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Aus: Ausgabe vom 20.08.2020, Seite 8 / Ansichten

Putsch nicht ohne Paris

Machtübernahme in Mali
Von Ina Sembdner
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»Nieder mit Frankreich und seinem Gouverneur«: Demonstranten in Malis Hauptstadt Bamako feiern am Dienstag den Rücktritt des Präsidenten

Ein Paradestück neokolonialer Empfindlichkeit: In Mali erzwingen Militärs mit dem Segen der Straße den Abgang des Präsidenten samt Regierung, und Frankreich und seine internationalen Spießgesellen reagieren verschnupft, da nicht beteiligt. Das entspreche nicht der »verfassungsgemäßen Ordnung«, hieß es unisono aus Paris, Berlin, Brüssel, New York und Washington. Das mag vom Ansatz her richtig sein, wäre der amtierende Staatschef jedoch ein unliebsamer, weil souverän agierender Präsident gewesen, hätte es laut Beifall gegeben. Aber Ibrahim Boubacar Keïta war ein dem Westen treu ergebener Vasall, korrumpiert von allerlei Annehmlichkeiten und auf demselben Hügel residierend wie zuvor die Kolonialmacht.

Die Einwohner Malis hatten davon schon lange die Nase voll und forderten zu Zehntausenden über Monate den Abgang Keïtas, in einem Atemzug mit der Forderung, Frankreich solle endlich seine Truppen abziehen. Seit Paris 2013 beschlossen hatte, dem Vordringen diverser Separatisten- und Dschihadistengruppen aus dem Norden des Landes Einhalt zu gebieten, gab es Truppenaufstockung um Truppenaufstockung. Die vor Ort zu Recht als militärische Besatzung empfundene »Hilfe« gegen den »Terror« wurde durch steigende Opferzahlen, Vertreibungen und eine extreme Verschlechterung der Sicherheitslage zur Farce. Denn wie üblich, wenn westliche Länder militärisch in inneren Angelegenheiten mitmischen, erhalten extremistische Kräfte dadurch erst richtig Auftrieb.

Wie sehr sich Paris in seiner Putschehre gekränkt fühlen muss, verdeutlichen folgende Zahlen: Bei 67 Staatsstreichen auf dem afrikanischen Kontinent zwischen 1952 und 2010 waren 16 der 26 beteiligten Länder ehemalige französische Kolonien. Insgesamt fanden dort 45 Putsche statt – wobei die meisten dieser sogenannten frankophonen Staaten, wenig überraschend, Militärabkommen mit Paris unterzeichnet haben, also französische Militärbasen beherbergen, die nach außen der »Verteidigung«, nach innen der kolonialen Kontinuität dienen. Und weil es doch immer wieder »aufmüpfige« Präsidenten gab, die ihre Länder partout nicht länger französischen Interessen zum Fraß vorwerfen wollten, half Paris dabei, 22 von ihnen seit 1963 zu ermorden.

Das »Nationale Komitee zur Errettung des Volkes« in Mali sollte also vorgewarnt sein. Die Einsetzung einer zivilen Übergangsregierung, die neue Wahlen organisieren soll, ist zwar objektiv zu begrüßen, stellt Frankreich und seine militärischen Bündnispartner, unter anderem die BRD, aber vor das Problem, wie Armeepräsenz und Einflusssicherung zukünftig durchgedrückt werden können. Wie panisch die EU-Oberen angesichts der für sie ungewohnt unkontrollierten Situation sind, verdeutlichte Kriegsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer: »Unserer Truppe geht es gut.« Wie es weitergeht, werde man insbesondere mit dem Partner Frankreich besprechen. Neokoloniale Empfindlichkeit eben.

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