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Ewiges Leben

Von Helmut Höge
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»Ich habe mein Schach von der Literatur auf das Biologische verlegt, damit das Spiel ehrlicher wird«, verkündete der russische Dichter Ossip Mandelstam (1891–1938). Die Biologen wissen um das ewige Leben, aber ohne Hoffnung. So schreibt z. B. der deutsch-amerikanische Rabenvogelforscher Bernd Heinrich in »Leben ohne Ende« (2019): »Alle Lebewesen haben ein Leben nach dem Tod, das uns ständig umgibt, aber im Verborgenen stattfindet. Der Tod verknüpft die Leben miteinander wie Glieder einer unendlichen Kette: Was stirbt, aufersteht zu neuem Leben.«

Das alte Leben endet innen mit dem Aussetzen von Herzschlag und Atmung, die Zellmembranen beginnen zu lecken, die sonst das Immunsystem verteidigenden Makrophagen gehen mangels Sauerstoff im Blut zugrunde, die Bakterien im Darmtrakt dringen in den übrigen Körper ein und setzen den Fäulnisprozess in Gang.

Von außen kriechen derweil Gold- und Fleischfliegen in den toten Körper, wo sie ihre Eier ablegen, ihre Jungen verflüssigen mit einem Sekret das Fleisch, das sie dann aufsaugen. Sie haben Atemlöcher, wenn sie zu viel verflüssigen, ersticken sie. Anders die Maden der Fleischfliegen: Diese haben ihre Atemlöcher am Hinterleib, der verdickt ist und damit oben schwimmt.

Die Schmeißfliegen-Weibchen legen jeweils an die 20.000 Eier, die zu Maden werden. Drumherum warten Stutzkäfer darauf, dass die Madenmassen sich fett gefressen haben, dann verzehren sie diese bis auf wenige. Nach den Stutzkäfern fallen die Speckkäfer über den Körper her. Sie verzehren den Toten bis auf die Knochen. Bei den letzten Resten beteiligen sich Aas- und Raubkäfer und ihre Maden. Die Maden der Raubkäfer töten und verzehren sich auch gegenseitig. Hinzu kommen immer mehr Pilze.

Wenn eine weitere Käferart, die der Totengräber, rechtzeitig die Leiche riecht, graben sie diese schnell ein, um den Fliegen zuvorzukommen. Bei einer Erdbestattung der Leiche müssen sie dagegen warten, bis das Sargholz Löcher und Risse bekommt – durch Fäulnisprozesse, die von anderen Lebewesen in Gang gesetzt werden. Dann machen die Totengräber aus der Leiche eine »grünliche Abscheulichkeit«, wie der Insektenforscher Jean-Henri Fabre (1823–1915) es ausdrückte. Dieser grüne Klumpen ist für die Totengräber-Kinder gedacht, während die farbenprächtigen Totengräber-Eltern von Käfermilben langsam zerfressen werden und sich überdies auch noch gegenseitig verzehren. Zuvor haben sie aber »Verdauungsenzyme und antimikrobielle Proteine produziert, die sie als Sekret auf das Fleisch übertragen, das sie damit für ihre Kinder ›chemisch reinigten‹«. So heißt es in einer Studie von Wissenschaftlern aus vier deutschen Forschungsinstituten über die unterirdische Tätigkeit des Schwarzhörnigen Totengräbers.

Dieses völlige Verschwinden eines Gestorbenen ist genaugenommen eine Reinkarnation, also eine Wiederfleischwerdung. Die natürliche oder ökologische Reinkarnation ist nichts anderes als eine »ewige Wiederkehr« (vor der Nietzsche grauste). Wir verabscheuen die Aasfliegen, in manchen Kulturen waren sie jedoch willkommen – u. a. bei den Moche, die bis zum achten Jahrhundert an der Küste Perus lebten. Sie boten diesen Leichenfressern ihre Verstorbenen an. Deren Seelen werden von den Fliegen befreit und wieder in der Welt ausgesetzt, glaubten die Moche. Ihnen zufolge ist die Reinkarnation mithin eine Angelegenheit der Seele, die sich dazu der Fliegen bedient. Für die westliche Biologie funktioniert die Reinkarnation dagegen fast nur mit Insekten, aber ohne die Seele.

Dafür gibt es bei uns Bestattungsrituale, mit denen die trauernden Hinterbliebenen die Seele des Verstorbenen noch eine Weile »lebendig« halten. Eine einfache Erdbestattung kostet inklusive Friedhofsgebühren, Bestatterleistungen, Grabstein, Sarg und Trauerfeier rund 10.000 Euro, die einfachste Feuerbestattung mit Trauerfeier etwa 2.000 Euro, die Asche ab Warnemünde ins Meer zu streuen 1.000 Euro. Manche Hinterbliebene lassen die Asche ihrer verstorbenen Geliebten zu einem Diamanten verarbeiten. Die Asche wird dafür in die USA geschickt, wo sie einige Wochen lang unter hohem Druck und bei hoher Temperatur gepresst wird, um dann je nach Geschmack geschliffen zu werden. Für einen Einkaräter muss man 14.000 Euro zahlen. Die Besitzer solcher Diamanten behaupten gerne, dass sich die Seele ihres geliebten Verstorbenen darin befände – und so quasi unsterblich geworden sei.

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Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (14. September 2020 um 19:58 Uhr)
    Die Reinkarnationslehre geht davon aus, dass gerade das Biologische völlig »zeitlich-endlich« ist.

    Die Erhaltung der ursprünglichen ewigen Seele bzw. deren ewige Bewusstwerdung (»Entschleierung von der Maya«) ist die »Standardtheorie«. Für Linke: Idealismus»verdacht«.

    Der einzige Schach»philosoph« war der Mathematiker Lasker (27 Jahre Weltmeister) – der den Kampfcharakter betonte – wie die sowjetische, dialektische Schachprofischule. Mandelstam war nicht mal so stark wie Crowley oder Duchamps.
  • Beitrag von Michael M. aus B. (15. September 2020 um 02:40 Uhr)
    So ein Mumpitz: Die deutsche Verbraucherseele ist unsterblich.
  • Beitrag von Dieter R. aus N. (15. September 2020 um 08:00 Uhr)
    Wir alle waren ja bereits schier unendliche Zeiten lang freie Biomasse ohne Nöte, ohne Sorgen, bis wir irgendwann mal in einen Prozess der »Komprimierung« gerieten. An diese organisierte Form zwangsläufig gebunden, strampeln wir verhältnismäßig kurze Zeit auf der kleinen Erde rum und richten ziemlich viel Unsinn an. Zum Glück sind unsere Elemente aber nicht auf Ewigkeit in dem kleinen »Individualgefängnis« eingesperrt, sondern lösen sich nach kürzerer oder längerer Wartezeit absolut verlässlich wieder in völlig freie Teilchen auf – und das ist gut so. Schade nur, dass man dann nicht mehr berichten kann, dass die komischen Erfindungen Fegefeuer, Himmel, Hölle beim besten Willen nicht zu finden waren und dass das »Jüngste Gericht« eigentlich nur das »älteste Gerücht« war.

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