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Aus: Ausgabe vom 15.09.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Russland und BRD

Vergiftet – aber von wem?

Fall Nawalny: Berlin lässt sich Befund der Bundeswehr-Toxikologen von Laboren in Schweden und Frankreich bestätigen
Von Reinhard Lauterbach
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Sanitäter vor der Charité in Berlin, nachdem sie den russischen Oppositionellen Nawalny ins Krankenhaus gebracht haben (22.8.2020)

Die Bundesregierung hat nach eigenen Angaben aus Schweden und Frankreich Bestätigungen ihrer Diagnose im Fall Nawalny erhalten. Wie Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag erklärte, hätten Labors in beiden Ländern die Befunde der Bundeswehr-Toxikologen bestätigt. Damit gehe die Bundesregierung weiter davon aus, dass der russische Oppositionspolitiker mit einer Substanz aus der »Nowitschok-Gruppe« vergiftet worden sei. Sie erwarte, dass sich Russland hierzu »erkläre«.

Die russische Seite weist nach wie vor die deutschen Vorwürfe als »absurd« zurück und fordert die Bundesregierung auf, Beweise für ihre Thesen vorzulegen. Das wiederum weist die deutsche Seite unter Berufung auf den sogenannten Geheimschutz zurück. Und zu der weiteren russischen Forderung nach Unterlagen zum Gesundheitszustand Nawalnys verweist die Charité, wo der Patient behandelt wird, auf den Datenschutz: Nawalny müsse der Übermittlung seiner Daten nach Russland zustimmen. Ob er das tut, wenn er dazu wieder in der Lage ist, steht in den Sternen.

Damit stehen sich beide Seiten – Russland und die Bundesrepublik – auf verfestigten Positionen gegenüber. Die Argumentation von Bundeswehr und BND hat allerdings ihre Lücken. Selbst wenn es so ist, dass Nawalny vergiftet wurde, sagt es noch nichts darüber aus, wer das getan hat. Zwar wurde die Substanz »Nowitschok« in den achtziger Jahren in einem sowjetischen Labor synthetisiert – aber in den neunziger Jahren emigrierte einer der Entwickler in die USA und publizierte dort die entsprechende Formel. Damals gelang es auch dem BND, einem sowjetischen Informanten eine größere Probe von »Nowitschok« abzukaufen. Dieses Muster haben die Pullacher anschließend bei ihren Partnerdiensten verteilt. Das heißt noch nicht, dass es einer von ihnen war, bedeutet aber, dass jeder es gewesen sein kann. Besonderes Augenmerk verdient in diesem Zusammenhang die frühe Bestätigung des Berliner Verdachts durch das britische Armeelabor in Porton Down, das bereits in der – letztlich auch im Sande verlaufenen – »Affäre Skripal« involviert war.

Zwei weitere Details sollte man im übrigen nicht übersehen: Erstens lautet die offizielle Sprachregelung in Berlin inzwischen, Nawalny sei mit einer »neuen Version« eines Gifts »aus der Nowitschok-Gruppe« traktiert worden. Auch hier kann angesichts der Tatsache, dass die Formel inzwischen der Militärchemie bekannt ist, jeder mit den entsprechenden Laborkapazitäten diese Weiterentwicklung vorgenommen haben. Wenn es aber eine Modifikation ist, relativiert das, anders als einen glauben gemacht werden soll, gleichzeitig die in Richtung Russland weisenden Indizien. Genau, wie nicht jedes Auto aus der BRD kommen muss, nur weil Carl Benz das Auto erfunden hat.

Zweitens hat sich die Darstellung zur Tatbegehungsweise unter der Hand geändert. In den ersten Tagen dominierte die Erzählung, das Gift sei Nawalny am Flughafen von Tomsk in den Tee geschüttet worden. Das weckte schon damals einige Zweifel, weil Nawalny nach Aussage seiner Mitarbeiter im Tomsker Flughafencafé allein am Tisch gesessen hatte. Sein Gegner müsste also hinter allen Kaffeetresen des Flughafens jemanden stehen gehabt haben, der Nawalny das Gift verpassen konnte, falls er dort einkehrte. Nun berichtete die polnische Tageszeitung Gaseta Wyborcza vergangene Woche, bei einer oralen Einnahme von »Nowitschok« wäre Nawalny sofort tot umgefallen. Wahrscheinlicher sei nach Experten inzwischen die – langsamer wirkende – Gabe über die Haut. Also zum Beispiel über entsprechend imprägnierte Kleidungsstücke. Dazu brauchte man freilich Zugang zu Nawalnys persönlichen Sachen.

