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Aus: Ausgabe vom 11.09.2020, Seite 6 / Ausland
Kolumbien

Geballte Wut in Bogotá

Kolumbien: Mindestens sieben Tote nach Protesten gegen tödlichen Polizeieinsatz in Hauptstadt
Von Frederic Schnatterer
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In der Nacht nach dem Polizeieinsatz kam es über die Hauptstadt verteilt zu wütenden Protesten gegen Polizeigewalt

Nachdem in der Nacht zuvor ein Mann bei einem Polizeieinsatz getötet worden war, haben am Mittwoch abend (Ortszeit) Hunderte in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá gegen Polizeigewalt protestiert. Auf in den sogenannten sozialen Medien geteilten Videos sind Auseinandersetzungen mit den Einsatzkräften zu sehen. Mindestens sieben Menschen kamen dabei ums Leben, 140 wurden verletzt, wie die kolumbianische Tageszeitung El Tiempo am Donnerstag berichtete. Aus einer von den Einsatzkräften noch am selben Abend veröffentlichten Bilanz geht hervor, dass 53 Polizeiwachen beschädigt worden seien, teilweise wurden sie von wütenden Demonstranten angezündet. Auch in anderen Städten wie Cali und Medellín kam es zu Protesten.

Am Mittwoch hatten sich die Bilder des Polizeieinsatzes rasant in den »sozialen Medien« verbreitet. Darauf ist zu sehen, wie zwei Einsatzkräfte Javier Ordóñez im Stadtteil Villa Luz de Engativá im Westen Bogotás auf den Boden drücken, nachdem dieser gegen die Beschränkungen wegen der Coronapandemie verstoßen haben soll. Mindestens zehnmal setzten die Beamten ihrem Opfer zudem mit einer Elektroschockpistole zu – trotz gut vernehmbarer Hilferufe. Laut Medienberichten sei Ordóñez, der zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war, daraufhin auf eine Polizeiwache gebracht worden. Auf dem Weg in ein Krankenhaus erlag er den ihm zugefügten Verletzungen.

Während die beiden beteiligten Polizisten noch am Mittwoch vorläufig vom Dienst suspendiert wurden, erklärte Verteidigungsminister Carlos Holmes Trujillo, »null Toleranz« bei Amtsmissbrauch durch die Polizei walten lassen zu wollen. Gleichzeitig dürfe die Institution jedoch nicht unter »Generalverdacht« gestellt werden, indem »alle ihre Mitglieder auf beleidigende Weise für das Verhalten von einigen verantwortlich gemacht werden«, so Trujillo am Mittwoch abend. Zudem kündigte der Minister an, die Einsatzkräfte in der Hauptstadt mit insgesamt 1.600 Polizisten sowie 300 Soldaten zu verstärken.

Die Bürgermeisterin von Bogotá, Claudia López, erklärte über Twitter: »Ebenso wie wir den Polizeimissbrauch ablehnen, verurteilen wir die Gewalt und den Vandalismus einiger Demonstranten. Die Probleme des Amtsmissbrauchs und der Gewalt werden nicht durch mehr Gewalt gelöst.« Der Linkspolitiker und ehemalige Präsidentschaftskandidat Gustavo Petro bezeichnete die Polizeigewalt ebenfalls auf dem Kurznachrichtendienst als ein »Massaker am unbewaffneten Volk von Bogotá« und forderte den sofortigen Rücktritt von Verteidigungsminister Trujillo.

In den vergangenen Monaten waren immer wieder Berichte über Polizeigewalt in Kolumbien an die Öffentlichkeit gelangt, so gegen Straßenverkäufer, Prostituierte oder Jugendliche. Laut der NGO »Temblores« haben die strikten Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie mit Ausgangssperren und Versammlungsverboten die Zahl der registrierten Fälle noch weiter in die Höhe getrieben. Der kolumbianischen Tageszeitung El Espectador (Donnerstagausgabe) zufolge gingen bei »Temblores« zwischen dem 25. Februar und dem 3. September insgesamt 169 Anzeigen wegen Polizeigewalt ein.

Am Mittwoch wurde wie jedes Jahr am 9. September der Tag der Menschenrechte in Kolumbien begangen. Bei der offiziellen Veranstaltung der rechten Regierung von Präsident Iván Duque erklärte dessen Staatssekretärin Nancy Gutiérrez am Mittwoch, das Land »trage das Wort Versöhnung im Herzen«. Doch nicht nur die Ereignisse desselben Tages in Bogotá zeigen, dass den schönen Worten keine Taten folgen. Im laufenden Jahr kam es in Kolumbien bereits zu 53 registrierten Massakern an der Zivilbevölkerung, bei denen mehr als 200 Personen ermordet wurden. Täter sind zumeist paramilitärische Gruppen, die jedoch oftmals über Verbindungen in staatliche Strukturen hinein verfügen und besonders gegen linke Aktivisten auf dem Land vorgehen. Eine deutliche Verschlechterung der Menschenrechtslage in Kolumbien bescheinigte der Duque-Regierung sodann auch das Anwaltskollektiv »José Alvear Restrepo«. In einem am Mittwoch vorgestellten Bericht heißt es: »Dieses Jahr ist bislang geprägt von Rückschritten bei der Menschenrechtslage, einer Zunahme der Gewalt, einer gefährlichen Machtkonzentration und Angriffen auf die Unabhängigkeit der Justiz.«

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