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Aus: Ausgabe vom 24.08.2020, Seite 12 / Thema
Denkmalstreit

Mit der Vergangenheit brechen

Das Bismarck-Denkmal in Hamburg sollte entfernt oder umgestaltet werden, künstlerische Lösungen bieten sich an
Von Reinhard Kölmel
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Erhebt sich fast 35 Meter über die Hansestadt: die Statue Bismarcks im Alten Elbpark. Die Anfang 2020 begonnene Sanierung war Anstoß für eine öffentliche Debatte um Rolle, Bedeutung und Zukunft des Monuments

Seit rund zwei Monaten gibt es eine Kontroverse um die Hamburger Bismarck-Statue. Im Zuge antirassistischer Proteste wurde auch die Forderung nach einem Abriss erhoben. Wir dokumentieren im Folgenden in Gegenüberstellung zwei Positionen zur Statue und Bismarck als historischer Figur.(jW)

Die Hansestadt Hamburg verfügt über das weltweit größte Bismarck-Denkmal. Knapp 35 Meter misst es und überragt die Häuser der alten Wallanlagen. Dieser Bismarck aus Granitporphyr-Blöcken wurde von den meist alldeutsch gesinnten Bürgermeistern und Senatoren, den Reedern, Bankiers und Fabrikherren der Hansestadt gespendet und im Juni 1906 feierlich eingeweiht. Der »Zahn der Zeit« hatte an dem Koloss genagt: mit Erosion durch Wind und Regenwasser, mit Pflanzen, Blaualgen, Moosen, Flechten und seitens der Gesellschaft mit Graffiti. Doch nun wird er für neun Millionen Euro aufgefrischt – den größten Teil trägt der Bund – und für weitere Jahrzehnte standfest gemacht. Da kommt einem notwendig die deutsche Geschichte hoch.

Historischer Werdegang

Otto von Bismarck (1815–1898), die Ikone deutsch-bürgerlicher Vergangenheit, war von Hause aus ostelbischer Junker mit »verwaltungsbürgerlicher« Mutter. Er politisierte sich im ultramonarchistischen Junkermilieu und wurde 1862, mit nicht einmal 50 Jahren, von Preußens König Wilhelm I. zum Ministerpräsidenten ernannt. Er war ein Notkandidat. Der König schwankte damals zwischen Rücktritt und »Draufhauen«, wie seine Generale es forderten. Der Grund: Die bürgerlichen Parteien der zweiten Kammer wollten partout kein Geld für die Heeresreform freigeben. Dabei nutzten sie das eingeschränkte Budgetrecht, das sie durch die vom König gnädig gegebene Verfassung hatten. Sie fürchteten die Stärkung des Berufsheeres, das dann noch leichter als 1848 gegen die Berliner Bürger eingesetzt werden könnte.

Bismarck fand einen Ausweg, allerdings einen klar verfassungswidrigen: Am Parlament vorbei beschaffte er Geld für die Armeereform. Diese Armee durfte dann 1864 im Verbund mit österreichischen Soldaten die sehr viel schwächeren Dänen auf den Düppeler Schanzen in Holstein besiegen. Das wollte schon die deutsche Nationalbewegung von 1848.

Zwei Jahre später gelang es ihm, den Konflikt mit Österreich um die Vorherrschaft im deutschen Bund hochzukochen und 23 norddeutsche Staaten und freie Städte hinter der preußischen Armee zu versammeln, die bei Königgrätz siegte. Jubelnde Berliner Bürger im nationalen Hochgefühl füllten Straßen und Plätze. In der zweiten Kammer des preußischen Abgeordnetenhauses verabschiedeten die Parteien daraufhin das »Indemnitätsgesetz«, das Bismarck und den König vom jahrelangen Verfassungsbruch wegen der Armeereform freisprach. Damit hatte die Fortschrittspartei das Rechtsstaatsprinzip als wichtiges Verfassungsideal des liberalen Bürgertums in der Revolution von 1848 verraten. Und dennoch wollten viele ihrer Abgeordneten noch mehr Bismarck-Politik. Sie spalteten sich ab und gründeten die Nationalliberale Partei.

