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Aus: Ausgabe vom 05.09.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Irrtum und Wahn

Von Arnold Schölzel
Der Schwarze Kanal: »Irrtum und Wahn«
Der Schwarze Kanal: »Irrtum und Wahn«
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Sollte irgend jemand in Moskau irgendwann die Idee gehabt haben, durch Förderung angeblich junger, frischer Bewegungen für sogenannte bürgerliche Werte die Bundesrepublik oder gleich die ganze EU in ihrem Aggressionseifer gegen Russland beirren zu können, der konnte am Sonnabend Früchte seines Geistesblitzes vor der russischen Botschaft in Berlin besichtigen: Tausende „Reichsbürger“, die Deutschland in den Grenzen von 1914 wiederhaben möchten, riefen dort gemeinsam mit AfD-Führungspersonal, einem Kochbuchautor und mit Stiernackennazis nach Wladimir Putin und einem Friedensvertrag mit dem Deutschen Reich aus seiner Hand. Von Trump wollten sie den auch haben. Als statt dringender medizinischer Hilfe die Polizei erschien, griffen die Liebhaber der kaiserlichen und der Führerordnung zu Wurfgeschossen und wurden zu Hunderten abgeführt. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.

Oder doch. In deutschen Großmedien gilt: Gegen Russland muss Krieg geführt werden, bevor der beginnt. 1914 und 1941 können kein Irrtum gewesen sein. Zu dieser Sachlage passt ein Wort des in diesen Tagen viel zitierten Philosophen Hegel: »Es ist aber im Konkreten oft schwer zu sagen, wo er (der Irrtum, A. S.) anfängt, Wahnsinn zu werden. So kann eine heftige, aber ihrem Gehalte nach geringfügige Leidenschaft des Hasses usf. gegen die vorauszusetzende höhere Besonnenheit und Halt in sich als ein Außersichsein des Wahnsinnes erscheinen.« Bei dem stehe eben ein leibliches Gefühl im Widerspruch zur »Totalität der Vermittlungen«, die das konkrete Bewusstsein sei.

Hegel fand die Psychosomatik gut, die Lehre, nach der auch Krankheiten des Kopfes etwas mit körperlichen Vorgängen und sozialen Verhältnissen zu tun haben. Er wäre deswegen gut geeignet, z. B. die Diagnose zu einem Artikel zu stellen, den die im Spiegel-Impressum als »Blattmacherin« verzeichnete Juliane von Mittelstaedt im ehemaligen Nachrichtenmagazin am 29. August veröffentlichte. Überschrift: »Vergiftetes Verhältnis. Der Fall Nawalny zeigt einmal mehr, dass es eine entschlossene Politik gegenüber Moskau braucht – und Deutschland sollte diese anführen«. Frau von Mittelstaedt hatte demnach einen Vorfall in Sibirien noch vor Bundeswehr-Labor und Kanzlerin aufgeklärt. Folgerichtig forderte sie deutsche Führung in der Bewegung des Westens gegen Russland.

Die Spiegel-Frau gibt sich dabei allerdings geringen Leidenschaften hin, z. B. der für Nawalny-Superlative und Putin-Sammelbeschimpfungen. Ihr gilt Nawalny »als größte, ja als einzige Hoffnung auf einen demokratischen Wandel in Russland«. Zum Staatschef dagegen schrieb sie: Es ist »Putins System, das diese Tat geschehen ließ«, der Präsident »ist eine destruktive Kraft der Weltpolitik«, »hat offenbar Angst«. Proteste in Belarus und Chabarowsk? »In den Augen eines paranoiden Herrschers wirkt all das wie ein Flächenbrand«, »die Eskalation ist ja gerade sein Ziel«. Die Blattmacherin zerbricht sich nicht suchend den Kopf des Moskowiters, sie kennt bereits alles darin. Paranoid ist das nicht, es dient einem höheren Zweck: Am deutschen Wesen soll diesmal vorerst die EU genesen. Frau von Mittelstaedt verlangt von der Bundesregierung, in Moskau nicht nur Aufklärung zu fordern, sondern endlich eine »gemeinsame Außenpolitik ohne das Vetorecht einzelner Mitglieder« in der EU durchzusetzen. Die wäre damit »für Putin eine ernst zu nehmende Macht – und für die Oppositionellen in Russland das Zeichen, dass sie nicht alleingelassen werden«. Denn russische Opposition ist unser.

Vom politischen Irrtum führt ein kurzer Weg zum imperialen Größenwahn. Der aber verbindet – zumindest schon mal »Reichsbürger« und Spiegel.

In deutschen Großmedien gilt: Gegen Russland muss Krieg geführt werden, bevor der beginnt. 1914 und 1941 können kein Irrtum gewesen sein.

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Debatte

  • Beitrag von Ralf S. aus G. ( 5. September 2020 um 16:13 Uhr)
    Interessante Nuancen. Das präferierte Argument ist jetzt überwiegend nicht mehr, dass Putin den Mord(-versuch) persönlich in Auftrag gegeben hat, was bei der Personifizierung des bösen Russland in der Person des skrupellosen Oberschurken und Ex-KGB-Agenten Putin durchaus anzunehmen wäre. So sind sich die US-Geheimdienste z. B. sicher, dass Putin persönlich die Einmischung in den US-Wahlkampf 2016 befohlen haben soll. Woher die das wissen, ist natürlich geheim. Oder man erinnere sich an den Spiegel-Titel »Stoppt Putin jetzt!« Nein, man verspricht sich wohl mit der schwammigeren Version: »Er steckt vielleicht nicht unmittelbar persönlich dahinter (was auch schwerlich zu belegen wäre), hat es aber geschehen lassen«, mehr Wirkung und Glaubwürdigkeit. Die Beweisführung dabei ist ja eher abstrakt, es ist das »System Putin«, das quasi ideell schuldig ist. Denn in der Tat, wenn man’s mit der Propaganda übertreibt, bewirkt sie mitunter das Gegenteil.

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