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Aus: Ausgabe vom 17.08.2020, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Baumausreißer und seine Brüder

Ein unabhängiger Filmverleih bringt sozialistische Produktionen (zurück) ins Kino, aktuell einen psychedelischen Trickfilm aus dem Ungarn von 1981
Von Ronald Kohl
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Geht es da wirklich nur um Farbeffekte?

Würde man diesen Trickfilm heute einem uneingeweihten Publikum zeigen, käme wohl kaum jemand auf die Idee, dass es sich um eine sozialistische Produktion handelt. Titelheld in Marcell Jankovics’ »Der Sohn der weißen Stute« (Ungarn 1981), der vom genossenschaftlichen Filmverleih Drop-Out Cinema am 13. August restauriert in die deutschen Kinos gebracht wurde, ist kein Pony, sondern ein junger, blonder Mann. Überdeutlich erinnert die Figur an Siegertypen mit stahlblauen Augen aus US-Comics. Die Zensur hat sich damals auch nicht daran gestört, dass nur der Stärkere gewinnt und es darüber hinaus keine »Moral von der Geschicht’« gibt.

Trickfilm war im Sozialismus eine Nische für sich. In der sowjetischen Serie »Hase und Wolf« (»Nu, pogodi!«) genügte es der Figur des Wolfs schon, sich ungesund zu ernähren und ohne Helm Motorrad zu fahren, um sich frei zu fühlen. Die polnischen Jungs Lolek und Bolek hingegen mussten erst in den Wilden Westen reisen, um ihre tollsten Abenteuer zu erleben. Und Krtek, der tschechische Maulwurf, fand das, was er oben sah, immer so furchteinflößend, dass er bald wieder blitzartig in Richtung Mittelpunkt der Erde verschwand. Der verrückteste Trip jedoch kam aus Ungarn: die Abenteuer des neunmalschlauen Dreikäsehochs Adolar mit seiner aufblasbaren Weltraumrakete. Auch Marcell Jankovics gehörte zu den Regisseuren der dreizehnteiligen Kultserie. (In der DDR wurden, anders als im Westfernsehen, nur zwölf Folgen ausgestrahlt. Herausgenommen wurde der Film, der einen Planeten im dauerhaften Kriegszustand zeigt; selbst Adolar war auf »Superbellum« mit seinem Latein am Ende.)

Auf den internationalen Erfolg der Adolar-Filme reagierte Jankovics auf seine Art. Er drehte 1981 einen Film, dessen Handlung eins zu eins einen ungarisch-hunnischen Sagenstoff wiedergibt: »Feherlofia« in der Fassung von Laszlo Arany aus dem 19. Jahrhundert. Dass »Der Sohn der weißen Stute« dennoch Weltruhm erlangte, verdankte er seinem psychedelischen Farbspiel, bei einem abendfüllenden Animationsfilm ein Novum. Wie er dazu kam, erklärte Jankovics einmal damit, dass er 1968 infolge von tausend Zufällen den Auftrag erhalten hatte, für die indische Fluggesellschaft Air India einen Werbefilm zu drehen. Wichtig war für seine Zukunft nicht der überraschende Erfolg des Films (u. a. »Goldene Zeder« im Libanon), wichtig war für ihn die Reise nach Indien: Farben als Rauschmittel. Da das jetzige Publikum in dieser Hinsicht ziemlich abgestumpft ist, verdient der Plot wieder etwas mehr Beachtung.

Drei Söhne hat die weiße Stute. Die gute Stutenmilch hat sie zu Muskelprotzen werden lassen. Die beiden älteren heißen Eisenkneter (Vasgyuro) und Steinzerbrösler (Kőmorzsoló). Stärker als sie ist nur ihr kleiner Bruder Baumausreißer (Fanyüvö). Der kennt die Welt zwar nicht, will sie aber aus den Angeln heben. Eines Tages erzählt ihm die Mutter von den drei Drachen, die in der Unterwelt hausen und dort drei Prinzessinnen gefangenhalten. Baumausreißer überredet seine Brüder, die auch noch ledig sind, dem Unrecht ein Ende zu bereiten. Mit geballter Kraft werden die Prinzessinnen befreit. Dann beginnt der Streit um die Frauen. Das überrascht nicht. Sowieso fragt sich der Zuschauer, ob es wirklich nur die Farbeffekte waren, die die Herzen der Cineasten seinerzeit höher schlagen ließen, denn die Prinzessinnen sind nicht nur umwerfend schön, sie sind auch recht spärlich bekleidet. Lolek und Bolek hätten gewiss nichts dagegen gehabt, eine Nacht lang mit ihnen das Wort Kamasutra zu buchstabieren.

Als nächstes wird die unabhängige Drop-Out Cinema eG mit Sitz in Mannheim zwei sowjetische Klassiker (zurück) in die Kinos bringen, am 10. September die Science-Fiction-Komödie »Kin-Dza-Dza!« (1986, Regie: Georgi Danelija – Mad Max meets Monty Python à la Tarkowski) und am 22. Oktober den unvergesslichen Antikriegsfilm »Idi i smotri« (Komm und sieh, 1985) von Elem Klimow.

»Der Sohn der weißen Stute« (»Fehérlófia«), Regie: Marcell Jankovics, Ungarn 1981, bereits angelaufen

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