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Aus: Ausgabe vom 12.09.2020, Seite 3 / Schwerpunkt
Gesundheit

Marodes System vor dem Kollaps

Mangel an Ärzten und Pflegekräften in Indiens Metropolen: Die Zahl der Coronainfizierten steigt dramatisch
Von Martin Haffke
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Buspassagiere mit Maske in Ahmedabad, Indien (11.9.2020)

Anders als der Bundesstaat Kerala macht der Rest Indiens in Sachen Covid-19 seit Monaten Negativschlagzeilen. Das Land hat mit über vier Millionen die zweitgrößte Anzahl bestätigter Coronafälle weltweit. Die Zahl der an der Krankheit Verstorbenen ist mit weit über 70.000 die dritthöchste. Der Höhepunkt der Pandemie ist noch nicht erreicht. Gleichzeitig gerät Indien wirtschaftlich immer stärker unter Druck. »Wir erleben einen Wiederanstieg der Fallzahlen«, sagte Randeep Guleria, Direktor des All India Institute of Medical Sciences (AIIMS), in einem Interview mit India Today: »Wir können sagen, dass wir in bestimmten Teilen des Landes eine Art zweite Welle erleben.«

Der Anstieg ist darauf zurückzuführen, dass die Regierung weiterhin die Beschränkungen aufhebt, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das öffentliche Leben wurde im März – zwar reichlich spät, aber sehr konsequent – stillgelegt, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Seit Juni wurde der Lockdown dann phasenweise wieder gelockert – auch wenn die Zahl der Fälle weiter anstieg. Im zweiten Quartal dieses Jahres ist die Wirtschaft um 23,9 Prozent geschrumpft, der stärkste Rückgang seit 1996. Prognosen gehen von der schwersten Rezession seit der Unabhängigkeit aus – zwischen drei und vermutlich realistischeren zehn Prozent liegen die Vorhersagen.

Unterdessen geht die Zahl der in Indien gemeldeten Coronafälle weiter steil nach oben: In der letzten Woche wurden mehr als 75.000 Neuinfektionen täglich gemeldet. Teilweise mag der rasante Anstieg auch auf mehr Tests zurückzuführen sein – deren Anzahl stieg auf über eine Million täglich. Doch obwohl Indien eine sehr niedrige Sterblichkeitsrate bei Covid- 19-Infizierten hat, wurden in den letzten sieben Tagen täglich immer noch fast 1.000 Todesfälle verzeichnet.

Innenminister Amit Shah versucht, die geringe Sterberate im Land als Erfolgsgeschichte zu verkaufen. Ende Juni ließ er verlauten, in Indien gebe es viel weniger Todesfälle durch das Virus als im globalen Durchschnitt und speziell in Nationen wie die USA, Brasilien und Großbritannien. Das zeige, dass »ein Land wie Indien selbst im Vergleich zu Industrieländern diesen Kampf sehr gut geführt hat«, zitiert ihn Asian News International aus Neu-Delhi.

In Wahrheit kollabiert das marode indische Gesundheitssystem zusehends. In Neu-Delhi, Mumbai und Chennai, Metropolen, die über die besten Gesundheitseinrichtungen des Landes verfügen, herrscht Mangel an Ärzten und anderem Gesundheitspersonal. Krankenschwestern und andere Krankenhausmitarbeiter protestierten – vor allem gegen mehr als zwölfstündige Arbeitsschichten und mangelnde Schutzausrüstung. Die United Nurses Association mit Sitz in Neu-Delhi schätzt, dass bis 30. Juni allein in der Hauptstadt mehr als 1.000 Pflegekräfte infiziert waren. Mehr als 500 Krankenschwestern und Sanitäter in Delhi und Mumbai sollen wegen der Arbeitsbedingungen gekündigt haben.

Ein Ende der Entwicklung ist nicht absehbar: In einer im Juli veröffentlichten Studie warnten Forscher des Massachusetts Institute of Technology in den USA, dass Indien bis zum Frühjahr nächsten Jahres 287.000 neue Coronafälle pro Tag verzeichnen könnte. Im vergangenen Monat pro­gnostizierte die Chefwissenschaftlerin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Soumya Swaminathan, dass sich die Pandemie in Wellen ausbreiten werde. Eine andere Studie, die das Indian Council of Medical Research in New Delhi veröffentlicht hat, sagte voraus, dass Indien im November den Höhepunkt erreichen wird.

Das Land ist dafür nicht gerüstet. »Indien hat chronisch zu wenig für Gesundheit ausgegeben, und Covid-19 hat den Schaden, den das anrichten kann, stark in den Fokus gerückt«, sagt K. Sujatha Rao, ehemalige Sekretärin im indischen Gesundheitsministerin, im Interview mit der Plattform »Scroll.in«. »Es wird normalerweise angenommen, dass ein Land, um mindestens eine angemessene Qualität der Gesundheitsversorgung zu erreichen, wenigstens fünf Prozent seines Bruttoinlandsproduktes ausgeben sollte. Indien hat dafür immer nur etwa 0,9 Prozent bis 1,2 Prozent des BIP ausgegeben.«

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