Gegründet 1947 Donnerstag, 29. Oktober 2020, Nr. 253
Die junge Welt wird von 2422 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 22.08.2020, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Arithmetiker

Von Arnold Schölzel
schwarzer kanal.png

Die hohe Schule der Fast-Nichtbeantwortung von Fragen demons­trierte am 16. August im Sonntagsgespräch des Deutschlandfunks der Kovorsitzende der Linke-Fraktion im Bundestag Dietmar Bartsch. Interviewer war Stephan Detjen, Chefkorrespondent des Deutschlandradios im Hauptstadtstudio des Senders. Es war das Ende der Woche, in der Olaf Scholz zum Kanzlerkandidaten der SPD bestimmt wurde, und Detjen startete mit dessen lustlosem Verhältnis zur Linkspartei: Die Nominierung sei doch wohl »eine programmatische Aufstellung, wenn nicht gar eine Richtungsentscheidung«, nämlich gegen Die Linke.

So etwas macht Bartsch, nun ja, mit links. Er formuliert kerrygoldweich: »Das teile ich nicht«, und ist in der pädagogischen Offensive: Es geht nicht um Programme, Detjen, sondern um Rechnen. Bartsch: »Man muss ja vor allen Dingen mal darauf schauen, was denn arithmetisch möglich wird, und mit Olaf Scholz besteht die Chance, dass Stimmen bei der Union und bei den Grünen gewonnen werden.« Scholz, ein Hoffnungsträger der Linkspartei.

Aber Detjen hat den Finger schon auf dem nächsten Druckpunkt: Macht bei einem Agenda-Stenz wie Scholz, der gerade in Richtung Linkspartei meinte, zum Regieren müsse man »regierungsfähig« sein, die Linke-Mitgliedschaft mit? Bartsch zündet die Taktikstufe zwei des Beantwortungssystems für ausgeschlafene Bundestagler. Erstens tun, als verstehe man die Welt nicht: Denn, so Bartsch, »Olaf Scholz (hat) eine Abkehr von Hartz IV vollzogen.« Das weiß Scholz allerdings selbst noch nicht. Zweitens verfolgte Unschuld mimen: Regieren? »Erstens beweisen wir das in Bundesländern und zweitens« ­… gibt es doch Andreas Scheuer und Horst Seehofer, d. h. Dümmere als uns. Schmerzfrei beim Vergleichen. Detjen ist aber noch nicht k. o. und fragt noch einmal nach den Mitgliedern. Und nun läuft Bartsch zu großer Form auf. Tagesparole: Die machen doch alles mit. Bartsch: »In Thüringen, in Berlin, in Bremen, überall gab es Mitglieder­entscheide, immer gab es riesige Mehrheiten für Regierungsverantwortung«. Denn wer die CDU nicht mehr regieren lassen mag, muss für Die Linke sein. Arithmetik, nicht Programmatik. Das ist Politik. Linke. Haben die Mitglieder begriffen.

Und Außenpolitik? Um es vorwegzunehmen. Bartsch macht etwas Zick und Zack, aber dann eine klare Ansage: »Und am Ende des Tages werden wir auch auf diesem Feld regierungsfähig sein.« Vorher wird Taktikstufe drei gezündet: Die Frage ist gegenstandslos, im Sinne des Wortes, z. B. mit Blick auf die NATO. »Ob die NATO bei der Bundestagswahl überhaupt noch existieren wird, wird sehr stark von Donald Trump abhängig sein«. Dann ohne Scherz: Die Linke will die Kriegsallianz »in ein System kollektiver Sicherheit unter Einschluss Russlands« verwandeln. Schon ist die Truppe weg. Detjen, Scholz etc. haben doch keine Ahnung: Den Fleischerhund zum Vegetarier machen? Kriegen wir hin, bastelbrothermäßig: Zack, fertich. Vorm Regierungseintritt NATO-Auflösung fordern? »Es ist völlig absurd.« Da hört Detjen zwar schon »Kompromissbereitschaft«, legt aber nach und zitiert: »Wir ziehen jetzt die deutschen Soldaten ab«. Damit kann er einen Fahrensmann nicht erschüttern: »Jeder, der halbwegs gerade durch das Leben geht, weiß doch, dass nicht am Tag, wenn Die Linke in Regierungsverantwortung eintritt, wir uns in die Flugzeuge setzen und die Jungs zurückholen. Das ist doch absurd.«

Da steckt die preiswürdige Neuerung drin: Sich schon vor der Wahl über Wahlversprechen, blöde Mitglieder und Wähler auf die Schenkel klatschen. Franz Müntefering befand als SPD-Chef einst, nach der Wahl an die Versprechen von vorher zu erinnern, sei unfair. Es gibt noch Unterschiede. Bartsch ist jünger als Müntefering.

So etwas macht Bartsch, nun ja, mit links. Er formuliert kerrygoldweich: »Das teile ich nicht«, und ist in der pädagogischen Offensive: Es geht nicht um Programme, sondern um Rechnen.

Unverzichtbar!

»Die junge Welt ist unverzichtbar, wenn ich meinen Kindern die Welt erklären will – Stefan Köpke, Dresden

Eine prinzipienfeste, radikal kritische Tageszeitung ist durch nichts zu ersetzen für all diejenigen, die dem real existierenden Kapitalismus und Faschisten etwas entgegensetzen wollen.

Diese Zeit braucht eine starke linke Stimme!

Ähnliche:

  • Die ernsten Dinge bitte später unter vier Augen: Gregor Gysi im ...
    07.05.2020

    Hardliner der Anpassung

    »Unideologische Herangehensweise«: Gregor Gysi ist neuer außenpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag
  • Folgsame NATO-Partnerin: CDU-Verteidigungsministerin Annegret Kr...
    17.10.2019

    Höchster Rüstungsetat aller Zeiten

    BRD gibt 2020 erstmals mehr als 50 Milliarden Euro für Militär aus. Verteidigungsministerin folgt NATO-Vorgaben
  • »Unterschreib oder stirb!« Bundesaußenminister Joseph Fischer at...
    16.04.2019

    Gregor Gysi unter Beschuss

    Chronik eines Überfalls (Teil 20), 16.4.1999: PDS-Fraktionschef mit Friedensplan in Belgrad

Mehr aus: Wochenendbeilage