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Aus: Ausgabe vom 02.09.2020, Seite 12 / Thema
Klimawandel

Klimakrise im Krisenklima

Vorabdruck: Wie wird die Klimakrise von Jugendlichen wahrgenommen? Wird der Zusammenhang mit dem Kapitalismus verstanden? Eine Befragung von Azubis und Klimaaktivisten liefert Aufschlüsse
Von Luca Karg und Maurice Laßhof
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Ist die Rede von der politischen Jugend, sind oft »Fridays for Future« gemeint, aber auch junge Arbeiter wie hier die Opel-Azubis in Wiesbaden (23.5.2019) gehören dazu

In diesen Tagen erscheint von Z. Zeitschrift für marxistische Erneuerung die Nummer 123. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung der Z-Redaktion und der Autoren den Aufsatz »Klimakrise im Krisenklima« von Luca Karg und Maurice Laßhof in redaktionell gekürzter Fassung. (jW)

Die Klimakrise ist Produkt der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Neben der Verwertung von Arbeitskraft greift die kapitalistische Produktion auf die Natur und deren Ressourcen als wichtigste Quelle gesellschaftlichen Reichtums zu. Marx hatte dies frühzeitig beleuchtet: »Die Arbeit ist nicht die Quelle alles Reichtums. Die Natur ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die Äußerung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft.«¹

Neben der Ausbeutung von Arbeitskraft verwertet die kapitalistische Produktion von Gebrauchswerten natürliche Ressourcen und erzeugt Ausschüsse in einem Ausmaß, das die Lebensbedingungen auf dem Planeten grundlegend gefährdet. Vor allem die Verbrennung fossiler Brennstoffe in Verbindung mit der Rodung von Wäldern hat zu einem drastischen Anstieg von Treibhausgasen in der Atmosphäre geführt, sodass die globale Temperatur inzwischen rund ein Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau liegt. Gleichzeitig hat sich der individuelle Konsum seit 1945 in einem ungeahnten Ausmaß ausgeweitet und trägt zur Belastung des Klimas bei. Die Auswirkungen des »ökologischen Imperialismus«² manifestieren sich heute in dem Abschmelzen von Gletschern und der Polkappen, der Zunahme von Überschwemmungen und Dürren, der Übersäuerung der Meere sowie dem Anstieg des Meeresspiegels.

Gibt es »die Klimajugend«?

Am 20. August 2018 demonstrierte Greta Thunberg zum ersten Mal vor dem schwedischen Parlament für mehr Klimaschutz. Seitdem erfuhr die Ökologiebewegung weltweit einen Aufschwung. Unter dem Motto »Fridays for Future« (FFF) bildete sich eine global auftretende Jugendbewegung, die ihre Aktions- und Mobilisierungsfähigkeit verstetigen konnte und bis zum »Lockdown« der Coronakrise freitags auf den Straßen für den Schutz des Klimas streikte. Die Klimakrise avancierte hierbei zur zentralen Arena politischer Auseinandersetzung und war vollends im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit angelangt. Zunächst wandte sich FFF an die Politik mit konkreten, auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützten Forderungen wie Einhaltung der Pariser Klimaziele und des 1,5-Grad-Ziels, Reduktion der CO2-Emissionen bis zum Jahr 2035 auf Nettonull sowie gleichzeitige Umstellung der Energieversorgung auf 100 Prozent erneuerbare Energieträger. Zudem mahnte FFF die Zivilgesellschaft, das individuelle Konsumverhalten klimagerecht anzupassen. Grundsätzlich wird der zugrundeliegende Widerspruch zwischen dem kapitalistischen Wachstumszwang und der Zerstörung ökologischer Werte von FFF erkannt, doch setzte die deutsche FFF-Sektion mit der konkreten Forderung einer CO2-Bepreisung von 180 Euro pro ausgestoßene Tonne hauptsächlich auf Marktmechanismen zur Überwindung der Klimakrise. Ein politischer Gesamtplan existiert bisher nicht.

