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Aus: Ausgabe vom 11.09.2020, Seite 2 / Ausland
Nach Brand auf Lesbos

»Jede Hilfe wird von den Behörden blockiert«

Nach Brand im Flüchtlingslager Moria: Kritik an griechischen Einsatzkräften und europäischer Abschottung. Ein Gespräch mit Axel Steier
Interview: Kristian Stemmler
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Geflüchtete auf einer Straße in Lesbos nach dem Feuer im Camp Moria (10.9.2020)

Seit dem Frühjahr ist Ihre Organisation auch im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos engagiert, Helfer von »Mission Lifeline« sind aktuell vor Ort. Wie ist die Lage nach den verheerenden Bränden im Camp?

Das Lager ist praktisch komplett zerstört. In der Nacht zum Donnerstag hat es erneut ein Feuer gegeben, weil es noch Brandherde gab, die nicht gelöscht worden waren. Rund 13.000 Menschen sind obdachlos. Sie müssen auf den Straßen und in den Wäldern leben und sind sich selbst überlassen. In die Stadt Mytilini, auch Sitz der Verwaltung auf Lesbos, werden sie nicht gelassen, die ist abgeriegelt. Die Lage ist dramatisch. Von uns NGOs können die Menschen kaum erreicht und versorgt werden, weil wir das nicht dürfen. Jede Hilfe wird von den griechischen Behörden blockiert. Man kommt an die Flüchtlinge über Schleichwege heran. Aber so lässt sich keine wirksame Hilfe organisieren. Dafür müsste man eine Infrastruktur aufbauen.

Müssten die Behörden nicht zumindest die Versorgung mit Trinkwasser und Nahrung übernehmen?

Das machen sie aber nicht. Im Gegenteil: Es sind noch Flüchtlinge mit Tränengas beschossen worden. Als es wieder gebrannt hat, liefen sie auf die Straße in Richtung Mytilini. Dann wurden sie urplötzlich mit Hunderten Gaskartuschen beschossen, komplett eingenebelt mit Tränengas. Darunter waren viele Kinder.

Wie bewerten Sie die Reaktionen auf die Katastrophe?

Die Bundesregierung hält nach wie vor daran fest, dass es eine gesamteuropäische Lösung für die Verteilung der Menschen geben muss. Damit redet man sich weiter heraus und entzieht sich der Verantwortung. Die Verantwortlichen fürchten sich mehr vor den Rechten als vor denen, die Menschlichkeit fordern. Solange das der Fall ist, wird sich daran nichts ändern.

Immerhin gehen hierzulande Tausende auf die Straße und fordern die sofortige Aufnahme der Flüchtlinge.

Das ist auch gut so. Aber man muss fragen, ob die Demonstrationen, wie sie »Seebrücke« und andere jetzt organisieren, ausreichend sind, um die Bundesregierung umzustimmen. Oder ob nicht andere Aktionsformen effektiver wären, zum Beispiel Blockaden. Das Auto ist doch des Deutschen liebstes Kind. Wenn zum Beispiel eine Autobahn gesperrt werden müsste, weil sich eine Demonstration dort entlang bewegt, wäre der Druck auf die Politik höher.

Welche Forderung stellen Sie auf?

Die 13.000 Menschen aus Moria könnte Deutschland sofort aufnehmen. Wir haben schon größere Aufnahmekontingente gewuppt. Wenn die Flugzeuge mit den Flüchtlingen in Frankfurt oder Berlin landen würden, wären Helfer da, die sie willkommen heißen, in Empfang nehmen und betreuen – die stehen bereit, da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Unsere Forderung geht aber noch weiter: Jeder Mensch soll sich aussuchen können, wo er oder sie leben will. Ich sehe es nicht ein, dass es vom Pass abhängig sein soll, wo man hinfahren, wo man leben darf.

Was die Brände in Moria angeht, war erstaunlich schnell von Brandstiftung die Rede.

Ja, dabei ist die Ursache noch völlig unklar. An dem Tag war Sturm. Wenn es da irgendwo brennt, breitet sich das angesichts der Verhältnisse rasend schnell aus. Dass sofort von Brandstiftung gesprochen wurde, ist das typische rechte Framing, das von der griechischen Regierung bis hin zu Nazis genutzt wird, um 13.000 Leute verrecken zu lassen.

Die Festlegung auf Brandstiftung ist sofort von rechts aufgegriffen worden. Von »moralischer Erpressung« ist die Rede, die eine »zweite Flüchtlingswelle« auslösen könne. So stellt es etwa Dieter Stein dar, Chefredakteur der Rechtspostille Junge Freiheit. Der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp sprach zynisch von »Einreise durch Brandstiftung«.

Wer so etwas von sich gibt, ist in meinen Augen Faschist. Die europäischen Regierungen müssen aufhören, sich von rechts unter Druck setzen zu lassen und solchen Inszenierungen durch ihre Abschottungspolitik auch noch Vorschub zu leisten.

Axel Steier ist Mitbegründer der Rettungsorganisation »Mission Lifeline« mit Sitz in Dresden

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