1870/71 gelang der Sieg über Frankreich. Der preußische König wurde in Paris mit Zustimmung der süddeutschen Fürsten zum deutschen Kaiser gekrönt. In Berlin und allen deutschen Landen war die nationale Begeisterung grenzenlos. Die preußische Armee umgab nun ein Glorienschein, und der König/Kaiser schenkte dem Volk eine von Bismarck redigierte Reichsverfassung. Sie behielt die Diktatur von Kaiser und Armee bei, aber gab ihr eine parlamentarisch-demokratische Hülle. Und zum Entsetzen der Generäle und Bürger erlaubte sie sogar die Teilnahme »des Pöbels« – jedenfalls soweit dieser männlich war – an den Wahlen.

Bismarck regierte den neuen Staat mit der Propagierung wechselnder Feindbilder. Erst ging es für den Fortschritt gegen das Papsttum, also mit den Liberalen gegen die Katholischen des Zentrums. Dann mit allen Konservativen und Bürgerlichen gegen die Sozialdemokraten, um die Arbeiter ruhigzustellen. Das gelang trotz der Unterdrückung durch die Sozialistengesetze nicht. Mit den Zollgesetzen von 1879 reagierte Bismarck auf die Kapital- und Agrarinteressen. Die waren gegen Russlands Getreideverkäufe und Englands Industrie gerichtet und verstärkten die Differenzen mit Deutschlands Nachbarn.

Im Inneren wuchs trotz heftiger Polizeistaatsunterdrückung mit der Sozialdemokratie eine neue Kraft heran, die Adel und Bürger fürchteten. Mit jeder Reichstagswahl wurde sie stärker. Auch die sozialen Zugeständnisse machten aus den Arbeitern keine Bürger. Bismarck wollte mehr Verbote und die Unterdrückung der Sozialisten. Er schürte mit der Macht der Armee im Rücken die Klassengegensätze: Diese Saat ging nach 1890 auf. Die Bürger forderten weitere Kolonien und eine größere Flotte, die Englands Herrschaft der Meere begrenzen konnte, der Adel mehr Erleichterungen für die Landwirtschaft, die Arbeiter mehr Lebensqualität und Rechte statt der 60-Stunden-Woche.

Deutschland forderte einen Platz an der Sonne, die Nachbarn fürchteten sich. In Hamburg, Berlin und anderen Städten freute sich das Volk an sogenannten Kolonialschauen, mit denen man dem Volk demonstrieren wollte, wie hoch doch die deutsche Kultur stand. Krupp und Wilhelmismus lieferten die Rechtfertigung für Kolonialkriege, Rassismus, Ausbeutung, Völkermord usw.

Zur gleichen Zeit, da die honorigen Verehrer Bismarcks das Hamburger Denkmal spendeten und bauten, schürten sie mit ihrem Alldeutschen Verband (Bismarck war Ehrenmitglied gewesen) übelsten Rassismus, Antisemitismus, Autoritarismus und glaubten an das Konzept eines Sozialdarwinismus, der Darwins Theorie als antidemokratische politische Gewaltideologie auf den Kopf stellte. Die von Bismarcks skrupelloser Politik hinterlassene Gesellschaft drehte sich in einem Strudel imperialistischer Weltsichten, obwohl Bürger, Industrie, Wirtschaft, Wissenschaften und Kultur sich in nie zuvor erreichten Höhen und Wohlstand spiegelten. Aber die Furcht vor der Unterschicht ging um. Ein Krieg erschien Adel und Bürgern als Hoffnung auf »Mannestat« und Befreiungsschlag. Der Juli 1914 bot den Mächtigen die Chance, nach den langjährigen Militärplanungen die inneren und äußeren Konflikte »siegreich« zu lösen.

Was tun mit dem Denkmal?

Was hat das alles mit dem Hamburger Bismarck-Denkmal zu tun? Tatsächlich sehr viel! Das überdimensionierte Schwert bemisst sich auf 60 Prozent der Höhe der Figur. Da haben Künstler und Architekt keinen mittelalterlicher Roland nachempfunden, sondern ein Monument wilhelminisch-völkischer Neoklassik geschaffen, in Stein geschlagenen Autoritarismus.

