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Aus: Ausgabe vom 11.09.2020, Seite 8 / Ansichten

Deutscher Angsttag

BRD testet »Zivilschutzsysteme«
Von Sebastian Carlens
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Gut geeignet als Basis für ein Storchennest: Sirene in Sieversdorf, Brandenburg (25.6.2016)

Es hätte eindrucksvoll werden sollen: Im ganzen Land, zur selben Zeit, schrillen Sirenen, rumoren Mobiltelefone, gellen Lautsprecher: Alarm! Der Russe! Nowitschok! Ein »Warntag«, der erste seit 1990, sollte am Donnerstag Punkt elf Uhr die Zivilschutzsysteme der BRD testen. Doch es kam anders: »Wir wissen, dass es teilweise geklappt hat«, so eine Sprecherin des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Es hat sich herausgestellt, dass die meisten Sirenen längst abmontiert worden waren. Und Warn-Apps, Stichwort Corona, sind nur dann eine Meldung wert, wenn sie einmal funktionieren. All dem dürfte nun abgeholfen werden: Der »Warntag« wird sicher wiederholt, die zwangsweise vorinstallierte BRD-App kann kommen.

Natürlich wurde das Szenario nicht militärisch begründet. BBK-Präsident Christoph Unger teilte mit: »Wir glauben, dass es ungemütlicher werden wird.« Der Klimawandel. »Es gibt konkrete Erfahrungen, wie die Jahrhundertflut 2002, die unzählbaren Starkregenereignisse.« Sogar Erdbeben seien denkbar, etwa in der Kölner Bucht. Was Sirenen gegen Regen und Apps gegen Beben bewirken sollen, bleibt das Geheimnis des Mannes. Fakt ist: Die Coronapandemie hat vielen Menschen klargemacht, dass Kata­strophen nicht weit weg sein müssen. In diesem Falle waren mangelhaft ausgestattete Notaufnahmen und kaputtgesparte Krankenhäuser das Problem, nicht die Information der Bevölkerung. Anstatt sich dieser Übel anzunehmen, setzt das BBK auf Kalte-Kriegs-Grusel. Denjenigen, die die Systemkonfrontation im Westen erlebt haben, dürften die »Luftalarm«-Übungen noch in Erinnerung sein. Und vielleicht auch die alten Männer, öfter aber alten Frauen, die immer ein gepacktes Köfferchen bereithielten – Kriegstraumatisierte, bei denen die Sirene Erinnerungen an grausige Nächte im Bunker wachgerufen hat.

Derartige Großübungen, zeitgleich von München bis Flensburg ausgelöst, sollen nicht vor einem Elbhochwasser warnen. Sie dienen der psychologischen Abrichtung der Menschen, der Konditionierung – ganz nach Iwan P. Pawlow.

Wenn am Mittwoch jemand wie Manfred Weber, Vorsitzender der EVP-Fraktion im EU-Parlament, dazu aufruft, das »System Putin in die Knie zu zwingen«, dann ist das nicht mehr weit entfernt vom »Enthauptungsschlag« gegen den »jüdisch-bolschewistischen Weltfeind«. Es ist die Sprache des Krieges. Selbstverständlich war der »Zivilschutz« schon ein wichtiger Baustein in der Vorbereitung des faschistischen Vernichtungsfeldzuges gegen die UdSSR. Der »Reichsluftschutzbund« hatte 1939 fast 15 Millionen Mitglieder und mehr als 75.000 Dienststellen. Er führte regelmäßig landesweite Großübungen durch.

Gebracht hat das, als der Krieg ins Herz des Aggressors zurückschlug, bekanntlich alles nichts. Gegen Katastrophen, menschengemachte wie natürliche, helfen sowieso nur: Abrüstung und Investitionen in Sozial- und Gesundheitssysteme. So banal ist das.

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Debatte

  • Beitrag von Manuel S. aus M. (10. September 2020 um 23:07 Uhr)
    Man kann aus jeder Mücke einen Elefanten machen.

    »Derartige Großübungen, zeitgleich von München bis Flensburg ausgelöst, sollen nicht vor einem Elbhochwasser warnen. Sie dienen der psychologischen Abrichtung der Menschen, der Konditionierung – ganz nach Iwan P. Pawlow.«

    Warnsysteme sind auch Teil des staatlichen Gesundheitssystems. Sirenen, ob fest installiert oder beispielsweise auf Rettungswägen, dienen dem Schutz von Menschen, auch wenn sie teilweise negative Gefühle auslösen.

    Wenn man natürlich darüber nachdenkt dass mit Sicherheit auch Krankentransporter mit Blaulicht und Sirene am deutschen Vernichtungskrieg beteiligt waren, sollte man über die Abschaffung dieser Warnsysteme nachdenken. Oder gleich über die Abschaffung von Krankenwagen. Auch die Straßen, auf denen sie sich bewegen, müssten zerstört werden, um einen möglichen Krieg von vornherein zu unterbinden.

    Sollte sich dazu noch herausstellen, dass die Köche, welche für die Nazis in Russland gekocht haben, Messer benutzt haben müssten wir unser Fleisch mit Löffel und Gabel essen. Und Fleisch müssen wir schließlich alle essen, andernfalls könnte man auf eine Symphatie für den größten Vegetarier aller Zeiten schließen.
    • Beitrag von Roman S. aus L. (10. September 2020 um 23:42 Uhr)
      Es scheint sehr schwer, es den Lesern der jungen Welt Recht zu machen. Werden nicht alle Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor Corona kritisiert, wirft man ihr unkritische Übernahme der Staatsideologie vor. Setzt sich ein Autor kritisch mit neuen Maßnahmen, mit denen die Bevölkerung angeblich geschützt werden soll, auseinander, heißt es, er ziehe übertriebene Vergleiche.

      Dabei finde ich den Gedanken, der hier entwickelt wird, überhaupt nicht verkehrt: Er verweist sehr wohltuend auf den doppelten Charakter, den die angebliche Sicherheitspolitik des Staates in der Tat besitzt, ohne dabei das Recht der Bevölkerung auf Schutz vor einer Pandemie infrage zu stellen.

      Ist das nicht etwas, was viele kritische Leser in den letzten Wochen und Monaten von der jungen Welt gefordert haben?

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