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Aus: Ausgabe vom 24.08.2020, Seite 8 / Inland
Tod in Gewahrsam

»Diese Vorfälle sind Belege für strukturellen Rassismus«

Hamburg: Nach Tod von William Tonou-Mbobda Forderung nach erneuter Untersuchung. Gespräch mit Oloruntoyin Manly-Spain
Interview: Martin Dolzer, Hamburg
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Solidaritätsdemonstration in Hamburg (25.5.2019)

Die Staatsanwaltschaft Hamburg hat das Ermittlungsverfahren gegen Sicherheitsleute und eine Ärztin wegen des Todes von William Tonou-Mbobda im Universitätsklinikum Eppendorf, UKE, eingestellt. Wie bewerten Sie die Entscheidung?

Das ist unfassbar und ein Schlag ins Gesicht der trauernden Familie und der Black Community in Hamburg. Die Institutionen müssen Verantwortung übernehmen und mit der Last, die wir Schwarzen so lange er- und mittragen müssen, endlich angemessen umgehen. Statt dessen werden sie sich nun bestätigt fühlen in ihrer menschenverachtenden Einschätzung, »alles richtig gemacht« zu haben, wenn sie einen schwarzen Menschen getötet haben. Wir sind es leid, aus Menschenverachtung sterben zu müssen. Wir sind es leid, dass Strafverfolgung systematisch unterbunden wird. Wir sind es leid, dass nichts geändert wird.

Was wird dem UKE-Personal vorgeworfen?

Drei Sicherheitskräfte waren daran beteiligt, einen verängstigten jungen Mann, der sich freiwillig in der Psychiatrie befand, bis zu seinem völligen Zusammenbruch gewaltsam festzuhalten. Augenzeugen berichteten, dass er angegriffen, zu Boden geworfen, mehrfach getreten sowie fixiert und dabei unangemessene Gewalt angewendet wurde, während das psychiatrische Personal dabeistand, ohne einzuschreiten. Gut geschultes Sicherheitspersonal sollte die Gefahren der von ihnen angewendeten Fixierungstechnik eigentlich kennen. Man entschied sich jedoch gegen die klaren Regelungen in der sogenannten S3-Richtlinie und übte weiter Druck auf den Oberkörper von William aus – obwohl er schrie, dass er keine Luft mehr bekommt. Die Berichte, die wir von Patienten nach seinem Tod hörten, die die Securitymitarbeiter als Mörder bezeichneten, werfen die Frage auf, wie sehr rassistische Stereotype die brutale Behandlung von unserem Bruder Tonou Mbobda insgesamt beeinflusst haben.

Seit der Entscheidung finden täglich Proteste und Kundgebungen statt. Mit welchem Ziel?

Wir wollen die Menschen aufwecken und organisieren. Die Einzelfallarbeit und das Monitoring der »Black Community Coalition for Justice and Self-Defense« (Koalition für Gerechtigkeit und Selbstverteidigung, jW) zeigen, dass eine auffällige Anzahl Menschen aus unseren Communities in staatlichem Gewahrsam gestorben ist. Diese Fälle veranschaulichen die systemischen Probleme gerade in Justizverfahren, bei denen die Polizei und andere Institutionen immer wieder nicht zur Rechenschaft gezogen werden.

Deswegen rufen wir zu erneuten Nachforschungen auf, um den notwendigen Wandel in Fehlerkultur, Herangehensweise und Ausbildung herbeizuführen. Die Vertuschungen und Ausreden, die Verschleppung und anhaltende Straffreiheit im Fall Tonou-Mbobda erinnern uns an die vielen Fälle von Oury Jalloh bis Mareame N’deye Sarr in Deutschland, Adama Traoré und Wissam El Yamni in Frankreich, Rocky Bennett und Stephen Lawrence in Großbritannien und viele andere mehr. Diese schrecklichen Vorfälle sind Belege für strukturellen Rassismus und seine systematische Leugnung.

Planen die Angehörigen weitere Schritte?

Die Familie Mbobda hat uns mitgeteilt, dass sie den Kampf für ihr Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren und für Gerechtigkeit für ihren Sohn und Bruder nicht widerstandslos aufgeben wird. Sie hat ein Recht auf eine umfassende und öffentliche Beweiswürdigung sowie auf die Beantwortung ihrer Fragen, wie und warum Bruder Tonou-Mbobda gewaltvoll sterben musste.

Dieser Todesfall muss mit allen rechtsstaatlichen, politischen und zivilgesellschaftlichen Mitteln untersucht werden. Es ist bedauerlich und bedenklich, dass aus den vielen Todesfällen in freiheitsberaubenden Situationen bisher keine Lehren gezogen wurden. Psychiatrische Behandlungen müssen in einer Atmosphäre des Mitgefühls und des Respekts vor der Würde der Patienten erfolgen. Sie sollten heilungsorientiert sein und nicht potentiell zum gewaltsamen Tod führen.

Oloruntoyin Manly-Spain arbeitet in einer Beratungsstelle für ­Migranten und ist Aktivistin der Black ­Community in Hamburg

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