Während die Klimakrise u. a. zum neuerlichen Aufbegehren der weltweiten Ökologiebewegung führt, ist es das diskursiv vermittelte Bild der FFF-Bewegung, welches »die Jugend« kurzerhand als deren symbolischen Vorreiter stilisiert. Doch es sollte mit Skepsis betrachtet werden, ob es in der Jugend tatsächlich konvergierende Einstellungen hinsichtlich der Klimakrise gibt; Auszubildende sind anders vom gesellschaftlichen Umgang mit der Krise betroffen als Schülerinnen und Schüler sowie Studierende.

Diesem Problem sind wir in einer eigenen, noch unabgeschlossenen Erhebung genauer nachgegangen. Zum Thema »Jugend in der Krise« haben wir eine Forschungsmethode angewandt, die quantitative und qualitative Befragungen mit der Methode der Teilnehmenden Beobachtung kombiniert. Die Befragung konzentriert sich auf die politischen Einstellungen von 216 Auszubildenden der Automobilproduzenten Opel im Werk Rüsselsheim und Volkswagen in Kassel-Baunatal sowie von 483 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der »Fridays for Future«-Demonstrationen. Ebenso wird ihre Sichtweise auf die (Klima-)Krise untersucht. Die Erhebungen wurden bei den betrieblichen Jugendversammlungen der Auszubildenden sowie beim Global Climate Strike am 20. September 2019 in Darmstadt durchgeführt. Das Erhebungsdesign beansprucht keine Repräsentativität, da es mit Blick auf FFF keine Daten über die Grundgesamtheit der Samples gibt. Dennoch erlauben es die für eine quantitative Erhebung vergleichsweise hohen Fallzahlen, insgesamt recht präzise analytische Schlüsse zu ziehen und generalisierbare Aussagen zu treffen.

Die Krise in der Automobilbranche

Gerade Auszubildende der Automobilindustrie sind von tiefen strukturellen Umbrüchen betroffen und befinden sich in einer eigenen, den Arbeits- und Ausbildungsplatz betreffenden Krise. Die klimapolitischen Forderungen von FFF, insbesondere Kritik am Verbrennungsmotor sowie am motorisierten Individualverkehr, betreffen sie ebensosehr wie die akute (digitale) Transformation der Industrie, verbunden mit der Umstellung auf Elektroantriebe für Kfz, betrieblichen Umstrukturierungen, Auslagerungen und Arbeitsplatzabbau. Und in der Tat, erste Studien weisen darauf hin, dass der Abbau von Arbeitsplätzen im Zuge der Elektrifizierung der Automobilindustrie dramatisch sein könnte. Die Elab-2.0-Studie des Fraunhofer Instituts prognostiziert einen Abbau von ca. 100.000 Arbeitsplätzen in der Kernindustrie. Alleine der Volkswagen-Konzern hatte bis Ende des Jahres 2019 23.000 Stellen gestrichen. Beim in die Befragung einbezogenen VW-Werk Kassel-Baunatal stehen 4.000 Stellen zur Disposition.

Für die Auszubildenden bei Opel in Rüsselsheim verschärft sich die Krisenerfahrung: Seit der (US-)amerikanische Automobilkonzern General Motors Opel im Jahr 2017 an den französischen Mutterkonzern Group Peugeot Société Anonyme (PSA) verkauft hat, ist der von 1999 bis 2017 rote Zahlen schreibende Automobilhersteller einem bis dato andauernden Sanierungsregime unterworfen. Gab es bei der Übernahme noch rund 19.000 Beschäftigte bei Opel, so haben seit Mitte 2018 6.800 Beschäftigte einem vorzeitigen »sozialverträglichen« Ausstieg zugestimmt.³ Insbesondere das Stammwerk Rüsselsheim erlebt zahlreiche Abbaumaßnahmen und Ausgliederungen. So ist das Entwicklungszentrum ITEZ größtenteils in den Entwicklungsdienstleister Segula Technologies ausgegliedert worden – inklusive Auftragsgarantie und einer Mitgift von 300 Millionen Euro. In einem Drei-Phasen-Programm wechselten 700 Ingenieurinnen und Ingenieure zu Segula; 1.400 wählten eine Abfindung.⁴ Aufgrund der Elektrifizierung sowie schon länger vorhandener Überkapazitäten, verstärkt durch die Fusion mit Fiat-Chrysler, wird der rigorose Arbeitsplatzabbau bei Opel fortgesetzt. Laut einem am 13. Januar 2020 bekanntgewordenen »Eckpunktepapier« sollen bis Ende 2021 weitere 2.100 Stellen vernichtet werden; im Gegenzug verspricht der Konzern eine Verlängerung des Ausschlusses betriebsbedingter Kündigungen bis 2025.

