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Aus: Ausgabe vom 16.09.2020, Seite 15 / Antifa
Widerstand in besetzten Niederlande

Zu allem entschlossen

Niederländische Widerstandskämpferin Hannie Schaft vor 100 Jahren geboren. Gemeinsam mit anderen half sie Verfolgten und tötete Kollaborateure
Von Lia Gorter
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Jannetje Johanna Schaft (Hannie Schaft), geboren am 16. September 1920, ermordet am 17. April 1945

An diesem Mittwoch wäre die niederländische Widerstandskämpferin Hannie Schaft 100 Jahre alt geworden. Ihr widmete sich die Autorin Lia Gorter in einem Beitrag für den im März unter dem Titel »Mit Mut und List« erschienenen Band zu europäischen Frauen im Widerstand gegen Faschismus und Krieg. Wir danken dem Papyrossa-Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck eines redaktionell leicht bearbeiteten Auszuges. (jW)

Auf dem Ehrenfriedhof in Overveen sind mehr als 400 Widerstandskämpfer begraben. Sie wurden erschossen, nahe dem Nordseestrand. Darunter eine Frau: Hannie Schaft. Obwohl kurz vor Kriegsende mit den Deutschen vereinbart war, dass keine Hinrichtungen von Frauen mehr stattfinden sollten. Sie wurde 24 Jahre alt, umgebracht, zwei Wochen vor Kriegsende.

Jannetje Johanna Schaft, Jo genannt, wurde in einer Lehrerfamilie in Haarlem am 16. September 1920 geboren. Von zu Hause übernahm sie die Werte Solidarität, Gerechtigkeit und Gleichheit. Ihr Vater, Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, und ihre Mutter, aus einer sozialistischen Pastorenfamilie stammend, waren besorgt über die Entwicklung in Deutschland und über den Aufstieg der Nationalsozialistischen Bewegung in den Niederlanden.

Ab 1938 studiert Jo Jura in Amsterdam. Ihre erste Widerstandsaktion im Frühjahr 1942 ist das Stehlen von Personalausweisen ohne »J« (= Juden) für den Widerstand. Sie sammelt Geld und Kleidung für deportierte Juden. Die Pakete werden über das Rote Kreuz an das Durchgangslager Westerbork – das »Vorzimmer der Hölle« – und an andere KZ in Deutschland geschickt.

Anfang 1943 kommt es zu Razzien in den Universitäten, als Studierende zum Arbeitsdienst in Deutschland verpflichtet werden. Dreiviertel von ihnen weigern sich, den Naziverordnungen zu gehorchen. So auch Jo. Von einigen Professoren werden noch illegal Vorlesungen gehalten, meist in Cafés. Jo legt ihre letzte juristische Prüfung im Wartezimmer erster Klasse des Bahnhofs Amsterdam Centraal ab.

Flugblätter und illegale Zeitungen verteilen, Essensmarken und Geld für Familien in der Illegalität einsammeln, das reichet Jo nicht mehr aus. Im Sommer 1943 nimmt sie Kontakt zum Widerstandsrat auf. Von da an arbeitet sie mit den Schwestern Oversteegen zusammen, als »Trio«. Zu Kriegsbeginn sind Freddie und Truus erst 14 und 16 Jahre alt. Sie helfen Menschen unterzutauchen, jüdische Kinder zu verstecken, und sie schmuggeln Waffen. Als junge Mädchen erwecken sie kaum Misstrauen. So locken sie Nazis in eine Kneipe und bringen sie anschließend unter dem Vorwand einer Sexparty an einen abgelegenen Ort. Unerbittlich wird dann der Abzug gedrückt. Das Trio sammelt Auskünfte über die Militäranlagen des »Atlantikwalls«, indem es mit deutschen Soldaten anbändelt. Jo bekommt auch Schießunterricht.

Im Frühjahr 1943 kommt es zu Proteststreiks gegen die Meldepflicht für ehemalige niederländische Soldaten und Offiziere zum Arbeitsdienst in Deutschland. Einer von ihnen, Jan Bonekamp, widmet sich bald dem bewaffneten Widerstand. Gemeinsam sabotieren Jan und Jo Eisenbahnen und Fabriken, verüben Raubüberfälle in städtischen Ämtern, befreien Häftlinge aus dem Gefängnis und greifen Verräter und Kollaborateure an.

Der Widerstandsrat beschließt, Ragut, den grausamen Handlanger der Nazis in der Region, zu töten. Den Auftrag erhalten Jan und Hannie. Hannie schießt, der Polizeihauptmann fällt vom Fahrrad. Sie fährt weiter. Jan folgt, um Ragut endgültig zu töten. Doch der schießt gleichzeitig Jan in den Bauch. Jan erreicht noch die Erste-Hilfe-Station. Der Sicherheitsdienst wird benachrichtigt. Im Amsterdamer Krankenhaus kurz vor seinem Tod, fragt ihn ein Mann, der sich als Freund ausgibt, ob er etwas für ihn tun könne. Jan gibt ihm die Adresse von Hannie Schaft in Haarlem. Die Sicherheitspolizei überfällt das Elternhaus, nimmt Jos Eltern als Geiseln, in der Hoffnung, dass das »Mädchen mit den roten Haaren« sich stellen wird. Jo muss ihre Identität wechseln. Sie trägt nun schwarze Haare, eine Brille mit dicken Gläsern, und heißt Johanna Elderkamp, geboren in Zürich.

Nach einer Weile nehmen sie, ­Truus und Freddie die Widerstandsarbeit wieder auf. Bei einer Kontrolle in Haarlem-Nord werden im März 1945 illegale Zeitungen in Hannies Fahrradtasche gefunden. Sie wird ins Gefängnis gesteckt. Man findet dann auch eine Waffe in ihrer Handtasche. Es folgen Isolationshaft und tagelange Verhöre in Amsterdam. Am 17. April 1945 wird Hannie aus ihrer Zelle geholt, nach Overveen gebracht und auf einem Sandweg hinterrücks erschossen. Nach dem Kopfschuss wird mit einem Maschinengewehr auf sie gefeuert. Man begrub sie hastig in den Dünen.

Florence Hervé (Hrsg.): Mit Mut und List. Europäische Frauen im Widerstand gegen Faschismus und Krieg. Pappyrossa, Köln 2020, 294 Seiten, 17,90 Euro

kurzelinks.de/FrauenimWiderstand

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