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Aus: Ausgabe vom 08.09.2020, Seite 2 / Inland
Auswirkungen des EU-Grenzregimes

»Nicht nur im Mittelmeer sterben Tausende«

Initiative »Afrique-Europe-Interact« kämpft gegen Politik der Abschottung. Kooperation mit afrikanischen Aktiven. Gespräch mit Hans-Georg Eberl
Interview: Gitta Düperthal
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Geflüchtete gehen nachts über Bahnschienen auf einen Kontrollposten in Ungarn zu (Roszke, 13.9.2015)

Am Sonntag hat »Afrique-Europe-Interact« einen Aktionstag in Berlin unter dem Slogan »Für das Recht zu bleiben und das Recht zu gehen« veranstaltet. Was ist damit gemeint?

Wir wenden uns gegen Abschiebungen aus Europa und dagegen, dass Menschen aus afrikanischen Ländern, die ihr Herkunftsland verlassen wollen oder müssen, durch Grenzregimes an ihrer Bewegungsfreiheit gehindert werden. Migrationsdeals bewirken, dass afrikanische Regierungen Geld aus Europa erhalten, um Menschen an der Flucht zu hindern und in Lagern festzuhalten. Kontrollen zwischen den afrikanischen Ländern und entlang der Fluchtwege werden verschärft. Die EU investiert auf dem afrikanischen Kontinent in eine Politik zunehmender Repression. Die Lebensgefahr für Menschen, die sich entscheiden zu gehen oder keine andere Wahl haben, vergrößert sich.

Beim Aktionstag wollten wir an den »March of Hope« vor fünf Jahren erinnern. Damals kamen Tausende über die Balkanroute in die EU: nicht nur aus dem nahen und mittleren Osten, aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, sondern auch aus afrikanischen Ländern. Dafür wurde der Begriff Flüchtlingskrise geprägt. Wir aber sprechen für das Recht auf Ankommen, das sich die Menschen erkämpft haben. Auch afrikanische Aktivistinnen und Aktivisten haben sich am Sonntag mit Rede- und künstlerischen Beiträgen im Görlitzer Park hierfür eingesetzt.

Worum geht es, wenn vom Zusammenwirken von Afrika und Europa die Rede ist?

Wir arbeiten gleichberechtigt mit ­afrikanischen Aktivistinnen und Aktivisten zusammen, um eine Analyse der Situation zu erstellen und Ideen für politisches Handeln zu sammeln. Wir unterstützen Gruppen etwa in Burkina Faso, Togo, Marokko oder Tunesien bei deren Aktionen vor Ort. Wir sind auch selbst tätigt, um unsere Kritik an den europäisch-­afrikanischen Beziehungen klarzumachen. Hierzu befinden wir uns im Austausch mit unseren afrikanischen Freundinnen und Freunden, damit deren Perspektive aufgezeigt wird.

Zum Beispiel?

Die aktuelle Krise in Mali darf nicht nur durch die europäische Brille betrachtet werden. Hiesige Medien verbreiten die Sicht: Mali sei ein Krisenland, weshalb man die Bundeswehr dorthin schicken müsse, um vermeintliche Sicherheit wiederherzustellen. Nahezu einhellig verurteilen sie den Sturz des malischen Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta und seiner als korrupt geltenden Regierung durch Kräfte des Militärs im August. Uns ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die afrikanischen Aktivistinnen und Aktivisten und große Teile der Bevölkerung das anders sehen.

Schon seit Monaten war in Bamako und anderswo im Land eine starke Bewegung auf der Straße. Sie feiert den Putsch und sieht ihn als Chance. Aus deren Sicht betrieb die Regierung den Ausverkauf des Landes im Interesse imperialistischer Staaten, während es den Menschen in Mali immer schlechter ging. Wir wollen ihrer Sichtweise Gehör verschaffen, die oft konträr zu der europäischer Regierungsvertreter ist. Denen geht es meist um Migrationsverhinderung sowie weiteren Zugriff auf Rohstoffe aus afrikanischen Ländern, um diese zu möglichst günstigen Konditionen zu erlangen. So kann und darf es nicht weitergehen.

Ihre Initiative betreibt ein sogenanntes »Alarmphone Sahara«. Was verbirgt sich dahinter?

Nicht nur im Mittelmeer sterben tausende Geflüchtete. Viele sterben auch beim Versuch, die Wüste zu durchqueren. Sie können uns anrufen, wenn sie dort in eine Notlage geraten. Wir informieren dann beispielsweise lokale Institutionen oder Organisationen wie die »Internationale Organisation für Migration« oder »Ärztinnen und Ärzte ohne Grenzen«. Wie viele Menschen auf dem afrikanischen Kontinent in Lagern festsitzen, wird kaum registriert. Wir dokumentieren das Geschehen auf den Fluchtrouten.

Was hat sich seit der Pandemie verändert?

Durch die Coronakrise ist es für die Menschen schwieriger geworden, die Grenzen zu überwinden. Ebenso blockiert ist der Weg zurück ins Herkunftsland. Als Reaktion darauf haben Freundinnen und Freunde in Niger eine kollektive Küche für in der Hauptstadt Agadez gestrandete Migrantinnen und Geflüchtete eingerichtet. Doch auch deren eigene Lebenssituation wird prekärer, Zusammenzutreffen mit uns finden kaum noch statt.

Hans-Georg Eberl ist Aktivist der Initiative »Afrique-Europe-Interact« seit der Gründung des Netzwerkes im Jahr 2010

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