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Aus: Ausgabe vom 11.09.2020, Seite 5 / Inland
Arbeitskämpfe in der BRD

Mit Kampfeslust

Automobilzulieferer Continental will Tausende Stellen streichen und Werke schließen – IG Metall organisiert Aktionswoche
Von Oliver Rast
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Noch nicht auf den Barrikaden, aber längst auf der Straße: Beschäftigte bei Continental kämpfen um Werkserhalt (Karben, 10.9.2020)

Kundgebungen vor Betrieben, Menschenketten auf öffentlichen Plätzen, Autokorsos durch Städte – die IG Metall (IGM) mobilisiert die Beschäftigten beim Automobilzulieferer Continental, vor allem in Hessen. Mit Grund: Die Konzernspitze will Stellen streichen, Werke dichtmachen. Das trifft auf Gegenwehr.

Am Donnerstag war der Höhepunkt der Aktionswoche, die am Montag begonnen hatte und am heutigen Freitag endet. Im IGM-Bezirk Mitte (Thüringen, Hessen und Rheinland-Pfalz) sind rund 14.000 Menschen bei Continental und dem Geschäftsbereich Vitesco beschäftigt. »Allein in unserem Bezirk droht 2.000 Kollegen der Arbeitsplatzverlust«, sagte der IGM-Pressesprecher Uwe Stoffregen am Donnerstag im jW-Gespräch. Nicht nur das: Das Werk in Karben mit rund 1.100 Beschäftigten steht nach Angaben des Betriebsrates auf der Streichliste. In der Belegschaft rumort es. Mit einer Menschenkette vom Conti-Werk zum Rathaus der Stadt mit anschließender Kundgebung protestierten knapp 1.000 Personen gegen die Konzernpolitik. »Die Stimmung war sehr kampfeslustig«, sagte Michael Erhardt, Erster Bevollmächtigter der Frankfurter IGM, am Donnerstag gegenüber jW. Es werde ziemlich sicher ein Kampf auf Continental zukommen, »den der Konzern noch nicht gesehen hat«, prognostiziert Erhardt.

Der Konzern dreht derweil weiter an der Eskalationsschraube: Das Programm trägt den unverfänglichen Titel »Transformation 2019–2029«, eine blumige Umschreibung für ein Demontagekonzept, finden Betriebsräte und Gewerkschafter. Von den weltweit über 232.000 Arbeitsplätzen bei Continental stehen rund 30.000 zur Disposition, bestätigte ein Unternehmenssprecher am Donnerstag gegenüber jW. Im Konzernsprech klingt das so: »Das heißt, sie (die Arbeitsplätze, jW) werden dabei verändert, verlagert oder aufgegeben.« 13.000 der fraglichen Jobs seien in Deutschland angesiedelt. Noch vor Wochen war zunächst von bis zu 20.000 Stellen insgesamt und 7.000 hierzulande die Rede.

Aus Sicht der Konzernspitze führt kein Weg an einer »Kostensenkung und Effizienzsteigerung« vorbei: Die fortdauernd geringe weltweite Fahrzeugproduktion sowie die Verschärfung der Konjunkturkrise durch die Auswirkungen der Coronaviruspandemie seien die Gründe. Und: »Das Unternehmen rechnet nicht vor 2025 mit einer Rückkehr auf das Vorkrisenniveau von 2017.«

Seit der angedrohten Kündigungswelle ist der Konzernbetriebsrat alarmiert. Dessen Vorsitzende Hasan Allak und Lorenz Pfau sprachen jüngst in einer Stellungnahme von einem »schweren Schlag« für Unternehmen und Belegschaft. »Der Vorstand greift zum bekannten Strickmuster: Umsatz runter, Kosten runter, Werke dichtmachen, Arbeitsplätze streichen«, kritisierten beide. Die Beschäftigtenvertreter sehen sich bestätigt. Bereits vor der Coronakrise hatten sie gemutmaßt, die Konzernspitze wolle den Strukturwandel in der Automobilbranche als Vorwand für die Abwicklung ohnehin unliebsamer Sparten benutzen. Der Beleg: »In diesen Zeiten eine Beschäftigungssicherung auszusprechen wäre nicht fair den Mitarbeitern gegenüber. Wir werden sie nicht garantieren können«, wird Ariane Reinhart, Personalvorstand von Continental, in einer Mitteilung vom 1. September zitiert.

Reaktionen kommen auch aus der Landespolitik. Der hessische Landesvorsitzende von Die Linke, Jan Schalauske, solidarisiert sich mit den Conti-Beschäftigten – gegenüber jW sagte er am Donnerstag: »Continental nutzt die Coronakrise schamlos aus, um längst gehegte Kahlschlagspläne zu rechtfertigen.« Die Forderung seiner Partei sei klar: »Massenentlassungen müssen bei profitablen Unternehmen verboten werden.« Sollte der Konzern sein Abbauprogramm in Hessen durchsetzen, treffe das die gesamte Region schwer. Lapidar ist hingegen die Antwort aus der Presseabteilung des Landeswirtschaftsministeriums unter Tarek Al-Wazir (Grüne): Die Landesregierung habe »selbstverständlich größtes Interesse am Erhalt möglichst vieler Arbeitsplätze bei Continental«, letztlich könne sie unternehmerische Entscheidungen aber nicht verhindern.

Ungeachtet dessen fällt das Erstfazit der Metaller positiv aus: »Die Solidarität ist werksübergreifend, wir konnten in den vergangenen Tagen die Beschäftigten breit mobilisieren«, stellte Stoffregen zufrieden fest. Die Aktionswoche sei kein Abschluss, sondern ein Auftakt der Proteste, versicherte der Gewerkschafter.

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