In der Rüsselsheimer Lehrwerkstatt planten die PSA-Konzernführung und die Opel-Unternehmensleitung im Zuge der Sparmaßnahmen eine drastische Reduktion der neuen Ausbildungsjahrgänge: Von bisher 184 Ausbildungsplätzen pro Lehrjahr sollten zunächst gar keine, später noch 60 übrigbleiben. Dagegen demonstrierten am 23. Mai 2019 die Auszubildenden und deren Vertreterinnen und Vertreter unter dem Slogan »Über 150 Jahre Tradition braucht über 150 Azubis!« vor dem Hessischen Landtag. Die Demonstrierenden forderten die anwesenden Fraktionsvertreterinnen und -vertreter zur Unterstützung auf – der Antrag »Gute Ausbildung bei Opel erhalten« der Fraktionen Die Linke und SPD wurde im Landtag dennoch abgelehnt.

Energischer Druck der Auszubildenden auf die Unternehmensleitung konnte in den Verhandlungen um den Astra immerhin erreichen, dass die jährliche Einstellung von 120 Auszubildenden bis einschließlich 2022 zugesichert wurde. Im Gegenzug verzichtete die Belegschaft auf das tarifliche Zusatzgeld, und das »Freiwilligenprogramm« zum weiteren Arbeitsplatzabbau wurde wieder aufgenommen. Dadurch wird die Belegschaft jünger und kostengünstiger. In der Verhandlung um das »Eckpunktepapier« konnten die IG Metall und der Betriebsrat eine Übernahmegarantie für die derzeit 300 Auszubildenden in Rüsselsheim erreichen. Dennoch sind die Ausbildungsbedingungen durch permanenten Rationalisierungsdruck, Kurzarbeit und eine Atmosphäre der Angst und Intransparenz belastet.

Postdemokratie

Ein allgemeines Wachstum sozialer Bewegungen und Proteste sowie deren Forderungen zeugen von einer Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik und einer Krise der politischen Repräsentation. Bereits 2004 legte Colin Crouch mit seinem Essay »Post-Democracy« eine Zeitdiagnose vor, welche die Aushöhlung und Entwertung des parlamentarischen Repräsentativsystems beschreibt. Mit dem Begriff »Postdemokratie‹ bezeichnet er »ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten werden, Wahlen, die sogar dazu führen, dass Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten zuvor ausgewählt haben. (...) Im Schatten dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht: von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.«⁵

Ausschlaggebend für diese Entwicklung ist die ungezügelte Dominanz privatkapitalistischer Wirtschaftsinteressen bis hin zu einem »autoritären Kapitalismus«, die sich in der Ausweitung wirtschaftslobbyistischer Spielräume und einer Form der Politik ausdrückt, die auf staatlich-regulative Interventionen in die kapitalistische Ökonomie weitestgehend verzichtet. Grundsätzlich ist die Kulisse einer funktionierenden Demokratie formell intakt, jedoch nimmt der Demos (griechisch für Volk/Staatsvolk; jW) nur noch eine schwache Position ein. Seit der erstmals 2004 erschienenen englischen Ausgabe seiner postdemokratischen Zeitdiagnose haben sich die in Crouchs Analyse ausgemachten Symptome verstärkt, so dass die Krise der Demokratie längst zum Thema politischer und wissenschaftlicher Debatten geworden ist.

Die Häufung sozialer und politischer Proteste steht nicht im Widerspruch zu Crouchs Analyse. Zwar ist sie Crouch zufolge Ausdruck einer starken liberalen Gesellschaft, jedoch nicht einer starken Demokratie: »Demokratie erfordert ein gewisses Maß an Gleichheit, was die tatsächlichen Möglichkeiten aller Bürger angeht, auf die politischen Entscheidungen einzuwirken. Der Liberalismus dagegen setzt auf freie, vielfältige und weitreichende Möglichkeiten, die Ergebnisse politischer Prozesse zu beeinflussen.«⁶ Die Ressourcen und Möglichkeiten, die einzelnen Gruppen zur Verfügung stehen, variieren stark. Crouch verdeutlicht dies am Beispiel der Parteienfinanzierung. Doch auch unabhängig von finanziellen Aspekten haben verschiedene Gruppen nicht die gleichen Möglichkeiten und Ressourcen, politischen Einfluss zu nehmen. Während FFF mit dem unkonventionellen Mittel des Schulstreiks – eine Art Verweigerung der Reproduktion ihres gesellschaftlichen »Humankapitals« – ihren Forderungen Nachdruck verleiht, blockiert das Verbot des politischen Streiks die außerbetriebliche Interessenartikulation von Lohnabhängigen.