Denn es symbolisiert ausdrücklich die undemokratische Gewaltmentalität, den unbedingten Herrschaftsanspruch von Adel und Bürgern und die Quintessenz des bismarckschen Politikverständnisses: Nicht durch Reden und Beschlüsse, sondern durch Blut und Eisen werden politische Tatsachen geschaffen (Bismarck-Rede von 1862)! Wollen wir das wirklich restaurieren? Soll wieder das national-konservative »Hau-drauf« zum Leitgedanken werden? Fällt einem Rot-Grünen Senat da nichts Besseres ein? Jahrzehnte lang hatte sich am Standort des Bismarck-Denkmals ein Ausflugspavillon befunden, in dem sich 1848 die liberalen, revolutionär gesinnten Bürger und später die demokratisch und sozialistisch orientierten Arbeiter trafen. Sind das keine Traditionen, an die anzuknüpfen heute wertvoll wäre?

Mehr noch als Bismarck selbst hat die Blut-und-Eisen-Tradition, die er begründete, die seine alldeutschen Verehrer fortsetzten und ihre braun- und nationaldeutschen Nachfolger bis in die Gegenwart hochhalten, uns und ganz Europa schlimmste Katastrophen gebracht. Im fernen Afrika und in China hat sie gewaltsame Unterdrückung bis hin zum Völkermord gerechtfertigt. Heute ist angezeigt, mit dieser Tradition zu brechen, statt wieder an sie anzuknüpfen. Das gegen England präsentierte Schwert mit dem Recken dahinter darf uns nicht weitere Jahrzehnte begleiten.

Der Zweite Weltkrieg mit Bunkereinbau und Bombeneinschlag ist Teil der Bauwerksgeschichte und sollte sich außen im Denkmal wiederfinden. Ein solches Denkmal muss den Bruch mit der Vergangenheit zeigen, indem es selbst gebrochen ist; der Mann, das Schwert – sie dürfen nur noch Stückwerk sein. Vergangenheit sind ja beide, Zukunft sollten sie nicht sein. Man kann den Kopf abnehmen und neben das Denkmal stellen (Vorschlag von Pastor Ulrich Hentschels), es mit Stacheldraht umwickeln (Vorschlag Prof. Zimmerers) oder große Löcher als Erinnerung an die Geschosskanäle der Krupp-Kanonen durch den Bismarck bohren usw. Ein Zusatzdenkmal an die im Kaiserreich unterdrückten antiautoritären Volksbewegungen darf nicht fehlen. Das umzusetzen ist eine lösbare künstlerische Herausforderung. Kunsthallen-Gründer Alfred Lichtwark nannte das Denkmal einst ein »peinvoll stilisiertes Götzenbild«, jetzt kann der Senat es ändern.

Die Gegenrede vom Denkmalschutz ist eine schlechte Ausrede. Bereits 1961 war die Verarbeitung der Kriegserlebnisse in der Hamburger Verwaltung soweit gediehen, dass der Bismarck zugunsten von Planten und Blomen entfernt und durch einen Pavillon ersetzt werden sollte, was aber mit einer schnellen Unterschutzstellung verhindert wurde. Aktuell zeigt Hamburg, wie politisch Denkmalschutz ist. Die alte Altonaer Sternbrücke wollen Anwohner und Denkmalschützer erhalten. Aber der Politik reichte die finanzielle Gegenrede der Bahn, um für Abriss und Neubau zu plädieren – bis dann doch der Ärger der Anwohner eine Meinungsänderung anstieß.

Ist der Bismarck dem Senat heilig? Gegen eine Restaurierung machte sich mit einer Demonstration der Initiativen »Intervention Bismarck-Denkmal Hamburg« und »Decolonize Bismarck« bereits Widerstand bemerkbar. Auch Kultursenator Carsten Brosda (SPD) wendet sich inzwischen gegen den »heroischen Gigantismus« des Bismarck-Kolosses und schränkt die Bedeutung des kleinen Museums ein, das seine Behörde im Sockel angedacht hat. Es kann eine tatsächliche Veränderung des Denkmals nicht ersetzen, sondern würde als Begleitdarstellung lediglich die Aufgabe eines Alibis, der Vermittlung von Verdeckungsideologie gegenüber der Geschichte und der Intention des Bauwerks übernehmen können.

Reinhard Kölmel leitete 23 Jahre lang ein Naturmuseum an der Elbmündung. Seit 2009 ist er Rentner und freiberuflich tätig. Eine längere Fassung seines Beitrags erschien in der Zeitschrift Ossietzky, 13 / 2020.

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