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Aus: Ausgabe vom 17.09.2020, Seite 2 / Inland
»Wer hat, der gibt«

»Mit Neid hat das nichts zu tun«

Reiche sollen für die Kosten der Coronakrise bezahlen, fordert das Bündnis »Wer hat, der gibt«. Ein Gespräch mit Ansgar Richter
Interview: Jan Greve
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Demonstration der Initiative »My Gruni« im Berliner Grunewald (1.5.2019)

Für diesen Sonnabend ruft das Bündnis »Wer hat, der gibt« zu Demonstrationen in verschiedenen deutschen Städten auf. Gefordert wird, dass die Kosten für die Bewältigung der Coronakrise von den Reichen gezahlt werden sollen. Wie ist vor diesem Hintergrund der Name Ihres Bündnisses zu verstehen: als frommer Wunsch oder optimistische Zukunftsprognose?

Wir knüpfen damit an den Spruch »Wer hat, dem wird gegeben« an. Dieses Verhältnis, dass sich Wohlhabende immer weiter bereichern können, wollen wir umkehren.

Wer steht hinter dem Bündnis?

Viele von uns haben sich in den zurückliegenden Wochen und Monaten auf den Straßen bei den Protesten gegen die sogenannten Coronaleugner getroffen. Dabei mussten wir feststellen, dass bei einigen der Demoteilnehmer ökonomische Ängste im Vordergrund stehen. Da kam uns der Gedanke, dass wir eine Antwort von links auf die Coronakrise brauchen.

Sie fordern unter anderem die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, Investitionen ins Gesundheits- und Sozialsystem sowie mehr Geld für Beschäftigte in systemrelevanten Berufen. Wieso sollte all das im Zuge der Coronakrise plötzlich umgesetzt werden?

Wir haben jetzt 30 Jahre Neoliberalismus hinter uns. Dabei mussten wir feststellen, dass es verschiedene Bewältigungsstrategien gegeben hat, wie etwa bei der Finanzkrise von 2008. Wir sind der Meinung, dass diese Zeit jetzt vorbei ist und fordern eine solidarische Gesellschaft.

Das Wort der Solidarität wird in der Coronakrise auch von den Herrschenden bemüht. Wie definieren Sie den Begriff?

Es stimmt, dass beispielsweise auch »Arbeitgeberverbände« von Solidarität sprechen oder davon, dass wir alle den Gürtel enger schnallen müssen. Wenn man sich aber die Entwicklung der Vermögen in den vergangenen Jahrzehnten ansieht und die mit der Lohnentwicklung vergleicht, wird sofort klar, dass das nicht stimmt. Die meisten derjenigen, die behaupten, wir säßen alle im selben Boot, sind vor 20 Jahren schon mit ihrer Yacht abgedampft. Solidarität bedeutet nicht, dass alle gleich viel geben, sondern dass diejenigen, die mehr haben, auch mehr geben müssen. Zumal man bedenken muss, dass der Reichtum der wenigen durch die Arbeit von vielen erwirtschaftet wird.

Sie rufen für Sonnabend zu Demonstrationen in Reichenvierteln auf. Was versprechen Sie sich davon?

Ständig heißt es, es gebe kein Geld oder die Kassen seien leer. Wir wollen uns dort ansehen, dass das so nicht stimmt und es Orte gibt, an denen sich der Reichtum für jeden ersichtlich konzentriert.

In Berlin gab es in den vergangenen Jahren am 1. Mai Satiredemonstrationen von »Konfettiextremisten« im Villenviertel Grunewald. Protestieren Sie auch mit einem Augenzwinkern?

Eine gewisse Portion Humor ist sicherlich nie verkehrt. Unser Protest ist aber nicht ironisch. Unsere Forderungen sind ernst gemeint.

Reiche halten sich in Deutschland tendenziell bedeckt. Hier wird weniger geprotzt als etwa in den USA, sondern eher der emsig arbeitende Geschäftsmann bemüht. Diese Leute gehören ins Rampenlicht – alleine schon wegen des gesellschaftlichen Einflusses, den sie ausüben.

Wo wir beim Thema sind: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geht aktuell gegen die jW-Berichterstattung über seine Person vor. Dabei ging es unter anderem um die sogenannten Coronaprämien, die entgegen großer Ankündigungen nicht einmal ein Viertel der Pflegekräfte erhalten haben – während bekannt wurde, dass sich der CDU-Politiker für rund XXX* Euro eine Villa in Berlin-Dahlem gekauft hat. Die Anwälte des Ministers argumentieren, eine solche Berichterstattung würde eine Neiddebatte auslösen. Seien Sie ehrlich: Sie sind doch bestimmt auch einfach nur neidisch.

Wer möchte in einer so ungleichen Gesellschaft nicht reich sein. Das ist sicher das bessere Los, als arm zu sein. Wir fordern aber kein Geld, um es selbst zu verprassen, sondern um damit notwendige Investitionen zu finanzieren. Uns geht es um den extremen Reichtum von Leuten, die andere Menschen für sich arbeiten lassen. Hier ist es vollkommen berechtigt, die Verteilungsfrage zu stellen. Mit Neid hat das nichts zu tun.

* Hinweis der Redaktion: Aufgrund einer einstweiligen Verfügung dürfen wir aktuell den konkreten Kaufpreis für die Villa nicht nennen.

Ansgar Richter ist Sprecher des Bündnisses »Wer hat, der gibt«

werhatdergibt.org

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