Die unterschiedlichen Möglichkeiten demokratischer Partizipation am politischen System bestimmen die Chancen, die Ergebnisse politischer Entscheidungsprozesse (Policy-Output) zu beeinflussen. So zeigt etwa Lea Elsässer, dass die subalternen Klassen im Vergleich zu privilegierten Klassen nur sehr geringen Einfluss auf diesen Policy-Output haben.⁷ Zudem ist der tatsächliche Policy-Output ebenfalls klassenspezifisch gefärbt: Insbesondere im Feld der Arbeits- und Sozialpolitik sind die Kenntnisnahme (»Responsivität«) und Repräsentation der unteren Klassen verzerrt. So kann konstatiert werden, dass der Bundestag innerhalb der letzten 30 Jahre größtenteils politische Entscheidungen getroffen hat, die nicht den Interessen kulturell und materiell schlechter gestellter Menschen entsprechen.

Perzeptionen der Krise

Der angestrebte Vergleich zwischen »Fridays for Future« und den Auszubildenden in der Automobilindustrie ermöglicht es, das jeweilige Krisenempfinden zu kontrastieren und die Wahrnehmung politischer Partizipation auf Momente der Postdemokratie zu untersuchen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen können Kooperationspotentiale abgeleitet werden. Von uns ebenfalls erhobene sozialstrukturelle Zusammenhänge ermöglichen einen noch differenzierteren Blick, können hier aus Platzgründen aber nicht ausführlich referiert werden. Dennoch lohnt es, einige zentrale Ergebnisse anzuführen.

Schaut man vorerst auf die Altersverteilung der beiden Gruppen, lässt dies eine deutlich jüngere FFF-Sektion erkennen: 24,8 Prozent der Klimademonstrantinnen und -demonstranten sind gegenwärtig unter 18 Jahren, die Auszubildenden dagegen nur zu knapp drei Prozent. Der größte Teil beider Untersuchungsgruppen befindet sich zwischen dem 18. und 21. Lebensjahr (FFF = 37 Prozent, Azubis = 54,6 Prozent). Während an der FFF-Erhebung 56 Prozent Frauen und 44 Prozent Männer teilnahmen, verweisen die Daten der Erhebung im betrieblichen Ausbildungszentrum auf einen klaren Überhang an Männern (74 Prozent, Frauen 26 Prozent). Hinsichtlich des Bildungsstandes ist auffällig, dass die FFF-Demonstrantinnen und -demonstranten aktuell einen insgesamt hohen Bildungsabschluss anstreben: 38 Prozent haben das Abitur im Blick, 35,1 Prozent gehen auf den Bachelor-Abschluss zu. Der höchste zurückliegende Bildungsabschluss der Auszubildenden ist bei 41 Prozent das Abitur, gefolgt von der Mittleren Reife (29,7 Prozent) und der Fachhochschulreife (23,6 Prozent).

Die Auswertung der Frage »Wie wichtig sind Dir folgende Themen?« lässt ein klares Meinungsbild der Befragten erkennen: Die Klimakrise dominiert hierbei freilich die relevanten politischen Topoi der FFF. Aber auch die Auszubildenden sehen in ihr und im anhaltenden gesellschaftlichen Diskurs um die Forderung nach Klimagerechtigkeit einige Bedeutung. Sozialpolitische Themen wie Bildung, Rassismus oder Infrastruktur sind für sie ähnlich zentral. Während die junge Ökologiebewegung also die Klimakrise als eine der komplexesten Krisen der Menschheitsgeschichte skandalisiert, ist deren gesellschaftliche Bearbeitung für die Auszubildenden eine unter vielen wichtigen Aufgaben. Entscheidend ist jedoch die Erkenntnis, dass der Fokus beider Gruppen insgesamt auf denselben politischen Themen liegt: Klimakrise, Bildung, Rassismus, Infrastruktur sowie die Armuts- und Reichtumsverteilung sind Kernthemen ihrer politischen Interessen.

Die undifferenzierte mediale Bezugnahme auf die »Klimajugend« suggeriert fälschlicherweise deren Homogenität und verdeckt die Unterschiede zwischen den Interessen der hier untersuchten Gruppen – damit wird v. a. die sozialstrukturelle Gebundenheit ihrer jeweiligen Belange übertönt. Besonders veranschaulichen das die Zustimmungsergebnisse für das Statement: »Umweltschutz ist wichtiger als der Erhalt von Arbeitsplätzen«. Während 33,7 Prozent bzw. 37,2 Prozent der jungen Klimademonstrantinnen und -demonstranten dieser Aussage eher bzw. voll zustimmen, also insgesamt 70,9 Prozent, sind es die Auszubildenden, die sich akut wie künftig von den tiefen strukturellen Umbrüchen einer ökologischen Transformation betroffen sehen: Der hohe Zustimmungswert der mittleren Kategorie »teils/teils« (41,1 Prozent) lässt erkennen, dass die jüngsten Erfahrungen der anhaltenden Transformationskrise in der Automobilindustrie erhebliche Dissonanzen hinsichtlich des als richtig empfundenen Umgangs mit der Klimakrise produzieren (10 Prozent der Azubis stimmen der Aussage voll und 17 Prozent eher zu, 21 Prozent stimmen eher nicht zu). Die Auszubildenden erkennen ihre politische Bedeutung ebensosehr, wie sie sensibel für die sozialen (oder ganz persönlichen) Folgen einer neuen Klimapolitik sind: Konkret bedeutet das eine Bedrohung ihrer Arbeitsplätze.

Die Abwehr des Klimawandels steht für die FFF-Aktivistinnen und -aktivisten im Vordergrund. Zur Lösung des Problems sehen sie aber andere in der Pflicht, vor allem die Politik. Was für die Auszubildenden perspektivisch notwendig scheint – eine umfängliche soziale Kompensation der ökologischen Transformation –, wird von den Klimademonstrantinnen und -demonstranten zwar zugestanden, jedoch dem Primat der Umsetzung ihrer Klimaforderungen untergeordnet. Nicht zuletzt aus diesem Grund stoßen die Forderungen von FFF bei der Mehrheit der lohnabhängig Beschäftigten nur begrenzt auf Resonanz, teilweise auf Skepsis. Umgekehrt sind auch die Wahrnehmung gewerkschaftlicher Kämpfe und das Verständnis dafür in der jungen Ökologiebewegung weiterhin schwach. Es kann konstatiert werden, dass FFF mitnichten als Stellvertreter politischer Interessen und Forderungen der vermeintlich homogenen Jugend begriffen werden darf. Zwar liegt der Fokus der befragten Jugendgruppen auf den gleichen politischen Themen, jedoch zeigen sich deren Heterogenität und divergierende Interessen am Konfliktherd um Beschäftigungssicherung.

Einigkeit in der Schuldfrage

Die Folgen einer veränderten Klimapolitik werden demnach ungleich gesehen. Einig sind sich Auszubildende und FFF-Aktivistinnen und -aktivisten jedoch hinsichtlich getroffener Schuldzuschreibungen: Unisono attestieren sie Großkonzernen, der »Politik« und dem Lebensstil der Bevölkerung viel oder gar sehr viel Schuld an der Klimakrise. Großkonzerne benennen sie als zentral verantwortlich. Übereinstimmend nehmen beide befragte Gruppen die ungleich verteilte gesellschaftliche Macht wahr: Großkonzerne werden als die mächtigsten gesellschaftlichen Akteure gesehen; im Durchschnitt sprechen ihnen beide Gruppen »viel Macht« zu. Im Ranking folgen Medien – dann erst Parteien. Ihre eigenen Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Einflussnahme schätzen sie wesentlich geringer ein. In Summe konvergiert die Bewertung der Befragten mit dem von Crouch postulierten Machtdifferential einer Postdemokratie.

Gegenüber dem kapitalistischen Wirtschaftssystem bringen die Befragten ein grundsätzliches Misstrauen zum Ausdruck: 53,5 Prozent der FFF-Aktivistinnen und -aktivisten und 42,9 Prozent der Auszubildenden gaben an, diesem »wenig Vertrauen« entgegenzubringen; 39,4 Prozent der Klimademonstrantinnen und -demonstranten und 33,7 Prozent der Auszubildenden antworteten mit »teils/teils«. Erkennbar wird eine fundamental sozialkritische Einstellung, die zwar beiden Gruppen attestiert, deutlicher aber den befragten Klimademonstrantinnen und -demonstranten zugesprochen werden kann.

Trotz sozialstruktureller Unterschiede und differenter (Klima-)Krisenperzeption verweisen die Erhebungsdaten auf viele Gemeinsamkeiten beider Gruppen. Beide sind an ähnlichen politischen Themen interessiert, äußern hinsichtlich der Klimakrise die gleichen Schuld- und Machtzuschreibungen und weisen die gleichen postdemokratischen Einstellungsmuster auf. Ebenso kann beiden Gruppen ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Kapitalismus und die Bereitschaft zu politischem Engagement attestiert werden. Diese Schnittmenge von gleichen oder ähnlichen Wahrnehmungen bietet – unter Voraussetzung gegenseitigen Verständnisses – Anknüpfungspunkte zur Forcierung neuer zivilgesellschaftlicher Machtpotentiale.

Erst eine Allianz aus sozialen Bewegungen im gesellschaftlichen Raum und betrieblich Beschäftigten sowie deren Interessenvertreterinnen und -vertreter ermöglicht die Erschließung von »Kooperationsmacht«⁸. Die FFF-Bewegung hat zwar die Moral und den politischen Diskurs auf ihrer Seite, doch ist sie im Konflikt mit Konzernen um deren beständige Inwertsetzung der Natur und Externalisierung von Kosten auf starke Verbündete im Betrieb angewiesen. Dafür gilt es zu unterstreichen: Die Klimafrage darf nicht auf Kosten der Lohnabhängigen bearbeitet werden. Ebenso benötigen Gewerkschaften in tariflichen Auseinandersetzungen zur Transformation und Sicherung bedrohter Arbeitsplätze und Einkommen gesellschaftlichen Rückhalt: Praktizierte Solidarität von und mit FFF schafft höhere Legitimität von Forderungen nach Arbeitsplatzerhalt und tariflicher Absicherung im gesellschaftlichen Diskurs. Die Klimakrise darf kein Spaltkeil sein, sie ist gesellschaftlicher Imperativ. Ihre nachhaltige Bearbeitung benötigt Solidarität, gemeinsame Konzepte und ausreichend Kooperationsmacht – vor allem im Kontext postdemokratischer Klassenpolitik.

Anmerkungen

1 Karl Marx: Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei. In: Marx-Engels-Werke (MEW) Band 19. Berlin, 1987, S. 15

2 Kohei Saito: Natur gegen Kapital. Marx’ Ökologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus. Frankfurt am Main/New York 2016, S. 231

3 Peter Stahn: Opel: Mensch vor Marge? Fehlanzeige! In: Sozialismus 2/2020. S. 57–59, hier: S. 57

4 Ebd.

5 Colin Crouch: Postdemokratie. Frankfurt am Main 2018, S. 10

6 Ebd., S. 26

7 Lea Elsässer: Wessen Stimme zählt? Soziale und politische Ungleichheit in Deutschland. Frankfurt am Main/New York 2018, S. 120 ff.

8 Arbeitskreis Strategic Unionism: Jenaer Machtressourcenansatz 2.0. In: S. Schmalz & K. Dörre (Hrsg.), Comeback der Gewerkschaften? Machtressourcen, innovative Praktiken, internationale Perspektiven. Frankfurt am Main, 2013, S. 345–375

Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 123, September 2020, 10 Euro, bestellbar unter http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/

Luca Karg und Maurice Laßhof studieren Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt, arbeiten dort als studentische Hilfskräfte am Institut für Soziologie und betreiben kritische Arbeits-, Organisations- und Protestforschung. An ihrer Forschung sind auch Felizitas Freundt, Maren Hassan-Beik, Klara Oeser und Joshua Seger beteiligt. Ulrich Brinkmann und Daniel Behruzi unterstützen den Forschungsprozess.

