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Aus: Ausgabe vom 10.09.2020, Seite 8 / Ausland
Mali nach Militärputsch

»Das Scheitern des politischen Modells wurde offensichtlich«

Mali schon vor jüngstem Militärputsch in der Krise. Bevölkerung soll selbstbestimmt Ausweg finden. Ein Gespräch mit Issa N’Diaye
Interview: Martin Dolzer
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Teilnehmende einer Demonstration tragen ein Banner mit dem Konterfei von Assimi Goita, Anführer der Militärregierung in Mali (Bamako, 8.9.2020)

In Mali putschte das Militär und setzte Präsident Ibrahim Boubacar Keïta ab. Wie ist es aus Ihrer Sicht überhaupt soweit gekommen?

Der Militärputsch ist im Grunde das Ergebnis eines kontinuierlichen Prozesses der Zerstörung der Stabilität des Landes seit der französischen Militärintervention 2013, die infolge des NATO-Krieges in Libyen stattfand. Die zu dieser Zeit beschlossene Roadmap hat eine nahezu unentwirrbare Situation auf Grundlage der geopolitischen Interessen Frankreichs in der Sahelzone und der Fehler der herrschenden Klasse in ihrer Gesamtheit nach sich gezogen. Die lange andauernden Proteste haben zentrale Akteure innerhalb der Gesellschaft Malis auf den Plan gerufen und zum Putsch geführt. Dessen Hauptakteure sind junge Offiziere, die bestrebt sind, zu vermeiden, dass das Land im Chaos versinkt. Die Realität hat jedoch viele Nuancen und wirft die Frage auf, was substantiell hinter dem Putsch steckt und ob die Grundideen Bestand haben oder ob jede positive Dynamik durch regionalen und internationalen Druck erstickt wird.

In wessen Interesse handeln die Putschisten?

Eine tiefgehende Analyse ist kompliziert, insbesondere da einige Kräfte ihre wahren Ziele verbergen und grundsätzlich versuchen, sie ausschließlich hinter den Kulissen durchzusetzen. Die Frage ist, ob die Putschisten beginnen, die Forderungen der Protestbewegung umzusetzen oder sich letztlich eher auf die Seite der regionalen Eliten stellen, die international protegiert werden. Als dies 2013 ähnlich geschah und auf internationalen Druck schnell Wahlen durchgeführt wurden, führte das in die Sackgasse.

Wie sieht die aus?

Der Bankrott der bisherigen politischen Eliten ist offensichtlich. Bei den letzten Wahlen wurde systematisch betrogen. Allerseits wurden Stimmen gekauft und Bündnisse zum Machterhalt geschmiedet, es wurde systematisch manipuliert. Deshalb ist die Bevölkerung von Politik angewidert. Auch die sogenannte Zivilgesellschaft war Teil dieser Machenschaften und wurde dadurch eher zum Antriebsriemen der Entwicklungen als zur Gegenmacht. Religiöse Führer betätigten sich als Wahlunterstützer der Eliten oder zeigten selbst Ambitionen, aufgestellt zu werden. Gewerkschaften und Berufsvereinigungen engagierten sich derart und verspielten so ihr Ansehen. Es entwickelten sich zunehmend rein klientelistische Herangehensweisen. Das Scheitern dieses politischen Modells wurde nun offensichtlich.

Aber die Gründe für die Krise liegen nicht nur in Mali, oder?

Die Zerstörung Libyens, die in den Sturz Muammar Ghaddafis mündete, führte in der gesamten Region zu Chaos. Dschihadistische Horden konnten erstarken, auch in Mali. Die immensen Bodenschätze dort und in weiteren Ländern wecken immer größere Begehrlichkeiten. Sehr schnell sind Krieg und Destabilisierung in der gesamten Region zum Alltag geworden. Mali, Burkina Faso, Tschad und Niger befinden sich im Zentrum geostrategischer Interessen europäischer Regierungen und der USA. Unter dem Vorwand, den Dschihadismus zu bekämpfen, intervenieren die okzidentalen Armeen und vergrößern das Chaos. Der sogenannte Kampf gegen Terrorismus dient als Rechtfertigung für die Ausplünderung unserer Ressourcen, auf deren Verwertung der Reichtum der Amerikaner und Europäer basiert. Die Kriege in unserer Region sind zur DNA des globalisierten Kapitalismus geworden.

Welche Chance gibt es für eine positive Entwicklung in Mali?

Die momentane Krise kann sich nicht zum Wohle der Bevölkerung entwickeln, solange die Einmischung von außen nicht aufhört. Es ist das ausschließliche Recht der malischen Bevölkerung, über das Schicksal Malis zu entscheiden und Lösungen zu finden. Es führt in die Sackgasse, Sanktionen zu verhängen, um die jeweils eigenen Vorstellungen von guter Regierungsarbeit durchzusetzen.

Issa N’Diaye ist ehemaliger Bildungsminister Malis und Vorsitzender des »Forum Civique Mali«

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