Und hier kommt eine »große Unbekannte« ins Spiel: Eine – nach Angaben der russischen Ermittler – Marina Pewschich, aus Russland stammend und seit einiger Zeit in Großbritannien lebend. Diese Marina Pewschich sei die einzige aus dem Begleiterteam von Nawalny gewesen, die Tomsk mit einem anderen Flugzeug als er verlassen und gegenüber der russischen Polizei keine Aussagen gemacht habe. Sie soll nach Darstellung russischer Ermittler in Tomsk mit Nawalny sogar im selben Hotelzimmer übernachtet haben. Als zwei Tage nach der Vergiftung Nawalny nach Deutschland ausgeflogen wurde, habe sie ihn als angebliche Dolmetscherin begleitet. Wozu jemand, der im Koma liegt, eine Dolmetscherin braucht, bliebe zu klären. Vielleicht war es auch einfach eine Legende, um unauffällig außer Landes zu kommen.

Natürlich kann es eine falsche Spur sein, die hier gelegt wird. Aber zumindest zitiert soll sie schon einmal werden, zumal die Argumentation, die Russland und nur Russland verantwortlich macht, auch nicht völlig schlüssig ist. Und zumal, wie sich herausstellt, ein Standardgegenmittel gegen das angeblich so tödliche Nowitschok vorhanden ist: Atropin. Kann man wirklich ausschließen, dass westliche Dienste Nawalny zum Schein vergiftet haben, in der Gewissheit, dass die Folgen letztlich reversibel sind – um einen Anlass zur politischen Eskalation zu liefern? Völlig absurd? Natürlich lügen immer nur die »anderen«, die »unseren« nie.

Kurve gekriegt. Feindbild Russland

Der am Sonntag ausgestrahlte »Tatort« vom Hessischen Rundfunk war offenkundig noch vor der Pandemie gedreht worden – jedenfalls liefen die Leute noch völlig maskenfrei durchs Bild. Damit war er auch vor der mutmaßlichen Vergiftung von Alexej Nawalny entstanden. Trotzdem gab es im Film einen Moment, in dem man ihm unwillkürlich eine aufklärerische Tendenz unterstellte: Als der auch nicht unbedingt sympathische Ehemann einer in Frankfurt stationierten CIA-Agentin am Morgen auf dem Weg ins Büro im Aufzug zusammenbricht und oben nur noch tot aus der Kabine gezogen werden kann. Aha, dachte der Zuschauer: Cosi fan tutti, die Amis können natürlich auch, was den Russen immer unterstellt wird. Wäre ja mal ein Merker gewesen.

War aber keiner. Wie sich am Schluss herausstellte, arbeitete die Frau vom CIA nebenbei auch für die Russen und entledigte sich ihres Mannes, weil der aus dieser Doppelagentenkiste rauswollte. So waren die transatlantischen Beziehungen am Sonntag abend dann doch noch gerettet. Einziger Lichtblick: das »Fuck you very much«, mit dem der Ermittler den schmierigen Stationschef der CIA abfertigte, als er ihm einen seiner auf frischer Tat festgenommenen Spitzel wieder aushändigen musste. »Ja sind wir denn hier im Kalten Krieg?«, fragte seine Kollegin gewollt naiv. Jawoll, Frau Kommissarin, sind wir. (rl)

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (15. September 2020 um 08:46 Uhr)
    Die Geschichte, dass Herr Nawalnuj in einem Flugzeug vergiftet worden war, interessiert mich sehr. Was glauben Sie: dass er in einem Flugzeug ermordet wurde? Vielen Dank für Ihre Post!
  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (15. September 2020 um 11:44 Uhr)
    Wie musste Herr Nawalnuij vergiftet werden, dass er wieder erwacht und danach von Asien bis Berlin zum Thema wird? Wie läuft das Gift?
  • Beitrag von Detlev S. aus G. (15. September 2020 um 12:22 Uhr)
    Zufällig war auch ich Zeuge des »Tatort«-Films. In dem Moment, als die Tochter des Agentenehepaares erwähnte, in der Schülerzeitung einen Beitrag zum Thema Bolivien zu veröffentlichen, war klar ... »Das war zuviel des Guten«! Es konnte nur zur Wendung kommen, sonst wäre der Film nicht am Sonntag abend ausgestrahlt worden.

