandschaft.

Grund genug, die junge Welt kennenzulernen! Das Protest-Abo bietet die Möglichkeit, die junge Welt stark vergünstigt und zeitlich begrenzt zu lesen - danach endet es automatisch.

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland