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Aus: Ausgabe vom 02.09.2020, Seite 10 / Feuilleton
Ausstellung

Steinzeitfiguren vor Walhalla

Von großem Welttheater und einem Scrapbook: Salzburger Ausstellungen im Jubiläumsjahr der Festspiele
Von Berthold Seliger
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Wilhelm Thöny, Madrid, o. J., aus dem »Scrap Book«

Das 100. Jubiläum hatten sich die Macher der Salzburger Festspiele sicher ganz anders vorgestellt. Corona diktierte ein verkürztes Programm (1. bis 30. August). Statt 240.000 konnten nur 76.000 Karten verkauft und die ursprünglich budgetierten 69 Millionen Euro mussten auf 42 Millionen reduziert werden. Aber Subventionsgeber wie »globale Sponsoren« (Audi, Siemens, Kühne-Stiftung, Rolex) blieben dem Festival treu, das bis heute eine ambivalente Bedeutung genießt, für die schon seine Gründer Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt und Richard Strauss standen.

Hofmannsthal vertrat »durchaus antimoderne und stark deutsch-völkische Grundelemente«, schreibt der Historiker Oliver Rathkolb im lesenswerten Katalog zur spannenden Landesausstellung »Großes Welttheater« im Salzburg-Museum und führt als Beispiel einen Satz des Dichters an: »Der Festspielgedanke ist der eigentliche Kunstgedanke des bayrisch-österreichischen Stammes.« Damit war explizit auch eine antiurbane Grundeinstellung verbunden. Dem Protagonisten der Moderne Reinhardt dagegen ging es um eine transkulturelle Ausrichtung der Festspiele; Reinhardt war eine Art »König der Festspiele«, er veranstaltete in seinem Schloss Leopoldskron rauschende Feste, die nicht zuletzt ein Anziehungspunkt für die im eigenen Auto »heranrasende« finanzkräftige internationale Klientel darstellten.

In den späten 1920ern begann an der Salzach ein ausgeprägter Starkult, vor allem um Dirigenten wie Clemens Krauss, Bruno Walter, insbesondere aber Arturo Toscanini, dem von 1934 bis 1937 eine regelrechte Heldenverehrung entgegengebracht wurde (wobei auch damals schon kritische Stimmen Personenkult und allgemeine Verflachung beklagten). 1938 sagte Toscanini wenige Tage nach der Unterzeichnung des Berchtesgadener Abkommens, das den Nazis weitreichenden politischen Einfluss in Österreich garantierte, seine Mitwirkung an den Festspielen ab. In der Ausstellung sieht man Toscaninis Telegramm: »… wundere mich dass man nicht die endgültigkeit meiner entscheidung verstanden hat.«

Die Festspiele und ihr jüdischer Direktor Reinhardt standen bereits seit 1933 unter Druck in Salzburg, das eine Hochburg der Deutschnationalen und Faschisten war. 1934 gab es einen antisemitischen Anschlag auf Reinhardts Wohnsitz und einen faschistischen Bombenanschlag aufs Festspielhaus. Reinhardt lebte seit jenem Jahr vor allem in den USA und kam nur noch zu den Festspielen nach Salzburg: »Das Schönste an diesen Festspielsommern ist es, dass jeder der letzte sein kann«, sagte Reinhardt über jene Jahre laut Carl Zuckmayers Autobiographie. »Man spürt den Geschmack der Vergänglichkeit auf der Zunge.« Reinhardt wurde zur Unperson und seines Besitzes beraubt, er starb 1943 verarmt in New York.

Der »Anschluss« Österreichs an Nazideutschland im März 1938 vollzog sich unter großer Anteilnahme der lokalen Bevölkerung: »Eine siegestrunkene Menschenmenge formierte sich zu einem martialischen Fackelzug durch die Innenstadt.« SS- und SA-Einheiten verhafteten den Landeshauptmann Franz Rehrl und deportierten ihn ins KZ Dachau. Am 6. April 1938 sprach Hitler im Festspielhaus. Am Abend des 30. April 1938 wurde eine Bücherverbrennung am Residenzplatz organisiert, Jugendliche warfen an die 1.200 aus öffentlichen Bibliotheken ausgesonderte Werke ins Feuer, darunter Bücher von Arthur Schnitzler, Franz Werfel und Stefan Zweig.

Die Auseinandersetzung der Festspiele mit diesem Kapitel ihrer Geschichte begann erst 1990, bis dahin war das ein erklärtes Tabu. Autoren wie der Musikjournalist Roland Tenschert, der bei den Festspielen die rassistische und politische »Säuberungspolitik« der Nazis propagiert hatte, sorgten für die Verdrängung. In einer von früheren NSDAP-Mitgliedern wie Franz Hadamovsky mitentwickelten Ausstellung zur Eröffnung des neuen Festspielhauses 1960 wurde die Nazizeit mit keinem Wort erwähnt. Erst im Jubiläumsjahr 2020 wurden am Max-Reinhardt-Platz 28 Stolpersteine zum Gedenken an von den Nazis verfolgte und ermordete Festspielkünstlerinnen und -künstler verlegt.

Zur eindrucksvollen Ergänzung des »Welttheaters« der Landesausstellung wird eine Ausstellung mit Werken des antifaschistischen Malers und »geselligen Einzelgängers« Wilhelm Thöny im Museum der Moderne: Verzweiflungsträume, Revolutionsskizzen, große Gemälde. Besonders im Gedächtnis bleibt das »Scrapbook« aus den 1930er Jahren mit Alltagsskizzen (unter anderem mit Ludwig Marcuse und Lion Feuchtwanger) oder einer Opernszene, die Wotan, die Riesen und Alberich als Steinzeitfiguren vor Walhalla zeigt, die »vor und am Ende jeden Akts das Horst-Wessel-Lied singen«. Ein Stockwerk tiefer »Orte des Exils« mit Gemälden von Lotte Laserstein, die beim Wiedersehen nach der großen Retrospektive in der Berlinischen Galerie viel Freude machen, mit kleinen Texten und Zeichnungen von Else Lasker-Schüler oder faszinierenden Fotos von Wolfgang Suschitzky. Sich ein paar Tage in Salzburg herumzutreiben bedeutet immer auch Erinnerung an dunkle Zeiten, an Faschismus und Exil. 1938 schrieb Thöny aus New York an Alfred Kubin: »Wie es mit mir weitergehen wird, weiß ich nicht; meine allnächtlichen Träume aber sind so schrecklich, dass mich das Grauen darüber tagsüber nicht verlässt.«

»Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele«, noch bis 31.10. im Salzburg-Museum; »Wilhelm Thöny« (bis 11.10.) und »Orte des Exils« (bis 22.11.) im Museum der Moderne Salzburg

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