    D. Schulz
  • Beitrag von Ralf S. aus G. (15. September 2020 um 14:10 Uhr)
    Das ganze wirkt wie ein Schmierentheater, mit einer breiten Masse, die keinen Anlass sieht, großartig kritisch zu sein, und den Darstellungen der eigenen Seite (deutsche Bundesregierung/Westen) bereitwillig folgt (denn dass die Russen böse sind, wird ihnen ja ohnehin seit langem tagtäglich eingetrichtert). Und dann gibt es die unbelehrbaren »Russland-Versteher« und die verbissenen Transatlantiker/Antirussen, die jeweils auch ihre verfestigten Meinungen haben.

    Man kann aber natürlich trotzdem Fragen stellen. Zum Beispiel: warum Nowitschok? Diesem Nervengift haftet ja praktisch schon das Label »russisch« an, nachdem es ja wohl schon gegen Skripal eingesetzt wurde. Und damals schon wurde die einfache Gleichung aufgestellt: Es wurde in Russland erfunden, also steckt Russland dahinter. Die kritischen Einwände, dass dieses Mittel aber seit langem nicht mehr exklusiv im Besitz des russischen Staates ist, wurden in westlichen Leitmedien freilich geflissentlich ignoriert oder als Randnotiz behandelt. Gäbe es nicht andere Methoden, »Regimegegner« aus dem Weg zu räumen, als dieses Mittel, das, wie sich schon bei Skripal zeigte, in der westlichen Presse als »russisches Nervengift« ausgeschlachtet wurde, womit man es ihnen eben wieder einfach macht, ihre Propagandamaschinen zu befeuern?

    Verschwörungstheoretiker haben natürlich auf alles eine Antwort, hier lautet sie etwa: Die Russen (oder Putin) verwenden ein Nervengift, das auf sie zurückgeführt werden kann, ganz bewusst, um damit ihre Macht zu demonstrieren, frei nach dem Motto: »Seht her, womit wir vor aller Augen durchkommen. Also überlegt es euch gut, bevor ihr euch mit uns anlegt oder ihr euer Land verratet.«

    Noch ein Aspekt: warum so kurz vor den Regionalwahlen? Einen bekannten politischen Gegner kurz vor Wahlen ermorden zu lassen, scheint mir nicht sehr clever. Nebenbei, das war im Fall Skripal auch schon so, als das Ganze kurz vor den russischen Präsidentschaftswahlen passierte. Also, für meine Begriffe nutzt es einem Nawalny deutlich mehr, wenn er kurz vor Wahlen durch so einen Vorfall ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit rutscht. Ganz abgesehen davon, dass er ohnehin ein Politunternehmer und Provokateur ist, der von Aufmerksamkeit lebt und dafür sorgen muss, in der öffentlichen Wahrnehmung präsent zu bleiben, wenn er sich weiter als Oppositionsführer vermarkten will (bzw. weiter seinen Lebensunterhalt damit bestreiten will).
    • Beitrag von Hagen R. aus R. (15. September 2020 um 15:50 Uhr)
      Nun, hier handelt es sich ja offensichtlich um eine Verschwörung, die Frage ist nur, von wem. Also könnte man jeden, der eine Hypothese aufstellt, als Verschwörungstheoretiker bezeichnen – das ist hier wenig aussagekräftig.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • E. Rasmus: Nawalny mal Nowitschok Wenn’s nicht so ernst wäre, würde ich das derzeitige Geschehen ein Bourgeoisquadratwurzeltheater N-Quadrat gleich Nawalny mal Nowitschok nennen. Einer der Schmierenstarkomödianten heißt nebst weiteren...
  • Reinhold Hinzmann: Mittel gegen Nowitschok In dem Artikel ist eine Angabe falsch: Atropin ist kein Gegenmittel (Antidot) gegen Intoxikationen mit Cholinesterasehemmern. Eine der vielen Nebenwirkungen dieser Cholinesterasehemmer sind ein extrem...
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