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Debatte

  • Beitrag von Hagen R. aus R. ( 2. September 2020 um 09:06 Uhr)
    »Eine umfängliche soziale Kompensation der ökologischen Transformation – wird von den Klimademonstrantinnen und -demonstranten zwar zugestanden, jedoch dem Primat der Umsetzung ihrer Klimaforderungen untergeordnet.«

    Ja, wie denn auch sonst? Man kann doch keine Kompensationszahlungen fordern, ohne dass es die Klimaschutzmaßnahmen gibt! Wobei ich der Privatindustrie (und gerade der Automobillobby) sogar das zutrauen könnte.
  • Beitrag von Joel K. aus G. ( 2. September 2020 um 11:39 Uhr)
    Die Klimafrage sollte als Klassenfrage behandelt werden. Die wenigen Produktionsmitteleigentümer handeln kurzsichtig und egoistisch, was dem allgemeinen Interesse an einer nachhaltigen, sozialen und demokratischen Wirtschaftsweise widerspricht. Sie entnehmen der Erde Ressourcen und hinterlassen Zerstörung, Gift, Abgase und Müll. Sie sind durch ihr starres, den althergebrachten energieintensiven Industrien verhaftetes Denken vor der Aufgabe gescheitert, zukunftsfähige Technologien zu entwickeln. Darum sind die Ausbildungs- und Arbeitsplätze heutiger Azubis und Arbeiter in fossilen und energieintensiven Industriezweigen gefährdet. Darum stehen wir vor der größten Umweltkatastrophe der Menschheitsgeschichte. Während die Industrien kommunistischer Länder im Wettbewerb mit den kapitalistischen auch Umweltzerstörung in Kauf nehmen, ist es ihnen doch durch langfristige Kalkulation und Rücksicht auf das Gemeinwohl systemisch möglich, einen Ökosozialismus zu etablieren. Vom Kapitalismus ist das nicht einmal theoretisch zu erwarten. Im Gegenteil, aus seinem Fetisch um den Profit erwächst immer systemnotwendig maximale Rücksichtslosigkeit und Zerstörung. Wollen sich die Kapitalisten mit ihren Familien und ausgewählten Funktionseliten auf »Inseln der Seligen« vor den Klimawandelfolgen und der globalen sozialen Verelendung retten? Stehen – wenn »Gated Communities« und Megayachten nicht mehr wetterfest sind – Luxusbunker, Biosphären, Raumstationen und Marskolonien auf dem Plan? Sollen uns die Fehler vergangener sozialistischer Versuche daran hindern, es neu und besser zu versuchen? Welche Wahl haben wir denn? Der Wagen fährt mit Vollgas gegen die Wand. Höchste Zeit, umzusteigen!
  • Beitrag von Paul L. aus K. ( 3. September 2020 um 15:46 Uhr)
    »Während FFF mit dem unkonventionellen Mittel des Schulstreiks – eine Art Verweigerung der Reproduktion ihres gesellschaftlichen ›Humankapitals‹ – ihren Forderungen Nachdruck verleihen, blockiert das Verbot des politischen Streiks die außerbetriebliche Interessenartikulation von Lohnabhängigen.«

    Von Autoren der ZME würde ich doch erwarten, dass sie das Verbot politischer Streiks nicht so einfach als gegeben voraussetzen. Da schreibt selbst für die BPB (Bundeszentrale für politische Bildung) Jörg Nowak in der Schlagzeile seines Beitrags: »Ein bisschen verboten: Politischer Streik«. (Siehe hier: https://www.bpb.de/dialog/netzdebatte/219308/ein-bisschen-verboten-politischer-streik)

    Ein konkretes Verbot politischer Streiks stünde also nicht nur quer zum Streikrecht und wäre entsprechend undemokratisch und sollte daher von seiten der Gewerkschaften demgemäß interpretiert werden. Und »demgemäß« meint hier entsprechend: ignorieren! Im Rahmen des Wiesbadener Appells von Veith Wilhelmy lässt sich darüber (und auf seiner Seite) ausführlicher nachlesen.

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