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Aus: Ausgabe vom 26.08.2020, Seite 1 / Titel
Proteste gegen Rassismus

Wut und Widerstand

USA: Opfer von brutaler Polizeiattacke, Jacob Blake, weiter auf Intensivstation. Proteste gegen rassistische Gewalt
Von Frederic Schnatterer
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Ein Demonstrant stellt sich am Sonntag vor der Polizeistation in Kenosha einem Beamten entgegen

Der Parteitag der US-Republikaner in Charlotte im Bundesstaat North Carolina macht einmal mehr deutlich, was tagtäglich für Millionen Menschen spürbar ist: Das Leben von Schwarzen ist in den Vereinigten Staaten nichts wert. Nur einen Tag nach den Polizeischüssen auf den Afroamerikaner Jacob Blake in Kenosha im Bundesstaat Wisconsin bot die Partei von Präsident Donald Trump am Montag abend (Ortszeit) dem Ehepaar McCloskey eine Bühne. Die McCloskeys waren Ende Juni bekannt geworden, nachdem sie in St. Louis Waffen auf einen Demonstrationszug gegen rassistische Polizeigewalt gerichtet hatten. Nun warnten sie vor den »marxistisch-liberalen Aktivisten« und »Kriminellen« der »Black Lives ­Matter«-Bewegung.

Während Trump auf Rassismus setzt, um die Präsidentenwahl am 3. November zu gewinnen, hatte am Sonntag ein brutaler Polizeiübergriff erneut Trauer und Wut in der schwarzen Community ausgelöst. In einem übers Internet verbreiteten Video ist zu sehen, wie der 29jährige Blake zu seinem Auto geht, während ein weißer Polizist ihm folgt und dabei mit einer Pistole auf seinen Rücken zielt. Als Blake die Fahrertür öffnet und sich hineinbeugt – laut seinem Anwalt Benjamin Crump befanden sich zu dem Zeitpunkt seine drei Söhne in dem Fahrzeug – fallen mehrere Schüsse.

Der in den Rücken getroffene Blake überlebte wie durch ein Wunder, liegt jedoch weiterhin auf der Intensivstation. Laut Angaben von Ärzten könnte er dauerhaft querschnittsgelähmt bleiben. Am Montag kündigte das zuständige Justizministerium von Wisconsin an, die beteiligten Beamten würden für die Dauer der Ermittlungen beurlaubt. Außerdem solle innerhalb von 30 Tagen ein Bericht zu den »Vorkommnissen« vorliegen.

Gerade einmal drei Monate ist es her, dass der Schwarze George Floyd von Polizisten getötet worden war, woraufhin sich eine breite Bewegung gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA und weltweit formierte. Nun geben die Schüsse in Kenosha den Protesten neuen Aufwind. Bereits am Sonntag abend waren Bewohner der rund 100.000 Einwohner zählenden Stadt auf die Straße gegangen, auch in der Nacht zu Dienstag trotzten Tausende der ab 20 Uhr geltenden Ausgangssperre. Wie der Sender CNN berichtete, wurden im Rahmen der Proteste mehrere Gebäude angezündet, unter anderem brannte das Justizvollzugsministerium. Videos auf Twitter zeigen, wie Polizeikräfte Tränengas und Gummischrot gegen Demonstrierende einsetzen.

Auch in anderen Städten der USA, wo die Proteste gegen Rassismus – von den meisten Medien unbeachtet – auch nach drei Monaten nie zum Erliegen gekommen waren, fanden am Montag Demonstrationen statt. Beispielsweise in New York forderten Hunderte Gerechtigkeit für Blake sowie ein Ende der Polizeigewalt gegen People of Color.

Unterdessen reagieren die Demokraten gut zwei Monate vor der Wahl mit gewohntem Zynismus. Während der demokratische Gouverneur von Wisconsin, Anthony Evers, am Montag über Twitter einerseits der Familie von Blake sein Mitgefühl aussprach und erklärte, man habe den Rassismus im Land viel zu lange ignoriert, kündigte er andererseits den Einsatz der Nationalgarde gegen die Demonstranten an. So habe er 125 Nationalgardisten zur Unterstützung der örtlichen Beamten in die Stadt beordert. Diese hätten unter anderem die Aufgabe, »kritische Infrastruktur zu schützen«. Ebenfalls am Montag forderte der Präsidentschaftskandidat der Partei, Joseph Biden, eine »umfassende und transparente Aufklärung«.

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (26. August 2020 um 15:18 Uhr)
    Es muss kein Zufall sein, das Wisconsin von einem demokratischen Gouverneur regiert wird.

    Im Wahlkampf wurden auch also Obama Präsident war, Schwarze erschossen – und tatsächlich war die schwarze Community enttäuscht – auch aus andern Gründen (doch zu neoliberal) – da mehr zu Recht.

    Für Militärs und Polizei gehört Töten zum Beruf, während die andern mit Todesdrohungen im Zaum gehalten werden.

    Das Christentum ergänzt das noch wie der Islam um Höllendrohungen und Paradiesversprechungen (extrem »preiswert« – die Todesangst evoziert die Leichtgläubigkeit)!

    Spinoza hat das mit der Bibel im Theologisch-Politischen Traktat anhand der Geschichte der Hebräer en detail für die auf Bibelfestigkeit gegründete Kultur gezeigt und auch »sonst so« eine Staatstheorie vorgelegt.

    Es wird mit Massenloyalität aufgrund von Identifikation (Nachplappern, vertrauensselig) allgemeiner aus Gewohnheit regiert, das rationale Interesse spielt so gut wie keine Rolle!

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